Das Jahr der gläsernen Basenpaare
18. Dez 2000 13:30, ergänzt 13:36
Forschungsergebnisse der Genetik haben im Jahr 2000 die Raumfahrt, Krebsforschung und Teilchenphysik in den Schatten gestellt.
HAMBURG. Die Wissenschaft im Jahr 2000 war geprägt vom Wettlauf um die Entzifferung des Erbguts: Forscher präsentierten das Genom von Mensch, Fliege, Maus und Pflanze. Damit stellten sie das Fundament für die Zukunft von Medizin und Biotechnik fertig. Immer wieder gelang es dabei dem einfallsreichen Genetiker und Unternehmer
Craig Venter
, die staatlichen Wissenschaftler zu überholen.
Durchbruch des Human Genome Projects
Gleich im Januar schockiert Venter die öffentliche Forschergemeinschaft mit der Nachricht, sein Unternehmen habe eine Skizze von 90 Prozent des menschlichen Erbguts vorliegen. Allerdings nutzt Celera Genomics in Rockville (Maryland) dazu auch Daten des staatlich geförderten,
internationalen Human Genome Projects
(HGP). Dies hat zu der Zeit 54 Prozent des Erbguts in ähnlicher Qualität entziffert.Im März legt Venters Team noch einen Schlag nach und präsentiert im Fachjournal Science die
Erbgutsequenz
der Fliege Drosophila melanogaster. Bereits zuvor waren viele einzelne Gene dieses pflegeleichten und rasch vermehrbaren Lieblingstiers der Genetiker bekannt. 60 Prozent des Genoms sind mit dem des Menschen identisch.
Was vom Erbgut übrig blieb
Am 6. April 2000 trifft Venter die staatliche Forscher erneut hart mit der Nachricht, sein Team habe 99 Prozent des menschlichen Erbguts entziffert. Allerdings seien noch einige Wochen nötig, um die Gen-Bausteine komplett zu ordnen. Dennoch hat sich der Aktienwert von Celera seit 1999 verneunfacht.Im Mai setzen staatlich finanzierte Forscher aus Deutschland und Japan ihre Daten dagegen: Sie präsentieren das Erbgut des menschlichen Chromosoms 21. Dieser zweite entzifferte Erbgutträger des Menschen spielt beim Down-Syndrom eine Rolle. Die Daten seien wesentlich besser als die von Celera, heißt es. Von 103 der 225 Genen des Chromosoms ist im Mai bereits die Funktion bekannt.
Am 26. Juni begraben Venter und das Human Genom Projekt vorübergehend das Kriegsbeil: Sie präsentieren einmütig einen Arbeitsentwurf, der 97 Prozent der menschlichen Genbausteine umfasst. Der HGP-Forscher Francis Collins dankt Venter für seine Bereitschaft, die Ergebnisse gemeinsam zu veröffentlichen und auszutauschen.
Die Forschung mit der Maus
Doch nun müssen die Forscher noch den Sinn vieler Gen-Bausteine erkennen. Und auch hier hat Venter die Nase vorn: Er verkündet im Oktober die Entzifferung von 95 Prozent des Mäuse-Genoms. Das Erbgut der Maus stimmt zum Großteil mit demjenigen des Menschen überein. Mit Hilfe des Versuchstiers kann jedoch die Funktion der Gene wesentlich leichter erforscht werden. Ein Verbund von US-Forschern hatte kurz zuvor angekündigt, das Maus-Erbgut bis 2001 zu entschlüsseln.
Im Dezember schließlich präsentieren staatliche und private Labors aus sieben Ländern gemeinsam das
Erbgut einer Pflanze
, der Acker-Schmalwand. Die künftige Kenntnis der Funktion aller Gene könnte von großer Bedeutung für die Verbesserung von Nutzpflanzen sein.
Erste Erfolge mit Gentherapie beim Menschen
Noch ist in großen Teilen des Erbguts vieler Organismen erst die Reihenfolge der Bausteine bekannt. Doch einige Genfunktionen kennen die Forscher schon, was zu Erfolgen in der Medizin führt: Kinder mit einer erblich bedingten Immunschwäche können in Frankreich ihre Isolierstation verlassen, weil Ärzte ihnen neue Gene einschleusten. Damit ist zehn Jahre nach den ersten Gentherapie-Versuchen ein erster Erfolg sichtbar. Wie lang er jedoch anhält, ist ungewiss.
Stammzellenforschung bringt Krebstherapie voran
In der Krebstherapie bringt die Firma Roche mit Herceptin das erste Medikament auf dem Markt, das gezielt nur bei Brustkrebs mit einer speziellen Erbgutveränderung wirkt. Zumindest im Tierversuch ist die Stammzellforschung erfolgreich: Forscher züchten aus Stammzellen von erwachsenen Tieren Nervenzellen und reparieren Herzmuskel bei Tieren. Heftigen Streit gibt es in Deutschland um Erlaubnis zur Forschung an menschlichen Embryozellen.
Besiedelung des Weltraums
Aber auch die Raumfahrt kommt einen mächtigen Schritt voran. In die Internationale Raumstation ISS zieht im November erstmals eine
Langzeit-Besatzung
ein. Im Dezember erhält die Station große Solarsegel und ist als «fliegender Stern» von der Erde aus sichtbar. Kurz zuvor beschließt Russland, die weltweit erste bemannte Raumstation, die Mir, im Ozean zu versenken.
Das Finale des Jahrhunderts der Physik
In diesem Jahr vervollständigt sich zugleich ein Weltbild der Physik: Am europäischen Teilchenbeschleuniger Cern in Genf finden Physiker deutliche
Hinweise auf das Higgs-Boson
. Falls sich dies bestätigt, wären die vorausgesagten Atomteilchen komplett.Die Nobelpreise bringen einen Wermutstropfen für Deutschland: Mit dem Physiker
Herbert Kroemer
erhält im dritten Jahr in Folge ein gebürtiger Deutscher, der in den USA arbeitet, einen Wissenschafts-Nobelpreis. (dpa)