Chatter, Surfer oder Techno-Eremit
29. Dez 2000 08:21, ergänzt 08:56
Macht das Internet abhängig und einsam - oder bietet es neue Chancen für den kulturellen Austausch?
BERLIN. Macht das Internet krank? Das Horrorklischee vom jugendlichen Internetnutzer, der vereinsamt, weil er die virtuellen Bekanntschaften im Cyberspace den realen Menschen vorzieht, geistert bereits seit Jahren durch die Medien. Genährt wird es zweifellos von den Möglichkeiten, die das Internet bietet: Es ist eben nicht nur ein Informations-, sondern vor allem auch ein Kommunikationsmedium, das seinen Nutzern theoretisch unbegrenzt zur Verfügung steht.
Anonyme Kommunikation
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Das Internet ermöglicht eine anonymisierte Kommunikation, wie sie rund um die Uhr in den zahlreichen Chatrooms, Foren oder Rollenspielwelten praktiziert wird. Hier kann man durch Pseudonym und fiktive Biographie den Bedingungen der Alltagskommunikation bequem entwischen. Oder man präsentiert sich ganz nach Belieben als männlicher oder weiblicher Gesprächspartner, hüllt sich in einen «virtuellen Körper, den man nach seinen individuellen Phantasien formen und verändern kann», wie der Sozialwissenschaftler
Jörg Müller
schon im Jahre 1996 schrieb.
Internet-Visionen zwischen Euphorie und Verdammung
Derartige Möglichkeiten beflügeln die Interpretationslust der Kommunikations-Experten.
Sherry Turkle
entwarf in ihrem Buch «Life On the Screen» schon vor Jahren das optimistische Bild einer Kommunikationsgesellschaft, deren Teilnehmer mit einer globalen Weltgemeinschaft besser umzugehen verstünden. Denn in den Rollenspielen des Internets hätten sie die Fähigkeit entwickelt, auf wechselnde Gesprächspartner aus unterschiedlichen Kulturkreisen flexibel zu reagieren.
Solch euphorischen Zukunftsvisionen stehen die Verdammungs-Urteile der Internet-Kritiker gegenüber. Von der «Wüste Internet» spricht
Clifford Stoll
in seinem gleichnamigen Bestseller. Und manche besorgte Mahnung über die vermeintlich schädlichen Folgen der Internetnutzung erinnert an die Debatten des 18. Jahrhunderts zum Bücherlesen: Damals warnten wohlmeinende Zeitgenossen vor der «Lesesucht» der Jugendlichen, die zu Vereinsamung und der Vernachlässigung beruflicher Pflichten führe.
Die «Internetsucht» und ihre Experten
Experten wie
Matthias Jerusalem
von der Berliner Humboldt-Universität oder
Oliver Seemann
, Leiter der Münchner Ambulanz für Internet-Abhängige, listen Merkmale einer als leidvoll erfahrenen Internetsucht auf: Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, soziale Probleme. »Viele Patienten«, so Seemann, »leiden an der Illusion menschlicher Nähe bei gleichzeitiger faktischer Distanz.« Dass das Internet »das Potenzial besitzt, uns sozial zu isolieren, einsam und depressiv zu machen«, ist auch das Fazit einer US-Studie, die vom Sozialpsychologen
Robert Kraut
an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh durchgeführt wurde.
Kimberly S. Young
, Autorin des auch auf Deutsch erschienenen Bestsellers »Caught in the Net«, warnt vor dem exzessiven Gebrauch des Mediums und vergleicht die Internetsucht mit dem Alkoholismus. Dieser Einschätzung widerspricht jedoch entschieden der Wiener Psychologe
Heiner Zimmerl
. Internetsüchtige, so argumentiert er, zeigten weder die Symptome des geistigen Abbaus, wie er bei Alkoholabhängigkeit stattfinde, noch handele es sich bei ihrer Sucht um eine körperliche Abhängigkeit.Dass das Internet per se keineswegs automatisch abhängig macht, ist auch die Ansicht der Sozialwissenschaftlerin
Nicola Döring
, die für eine differenziertere Sichtweise plädiert. Anhand von eigenen Untersuchungen hatte sie schon vor Jahren belegt, dass Internet-Nutzer im Schnitt weder besonders einsam noch kontaktscheu sind. Viele von ihnen nutzen die Internet-Kommunikation sogar dazu, im richtigen Leben neue Kontakte zu knüpfen.
Wer nutzt das Internet tatsächlich?
Mit der Gesamtheit der Internet-Nutzer, nicht den Süchtigen unter ihnen, beschäftigen sich auch die Marktforscher. Studiert man deren Ergebnisse, so stößt man, zumindest für den deutschsprachigen Bereich, auf verblüffende Aussagen: So ist die Zahl der älteren Internetnutzer über 50 Jahre geradezu rasant angewachsen - auf inzwischen 18 Prozent. Auch nutzen mehr Frauen als bisher angenommen das Internet, ebenso wie immer mehr Nichtakademiker.Geschätzte 9 Millionen Menschen nutzen das Internet in Deutschland, und sie tun es circa 6,5 Stunden pro Kopf und pro Monat. Darunter leidet der Fernsehkonsum, nicht aber die Zeit, die für Familie, Freunde oder Freizeitaktivitäten reserviert ist. Dies versichern laut
Infratest Burke
90 Prozent der Befragten: ein Ergebnis, das tröstlich stimmt.Für das Web ediert von Dagmar Lorenz