Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Massensterben an der Küste: 

Tristesse Royale im Austernparadies

04. Sep 2008 10:52
Die Postkartenidylle trügt
Bild vergrößern
Ein Herpesvirus rafft die französischen Austern dahin. Die Züchter schieben den Schwarzen Peter der Wissenschaft zu. Die setzt derweil auf den Gang der Evolution.

Die Septembersonne ist über dem weiten Becken von Marennes-Oléron aufgegangen. Keine Wolke am Himmel, aber die Brise vom Atlantik ist am frühen Morgen noch kühl. Philippe Labrousse sitzt am Steuerrad seines Kahns «Le Réaliste» und knattert raus zu seinen Austernbänken. Er zeigt auf den Horizont, wo sich die Wellen des Ozeans mit weißen Kronen brechen. Eine perfekte Postkartenidylle an der Südwestküste Frankreichs.

Doch die Miene von Labrousse ist finster. «Seit 22 Jahren bin ich Austernzüchter», sagt der 45-Jährige mit dem freundlichen, ledernen Gesicht. «Wir haben viele Krisen durchgestanden, aber so tief im Dreck wie diesmal saßen wir noch nie.» Er nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, dann wirft er den Stummel wütend über Bord. Ein mysteriöses Austernsterben bedroht die Branche. Ein Herpes-Virus rafft die delikaten Schalentiere massenhaft dahin. Warum, weiß niemand genau. Von den einjährigen Austern sind in den vergangenen Wochen in Marennes-Oléron 80 Prozent verendet. Auch in anderen Regionen in der Bretagne und am Mittelmeer hat die Sterblichkeit dramatische Ausmaße angenommen. Eine Austernknappheit in zwei Jahren scheint nicht mehr abzuwenden. «Es wird eine Katastrophe», sagt der Präsident des Austernzuchtverbandes, Francois Patsouris. Auch die Feinschmecker in Deutschland werden das zu spüren bekommen.

«Merde, Merde, Merde»

Labrousse kontrolliert heute zum ersten Mal die neue Zucht. Vor sechs Wochen haben die ausgewachsenen Austern ihre Milch abgegeben. Die befruchteten Larven haben sich an die Stangen geheftet, die als «Nistplätze» in der Flussmündung der Seudre ausgelegt sind. Labrousse zieht eine der Stangen aus dem Wasser. Die Larven sind noch nicht größer als ein Fingernagel. Mit einer Messerspitze klopft er auf die Schalen. «Merde, Merde, Merde», sagt er. Acht von zehn Larven sind schon verendet, die leeren Schalen lassen sich leicht abkratzen. «Das ist so bitter, das kann ich gar nicht meiner Frau verraten.» Er greift zum Handy und alarmiert seinen Verbandspräsidenten. «Nicht nur die einjährigen, auch die Austern dieses Jahres sind kaputt.»

Bild vergrößern
Patsouris beruft eine neue Krisensitzung ein. Vor einigen Tagen haben die Betroffenen, die oft in kleinen Familienbetrieben mit zwei oder drei Saisonkräften arbeiten, ihrem Zorn Luft gemacht. Vor der Präfektur des Départements Charente-Maritime in La Rochelle luden sie 20 Tonnen Austern ab. «Wir brauchen einen Rettungsplan und Soforthilfen», schimpfte einer der aufgebrachten Züchter. «Einige Kollegen denken an Selbstmord.»

Fischereiminister Michel Barnier hat zwar inzwischen reagiert und 2,5 Millionen Euro locker gemacht. Was er schuldig blieb, ist eine Perspektive. «Der Zukauf von jungen Austern kann uns auf lange Sicht nicht retten», sagt Labrousse. Investitionen in neue Ausrüstung und Austernbänke sind schon massenhaft storniert worden, immer mehr Austernparks in der Bucht werden aufgegeben und verrotten. Während die Austern in Deutschland noch Symbol für Luxus und Lebenskunst sind, herrscht bei vielen ihrer Produzenten Tristesse.

Der Klimawandel macht den Virus stark

Der Sündenbock für Labrousse und viele seiner Kollegen ist das französische Forschungsinstitut zur Nutzung der Meere (Ifremer). Der tödliche Herpes-Virus tauchte vor rund 15 Jahren zum ersten Mal auf. «Die Wissenschaftler hätten längst eine resistente Austernart züchten können. Aber nichts ist geschehen.» Bei Ifremer wiegelt man ab: Die milden Winter in Folge des Klimawandels hätten zur Verbreitung des Virus geführt, heißt es von dort.

Auch Nicolas Brossard, für die Qualitätsprüfung der Austern in Marennes-Oléron verantwortlich, glaubt nicht an Wunderrezepte. «Wir können nur auf eine Selektion der widerstandskräftigen Austern setzen.» Es könnten viele Jahre vergehen, in denen die Sterblichkeit noch steige, sagt er mit ratlosem Schulterzucken. Schon jetzt ist klar, dass die Jahresproduktion 2010 und 2011 auf zwanzig Prozent des üblichen Volumens einbricht. 3750 Betriebe mit 10.000 Festangestellten fürchten um ihre Zukunft. Die Krise steht stellvertretend für die Depression an Frankreichs Küsten. Neben den Austernzüchtern kämpfen auch tausende Hochseefischer ums Überleben. Die EU fordert schon lange ein «Gesundschrumpfen» der Branche auf ein für die Meere verträgliches Maß.

Auch für die Austernzüchter könnte die Zukunft in einer weniger intensiven Kultur liegen. In den Becken von Marennes-Oléron oder Arcachon bei Bordeaux werden die Schalentiere zu Milliarden Stück in Säcken aufgezogen, in hunderte Meter langen Bänken, die zu Dutzenden nebeneinander liegen. In der Normandie und der Bretagne stapeln sich die Austernsäcke in drei Lagen. Dadurch wird eine schnelle Verbreitung von Krankheiten natürlich gefördert, räumen einige Züchter ein.

Der Geschmack des Meeres

Der «Réaliste» hat inzwischen den Austernpark weit vor dem Ufer erreicht. Der Motor geht aus. Außer dem Rollen der fernen Brandung ist es vollkommen still. Labrousse schlüpft in Gummistiefel, die bis zu den Oberschenkeln reichen, springt aus dem Boot und watet zur Reihe mit den reifen Austern, die in diesem Herbst geerntet werden können. Mit fast zärtlichem Griff holt er ein halbes Dutzend aus dem Netz, reinigt die Schalen und klettert zurück auf sein Boot.

«Das Leben als Austernzüchter ist hart», sagt er, während er mit einem spitzen Messer die Meeresfrüchte öffnet. «In der Saison von Oktober bis zum März arbeiten wir jeden Tag, manchmal auch nachts, wie es die Gezeiten vorschreiben. An den Wochenenden geht es auf die Märkte. Wir kommen gerade über die Runden, und die Zukunft ist düster. Und trotzdem will ich keinen anderen Job der Welt machen.» Er ordnet die geöffneten Muscheln in einem Kreis vor sich, das Perlmutt glänzt in der Sonne. Erst reicht er dem Gast, dann schlürft er selbst, schließt die Augen und genießt den Geschmack des Meeres. (Tobias Schmidt, AP)

 
Drucken
Versenden
  • Bookmark:
  • Mister Wong Webnews Yigg Linkarena Google My Space Del.icio.us Oneview Facebook Twitter
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
  •  Berlin 22°
  •  Hamburg 23°
  •  Köln 22°
  •  Frankfurt 27°
  •  Stuttgart 23°
  •  München 22°
Aus anderen Ressorts
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Zur NZ-Jobsuche
Anzeigen:
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2009 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.