Spott-Nobelpreis für die britische Marine
09. Okt 2000 18:25, ergänzt 18:42
In dieser Woche werden in Stockholm die Nobelpreise für Physik, Chemie, Frieden und Wirtschaft verliehen und mit Spannung erwartet. Gefürchtet dagegen sind die Ig-Nobelpreise, die es in der vergangenen Woche in Harvard gab.
HARVARD. Neben dem jährlich verliehenen noblen Preis gibt es auch den so genannten Ig-Nobel-Preis, ebenfalls jährlich. Vergeben werden die Preise allerdings nicht vom ehrenhaften Komitee in Stockholm, sondern von der amerikanischen Harvard-Universität. Ignoble ist englisch und steht für unehrenhaft oder unwürdig. Und Geld gibt es auch nicht, nur Spott.
Jeder kann gewinnen
Den Preis für Biologie bekam in diesem Jahr zum Beispiel Dr. Richard Wassersug für seine «Vergleichende Studie über die Schmackhaftigkeit einiger Trockenzeit-Kaulquappen aus Costa Rica». Die Arbeit war nicht unbedingt aktuell, der Biologe, der auch für die Nasa arbeitet, hatte die Studie schon 1971 veröffentlicht. Doch das macht nichts, jeder kann jeden nominieren, sogar sich selbst.Das passierte allerdings erst einmal: 1996 hatte sich Anders Baerheim von der norwegischen Universität Bergen für den Preis in Biologie selbst nominiert – und ihn gewonnen. Seine Untersuchung, ob sich der Appetit von Blutegeln mit starkem Bier, Knoblauch oder saurer Sahne steigern lässt, überzeugte die Jury.
Vermeidbarer Unsinn
Schwierige Kriterien müssen die eingereichten Studien nicht erfüllen, eigentlich zählt nur, dass deren Aufklärungswert für die Wissenschaft gleich Null ist. Je blödsinniger das Thema, desto höher die Chancen. Dabei ist der Ig-Preis nicht bloß ironisch gemeint, er soll vor allem unsinnige Forschung
bekannt machen und vielleicht sogar verhindern. Denn honoriert werden Dinge, «die nicht wiederholbar sind oder lieber nicht wiederholt werden sollten».Seit 1991 wird die von vielen Forschern gehasste Zeremonie von der Zeitschrift Annals of Improbable Research (AIR) ausgerichtet. In variablen Kategorien wird geurteilt, ob die Forschenden «außerordentlich blödsinnige Dinge getan haben – auf bewundernswerte Art, oder auch nicht».
Übung für den Frieden
Besonders eindrucksvoll in diesem Jahr, der Friedens-Ig-Nobelpreis für die britische Marine. Um Geld zu sparen testete sie eine neue und sehr friedliche Variante des Gefechtes: Bei der Ausbildung zum Kanonier müssen die Matrosen «Bang!» brüllen, statt auf Schiffe zu schießen. Einsparung: 624 Pfund pro Brüller, mehr als eine Million Pfund im Jahr.Der Psychologie-Preis wurde dagegen für eine interessante Erkenntnis verliehen - David Dunning von der Cornell-Universität und Justin Krieger von der Universität von Illinois erhielten ihn für ihre Studie: «Nicht gelernt und unbewusst: Wie Schwierigkeiten beim Erinnern der eigenen Inkompetenz zu übersteigerten Selbst-Einschätzungen führen».
Zu der jährlichen Zeremonie im Sander´s Theatre gehört auch, dass «echte» Nobelpreis-Träger die Trophäen überreichen. Wie so oft wurden allerdings nicht alle Preise abgeholt. Möglicherweise, weil einige der Gewinner im Gefängnis sind, wie die Veranstalter vermuten.
Für das Web ediert von Kai Biermann