Ärger bei der britischen Royal Society:
Darwin oder das 1. Buch Mose
17. Sep 2008 15:51
 |  Charles Darwin: Begründer der Evolutionstheorie | Foto: dpa |
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Die anglikanische Kirche hat sich offiziell bei Charles Darwin entschuldigt. Zeitgleich sorgt der Bildungs-Direktor der altehrwürdigen britischen Wissenschaftseinrichtung Royal Society mit Äußerungen zum Kreationismus für Verwirrung.
«Charles Darwin, die Kirche von England schuldet Ihnen einen Entschuldigung, dass wir Sie falsch verstanden haben.» Das wird ab Montag im Namen von Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury und Oberhaupt der englischen Kirche, auf einer neuen Webseite über Darwin zu lesen sein. 126 Jahre nach dem Tod des Begründers der Evolutionstheorie ist die Kirche nun der Meinung, Gott habe sich sowohl in der Bibel als auch in der Arbeit von Forschern gezeigt.
Während die Kirche in England Darwin rehabilitiert, gerät die britische Royal Society, eine der ältesten Forschungseinrichtungen der Welt, in ganz andere Fahrwasser. Michael Reiss, ehemaliger Pfarrer und Anhänger der Anglikanischen Kirche, ist Bildungs-Direktor der Royal Society. Er machte auf einem Wissenschaftsfestival in Liverpool mit der Äußerung auf sich aufmerksam, Kreationismus sei «keine falsche Vorstellung, sondern eine Weltanschauung.»
KreationismusKreationismus ist die wörtliche Interpretation der Bibel. Unter anderem wird die Entstehung der Welt und des Lebens als Schöpfungsgeschichte Gottes betrachtet (1. Buch Mose). Demnach lehnen die Kreationisten die Urknallteorie ebenso ab wie die Evolutionstheorie, denn die Welt ist in ihren Augen erst 6000 Jahre alt und wurde in sieben Tagen geschaffen. Eine politisch bedeutende Rolle spielen die Kreationisten in den USA, wo ihre Lehren von den einflussreichen evangelikalen Christen vertreten werden. Die Bevölkerungsmehrheit in den USA ist laut einer Umfrage dafür, in den Schulen parallel zur Evolutionslehre auch Kreationismus zu unterrrichten. |
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Seine Worte seinen falsch interpretiert worden, so Reiss später. Es gehe ihm um eine offene Diskussion mit Schülern, die im Unterricht kreationistische Argumente gegen die Evolutionslehre anführen. Ein Sprecher der Royal Society betonte, dass die Meinung Reiss' auch die Meinung der Institution sei. Inzwischen hat Reiss seine Äußerungen relativiert und ergänzt, «Kreationismus hat keine wissenschaftliche Basis.»
Naturwissenschaft und religiöse Dogmen vermischt
Das Hauptproblem ist nicht, wie und ob Michael Reiss falsch interpretiert wurde, sondern dass hier naturwissenschaftlicher Unterricht und religiöse Dogmen vermischt werden. Die Royal Society beeilte sich zu versichern, dass für den Kreationismus kein Platz an Schulen und Universitäten sei – Ein merkwürdiger Widerspruch zu Reiss' Forderungen.
Die Empörung der Kollegen war groß. Richard Roberts sieht in Reiss' Äußerungen eine unglaubliche Verfehlung. Der Wissenschatler, der 1993 den Nobelpreis für Medizin erhielt, forderte Reiss zusammen mit anderen Nobelpreisträgern in einem offenen Brief zum Rücktritt auf.
Besorgte Wissenschaftler
Viele Wissenschaftler betrachten den wachsenden Einfluss der Kreationisten mit großer Sorge. So auch Harry Kroto, 1996 Nobelpreisträger für Chemie und Richard Dawkins, Entdecker des «egoistischen Gens» und glühender Atheist. Der Oxforder Biologe engagiert sich seit Jahren gegen religiöse Eiferer und Kreationisten. Er verfasste unter anderem 2006 den Bestseller «Der Gotteswahn».
Das egoistische GenDer Oxforder Biologe Richard Dawkins hat die Evolutionstheorie 1976 auf die Ebene der Gene angewendet. In der Publikation The Selfish Gene beschreibt er, dass das "Überleben der Stärkeren" bereits auf der Ebene der Erbanlagen stattfindet. |
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Die Ursache für die heftige Reaktion von Dawkins, Kroto und Richards basiert auf ganz konkreten Erfahrungen. Während ihrer Arbeit in den USA sind sie Lehrern begegnet, die glauben, die Welt sei erst vor 6000 Jahren von Gott erschaffen worden und Alterbestimmung von Fossilien, Erdschichten und sogar Sternen seinen Hexenwerk.In vielen US-Bundesstaaten gibt es darüber hinaus sogar Bestrebungen, die kreationistische Weltsicht im Lehrplan des Biologieunterrichts zu verankern. Die hoch dekorierten Wissenschaftler fürchten dieses Szenario genauso wie einen wachsenden Einfluss kreationistischen Gedankenguts in Europa.
Dubiose Templeton Foundation
Die mächtige US-Amerikanische Templeton Foundation versucht seit Längerem Wissenschaft und Religion miteinander zu verbinden - mit der Aussicht auch den Kreationismus in die Klassenzimmer zu heben. Vor diesem Hintergrund erscheint die Rolle der Templeton Foundation als Geldgeber für die Royal Society – vorsichtig formuliert - als sehr unglücklich.
Vatikan und EvolutionDie Darwinschen Theorien und der christliche Offenbahrungsglaube sind laut dem Präsidenten des Päpstlichen Kulturrats «nicht unvereinbar». Bereits Papst Pius XII. hat die Evolutionstheorie 1950 in seiner Enzyklika «Humani generis» gewürdigt. Die Päpstliche Universität Gregoriana und die katholische Notre Dame University in Indiana planen nun sogar einen Kongress zur Evolutionstheorie. |
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Kreationismus ist in den USA längst gesellschaftsfähig: Die republikanische Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin von John McCain, Sarah Palin, ist bekennende Kreationistin. Würde McCain die Wahl gewinnen und plötzlich versterben, würde das mächtigste Land der Welt von einer Frau regiert, die die biblische Schöpfungsgeschichte für bare Münze nimmt.
«Nullius in verba»
Zurück zur Royal Society: «Nullius in verba» lautet der Leitspruch der Royal Society. Sinngemäß bedeuten diese Worte von Horaz, «Auf niemandes Worte schwören». Wissen statt Glauben. Ein Sachverhalt ist nur dann wahr, wenn man ihn im Experiment bewiesen hat. Vor diesem Hintergrund erscheint es erstaunlich, das mit Michael Reiss ausgerechtet ein gläubiger Christ und ehemaliger Pfarrer Bildungs-Direktor der Royal Society ist.
Für das Web ediert von Patrick Loewenstein