Düsteres Szenario für den größten Wald der Welt
19. Jan 2001 00:13, ergänzt 05:30
 | Brasilianische Ureinwohner nach einer Brandrodung. Foto: web |
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Der Regenwald Brasiliens stirbt. Allen Anstrengungen zum Trotz steht das Amazonas-Gebiet vor dem ökologischen Kollaps.
BERLIN/MANAUS. «Avanca Brasil» (Fortschritt Brasilien) heißt das milliardenschwere Entwicklungsprogramm, mit dem die brasilianische Regierung zusammen mit internationalen Investoren das Amazonastiefland erschließen will. Investitionen von mehr als 40 Milliarden Dollar sind in den nächsten sieben Jahren geplant. Das Programm wird nach einer neuen Studie von US-amerikanischen und brasilianischen Forschern innerhalb kürzester Zeit zur Zerstörung des größten tropischen Regenwaldes der Welt führen.
Satelliten-Daten
Die Entwaldung Amazoniens ist kein neues Problem. Neu ist die Art der wissenschaftlichen Prognose. Die Ergebnisse, die am 19. Januar im Magazin Science veröffentlicht werden, basieren auf einem Ansatz, der versucht, alle Phänomene des Vorstoßes nach Amazonien einzubeziehen: Brandrodungen, Anstieg der Bevölkerungsszahl (von zwei Millionen Mitte der sechziger Jahre auf jetzt 20 Millionen), Pipelines, Straßenbau, Holzindustrie, Ölbohrungen und vieles mehr. Scott Bergen von der Oregon State University nutzte unter anderem Satellitendaten, um die weitere Entwicklung zu modellieren.
Straßen bedeuten Zerstörung
Eine, im Wortsinne, Schlüsselrolle spielt der Bau von neuen Straßen. Die «Jungle Roads» erschließen die Gebiete nicht nur für kontrollierte Entwicklung, sondern für jede Art von Landnutzung. Vor allem für verarmte landlose Bauern bieten diese Außenposten der Zivilisation oft die einzige Möglichkeit, ihre Familien zu ernähren. «Unglücklicherweise existiert nur wenig Kontrolle durch die Regierung», sagt William Laurance vom Smithonian Tropical Research Institute. «Neue Straßen bringen fast immer spontane Besiedlung, Abholzung, Jagd und Landspekulation mit sich. Der einzige Weg, diese Prozesse zu kontrollieren, wäre den Straßenbau selbst zu kontrollieren.»
Kaum Chancen für Umweltschutz
Selbst bei Anwendung eines optimistischen Szenarios wird die Waldzerstörung jährlich um 14 Prozent zunehmen. Derzeit fallen pro Jahr bereits mehr als 20.000 Quadratkilometer Regenwald, was etwa der Fläche Hessens entspricht, der Kolonisierung Amazoniens zum Opfer. Nach Ansicht der Regenwald-Experten steht mit «Avanca Brasil» die Zerstörung eines großen Teil der auf der Welt noch vorhandenen biologischen Vielfalt bevor. Nach dem «weniger optimistischen» Modell wären im Jahre 2020 nur noch fünf Prozent Urwald im Naturzustand übrig. Effekte wären eine starke Erhöhung des Ausstoßes von Treibhausgasen und nicht absehbare Klimaveränderungen. Die Bemühungen von Umweltschutzorganisationen und Regierungen um den Schutz des Regenwaldes würden von der Entwicklung überrollt..
«Noch nicht zu spät»
Es sei nicht zu spät, eine Lösung zu suchen, so die Wissenschaftler. Doch dies würde ein komplett neues Herangehen an die Situation erforden. Die im Kyoto-Klima-Protokoll vorgesehenen «Kohlenstoff-Guthaben» seien eine Option. Das Land könnte so durch die Schonung des Waldes bis zu zwei Milliarden Dollar jährlich einnehmen. Außerdem müsste der Wert des Ökosystems zum Schutz der Böden, des regionalen Klimas, gegen Flutkatastrophen und als Tourismus-Einnahmequelle höher eingestuft werden. Es sei «allerdings sehr unwahrscheinlich, dass sich solch ein Modell realisieren lässt», schreiben die Wissenschaftler in «Science».Marc Cochraine von der Michigan State University sagt, das Forscherteam sei «nicht blind» für Brasiliens Bedarf an wirtschaftlicher Entwicklung. Es sei jedoch «unbedingt nötig, dass das Land weiß, wohin diese Straßen führen.»
Für das Web ediert von Richard Friebe