netzeitung.deOnlinesucht: Abhängig sind «nur» drei Prozent

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Der Mensch am Draht Grafik: nz/ban (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Mensch am Draht Grafik: nz/ban
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Surfen macht süchtig - das ist nicht neu. Matthias Jerusalem von der Berliner Humboldt-Uni glaubt aber, dass es so viele Süchtige gar nicht sind. Thema: Surfoholics Wege aus der Sucht Fallbeispiel: Eine 43-jährige Hausfrau Warum die Studie der Humboldt-Uni die Bessere ist

BERLIN. Matthias Jerusalem ist vorsichtig, er ist Wissenschaftler: «Nach den Daten, die wir erhoben haben, gibt es so etwas wie Internet-Sucht», sagt er. Seit 1999 läuft an der Humboldt-Universität eine Studie zu den Gefahren des Internet-Konsums. Jerusalem leitet sie.
Sucht scheint bewiesen
Die Ergebnisse liegen zwar noch nicht vor, doch eines ist anhand der Daten offensichtlich: Das Netz macht abhängig. Und das, sagt Jerusalem, trifft immerhin auf 2,5 bis drei Prozent der deutschen Nutzer zu.

Bei der Frage, für wen das Internet eine Gefahr ist, wird Jerusalem wieder vorsichtig: «In bestimmten Personengruppen gibt es möglicherweise hohe Anteile von problematischen Menschen.» Zu den «bestimmten Personengruppen» gehören für ihn vor allem männliche Jugendliche, Arbeitslose und Menschen, die allein leben – also theoretisch alle, die viel Zeit haben.
Online-Zeit ist kein Kriterium
Doch ganz so simpel scheint es nicht zu sein: «Die reine Online-Zeit ist nicht entscheidend. Wie lange sich jemand im Internet aufhält ist kein Kriterium dafür, ob er süchtig ist», sagt Jerusalem.

Abhängig sei, wer immer mehr surft und nicht mehr aufhören kann. Wer unkonzentriert und zappelig ist, wenn er nicht surfen kann, wer keine Kontakte mehr zu anderen hat und auch im Alltag nur noch ans Internet denkt.

Das sind nichts weiter als die klassischen Kriterien, die seit Jahrzehnten den medizinischen Suchtbegriff definieren: Toleranzsteigerung, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, soziale Einschränkung und Einengung des Verhaltens.

Internet als Flucht
Einen Zusammenhang gebe es aber auch zwischen der Internet-Sucht und der Art, wie man mit Schwierigkeiten umgeht: «Wenn ich Probleme habe, gehe ich ins Internet und versuche sie zu vergessen», beschreibt Jerusalem das entsprechende Verhalten. Auch eine Neigung zu depressiven Stimmungen, soziale Ängstlichkeit oder ein geringer Glaube an die eigenen Möglichkeiten, etwas zu ändern, seien bei den Süchtigen häufiger gefunden worden.

Zwei Formen von Süchten gibt es: Solche, die an Stoffe gebunden sind, die der Körper immer wieder braucht – wie sie Alkohol oder Drogen verursachen. Und solche, die nur im Kopf passieren – Kaufsucht zum Beispiel. Zu diesen so genannten nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten gehört die Sucht zu surfen. und zwischen ihnen scheint es auch einen Zusammenhang zu geben,sagt Jerusalem. Viele Surfoholics würden angeben, dass sie auch kauf- oder spielsüchtig sind.

Theoriekonform
So neu ist das alles nicht, das sagt auch Jerusalem: «Das sind theoriekonforme Ergebnisse, doch es war wichtig, sie mal empirisch sauber zu erheben.»

Und immerhin liefert sie eine interessante Zahl – in Deutschland sind demnach ungefähr 550.000 Menschen vom Netz abhängig - bezogen auf die 18,3 Millionen Menschen, die nach einer Studie von ARD und ZDF im Jahr 2000 das Internet nutzten.


Für das Web ediert von Kai Biermann