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Neue Sucht: Internet

21. Feb 2001 07:43
Amerikanische Psychiater und Psychologen befürchten eine «Epidemie». Immer mehr Menschen seien abhängig vom Surfen und Chatten, sagen sie.

WASHINGTON. «So gegen 10.00 Uhr morgens gehe ich online», schreibt eine Süchtige in einem Internet-Diskussionsforum. «Ich surfe bis etwa 16.00 Uhr, dann kommt mein Mann nach Hause. Gegen 18.00 Uhr gehe ich wieder ins Internet, meist bis 01.00 Uhr morgens».

So wie der Hausfrau aus dem US-Bundesstaat West Virginia geht es anscheinend bereits vielen Amerikanern: Sie sind süchtig.

Leben retten

Psychologen nehmen das Thema inzwischen ernst: «Wer in meine Praxis kommt, will sein Leben, seine Ehe oder seinen Arbeitsplatz retten», sagt Maressa Orzack. Die Psychiaterin vom McLean-Krankenhaus in Harvard im Bundesstaat Massachusetts empfängt pro Woche etwa zehn Hilferufe von Internet-Süchtigen.

«Jüngsten Untersuchungen zufolge sind rund sechs Prozent der Internet-Nutzer in den USA abhängig, also elf Millionen Menschen», sagt die Psychologin Kimberly Young. «Uns könnte eine Epidemie bevorstehen».

Suchtmerkmale

Mehr in der Netzeitung: Sucht-Gefahr
  • Chatter, Surfer oder Techno-Eremit 29. Dez 2000 08:21, ergänzt 08:56
  • Auch für den britischen Psychlogen Mark Griffiths zeigen viele Surfer typische Suchtmerkmale. Wie andere Abhängige litten sie unter Stimmungsschwankungen und zeigten Entzugserscheinungen. «Das Internet macht mich noch verrückt», klagt etwa eine 24-jährige Studentin in einem Diskussionsforum. «Es hat mich schon meinen Job gekostet».

    «Im Internet scheint alles so einfach, befriedigend und schnell», sagt Maressa Orzack zum Sucht-Potenzial. Der Surfer brauche nur seine guten Seiten zu zeigen und werde anonym und problemlos in eine Gemeinschaft aufgenommen. Dieses Gefühl der Erfüllung könne zur Abhängigkeit führen.

    Entzug kaum möglich

    Die Behandlung der Seuche ist allerdings problematisch. Totalentzug ist wegen der wachsenden Bedeutung von Online-Diensten im Wirtschafts- und Alltagsleben kaum möglich.

    Über das Gefahrenpotenzial des Internets sind sich die Psychologen und Ärzte einig, bei den Behandlungsmethoden gehen die Meinungen allerdings auseinander. So hat Kimberly Young in Bradford im US-Bundesstaat Pennsylvania den Online-Beratungsdienst netaddiction.com gegründet. Dort kosten 50 Minuten Beratung in einem Diskussionsforum 89 Dollar, etwa 190 Mark.

    Sucht kontrollieren

    Für die Psychiaterin Maressa Orzack ist das Blödsinn. «Da könnte ich ja auch einen Alkoholkranken zur Behandlung in eine Bar einladen.» Sie setzt darauf, im direkten Kontakt mit dem Betroffenen einen Behandlungsplan auszuarbeiten. Dabei ist sie sich bewusst, dass die Internet-Abstinenz in einer computerbeherrschten Welt keine Lösung sein kann. «Wir wollen den Süchtigen ermöglichen, ihre Abhängigkeit zu kontrollieren», erklärt sie ihr Konzept.

    Noch ist auch unter Experten umstritten, ob die Internet-Sucht überhaupt eine eigene Krankheit ist. «Kann das stundenlange Surfen als psychisches Problem wie die Schizophrenie oder eine Depression angesehen werden? Die Antwort lautet Nein», sagt der Psychiater John M. Grohol.

    Auch die Fachzeitschrift «CyberPsychology and Behavior» (CyberPsychologie und Verhalten) hat Zweifel ausgemacht: «Viele denken, dass es sich eher um eine Variante anderer Krankheiten handelt, wie der Spiel- oder der Kaufsucht.» (AFP)


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