22.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Vorsicht am Toten Meer
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das Phänomen zeigt sich auf israelischer wie auf jordanischer Seite: Wandern und Baden am Toten Meer können lebensgefährlich sein. Riesige Krater bedrohen die gesamte Region.
Neugierig spähte Eli Raz am Ufer des Toten Meeres in ein kleines Loch im Boden, als sich die Erde unter ihm auftat und ihn verschlang. In der Furcht, nie mehr lebend da herauszukommen, kritzelte er seinen letzten Willen auf eine alte Postkarte. Nach 14 Stunden zog ihn ein Rettungstrupp unversehrt aus dem zehn Meter tiefen Krater. Fünf Jahre später arbeitet der 69-jährige Geologe nun daran, anderen ein ähnliches Schicksal zu ersparen.
Unter seiner Leitung werden die Löcher kartiert, die sich rund um das salzige Gewässer ausbreiten und die Gegend allmählich wie eine Mondlandschaft erscheinen lassen. Urplötzlich können die Trichter einbrechen. Das Phänomen zeigt sich auf israelischer wie auch auf jordanischer Seite des Toten Meers. Ursache ist der wachsende Wassermangel durch Tourismus, Industrie und wachsende Bevölkerungszahlen in den letzten Jahren, wie der Wissenschaftler erklärt.
Um ein Drittel geschrumpft Das Tote Meer ist um ein Drittel geschrumpft, seit Israel und Jordanien in den 60er Jahren begannen, Wasser aus dem Jordan, seinem Hauptzufluss, abzuzweigen. Die Folge: Der Meeresspiegel sinkt, dem zurückweichenden Salzwasser dringt Süßwasser nach und wäscht unterirdische Salzschichten aus, der entstandene Hohlraum sackt ein. «Das ist der augenfälligste Beweis für den brutalen Eingriff des Menschen am Toten Meer», sagt Raz.
Weite Uferstrecken sind bereits mit Zäunen abgesperrt; Warnschilder in hebräischer und englischer Sprache weisen auf Krater hin. Doch überall nach Erdeinbrüchen zu suchen, käme zu teuer. Erst vor zwei Monaten fiel ein israelischer Wanderer in einem Gebiet ohne Warnschilder in ein Loch und verletzte sich schwer. Solche Unfälle sind zwar selten. Doch gibt es Raz zufolge bis zu 3000 offene Krater entlang der Küste und vermutlich noch einmal so viele, die noch nicht eingebrochen sind.
Hotelpläne gestoppt Wegen der Einsturzgefahr mussten schon ein Campingplatz, Dattelpalmenhaine und ein kleiner Marinestützpunkt geschlossen und Bauvorhaben mit 5000 neuen Hotelbetten aufgegeben werden, wie Gilad Cohen vom israelischen Umweltministerium berichtet. Die Hauptdurchgangsstraße am Ufer entlang ist von Wasserläufen unterspült, die immer reißender werden, je weiter sie bis zum zurückweichenden Meer fließen müssen. Alle Bautätigkeit zwischen Schnellstraße und Meer sei untersagt, erklärt Cohen.
Israel wie auch Jordanien gewinnen durch Verdunstung Phosphate aus dem Toten Meer und haben Hotels für die tausenden Touristen errichtet, die die Heilkraft des Schlamms erproben oder einfach erleben wollen, wie man in dem warmen, extrem salzigen Wasser unsinkbar vor sich hin dümpeln kann. In den teuren Urlaubsanlagen an der Südspitze, die an einem von der Mineralindustrie künstlich angelegten See liegen, springen die Veränderungen nicht ins Auge. Doch bei Ein Gedi am Westufer, wo Raz wohnt, sind sie nicht zu übersehen.
1,5 Kilometer vom Strandbad zum Wasser Von 25 Jahren errichtete der Kibbuz Ein Gedi ein Seebad direkt am Strand - heute sind es 1,5 Kilometer bis zum Wasser. «Jeder Besucher, der nach zehn Jahren zum zweiten Mal kommt, bemerkt eine dramatische Veränderung», sagt Gidon Bromberg, Israel-Direktor der internationalen Umweltschutzvereinigung Friends of the Earth. «Die See hat sich von den Klippen zurückgezogen und kilometerweit Schlamm und Meeresboden bloß gelegt.» Schnelle Rettung ist nicht in Sicht. Die Weltbank prüft einen Vorschlag, einen Kanal zum über 160 Kilometer südlich gelegenen Roten Meer zu graben und so dem Toten Meer mehr Wasser zuzuführen. Doch bei geschätzten Kosten bis zu 15 Milliarden Dollar (gut 10 Milliarden Euro) sind die Aussichten eher düster. Wenn nichts geschieht, dürfte das Tote Meer in einem Jahrhundert um ein weiteres Drittel schrumpfen. (Joseph Marks, AP)