08.07.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Stammzellen
Foto: M. William Lensch, Harvard Medical School
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Labor-Sensation aus Newcastle wird von anderen Wissenschaftlern angezweifelt: Die Qualität des aus embryonalen Stammmzellen gewonnenen «Samens» ist noch ungewiss. Er soll im Kampf gegen Fruchtbarkeitsstörungen helfen.
Britische Forscher haben nach eigenen Angaben zum ersten Mal aus embryonalen Stammzellen menschliche Spermien gezüchtet. Die Wissenschaftler der Universität Newcastle hoffen, so Fruchtbarkeitsstörungen bei Männern weiter erforschen und dereinst behandeln zu können. Andere britische Forscher bezweifelten, dass es sich um voll funktionsfähiges Sperma handelte. Allan Pacey von der Universität Sheffield sagte, die im Labor hergestellten Samen hätten nicht die spezifische Form von normalem Sperma. Weitere Tests seien notwendig, um festzustellen, was die Forscher aus Newcastle wirklich erreicht hätten. Professor Azim Surani von der Universität Cambridge sagte, das Sperma sei «weit davon entfernt, mit echten Spermazellen vergleichbar zu sein.»
Die Wissenschaftler aus Newcastle betonten hingegen im Fachjournal «Stem Cells and Development», die Spermien aus dem Labor seien vollständig gereift und bewegungsfähig. Es könne allerdings noch fünf Jahre dauern, bis die Technik perfekt ausgearbeitet sei. Das «Kunst-Sperma» kann nicht für künstliche Befruchtungen eingesetzt werden, da dies unter britischem Recht verboten ist.
Der Leiter der Studie der Universität Newcastle, Karim Nayernia, sagte am Mittwoch, die Zellen zeigten alle Eigenschaften von Sperma. Er betonte, mit den künstlichen Spermien keine Eizellen befruchten zu wollen. «Wir verstehen, dass manche Menschen Bedenken haben. Aber das heißt nicht, Menschen im Reagenzglas produzieren zu können, und wir haben das auch nicht vor.»
Das Team gewann die Spermien aus Stammzellen von wenige Tage alten menschlichen Embryonen, die per künstlicher Befruchtung gezeugt worden waren. Anschließend wurden die Stammzellen im Labor angeregt, sich zu sogenannten Keimbahnzellen zu entwickeln. Diese geben genetisches Material an künftige Generationen weiter und sind die Vorläufer von Samen- und Eizelle. Die Zellen enthielten unter anderem je ein X- und ein Y-Chromosom, was sie als männlich definierte. Anschließend vollzogen sie die Reifeteilung (Meiose). Alledings sei noch nicht überprüft worden, ob die einzelnen Zellen allesamt überhaupt 23 Chromosomen «und keins mehr» hätten, sagte die Londoner Stammzellforscherin Robin Lovell-Badge.
«Unmoralischer Wahnsinn»Mit der neuen Methode könne die Entwicklung von Sperma untersucht werden, erklärte Nayernia. Vielleicht werde die Studie dazu beitragen, eine Behandlung für zeugungsunfähige Männer zu entwickeln. Kritiker bezweifeln das und führen vor allem ethische Gesichtspunkte ins Feld: Josephine Quintavalle von der Organisation «Comment on Reproductive Ethics» sagte, dass es sich um «ein Beispiel unmoralischen Wahnsinns» handle: «Perfekt lebensfähige Embryonen sind zerstört worden, um Spermien zu erzeugen, deren Gesundheit und Lebensfähigkeit in Frage steht.»
In Göttingen wurden 2007 Vorläufer von menschlichen Spermien aus Stammzellen des Knochenmarks im Labor gezüchtet. US-Forscher entwickelten 2003 aus embryonalen Stammzellen von Mäusen Spermien und befruchteten damit Eizellen. (nz/AP/dpa)