Start-Up-Unternehmen will hoch hinaus:
Brandenburg sucht Erstkontakt zum Weltall
29. Aug 2008 22:19
 |  Animation der Satelliten-Konstellation | Foto: PR |
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Länger als zehn Jahre haben sie darauf hin gearbeitet. Jetzt müssen nur noch die Satelliten ins All, dann kann das Unternehmen Rapid Eye endlich durchstarten. Vor der Firmenzentrale in Brandenburg fiebert die
Netzeitung mit.
Harald Konstanski ist kein Radioreporter, sondern Luftfahrtingenieur. Trotzdem muss er der Menge heute etwas beschreiben, was sie gar nicht sehen kann. Im kasachischen Baikonur sollen gleich fünf Satelliten ins All geschossen werden. Konstanski aber steht mitten in Brandenburg an der Havel, eine Autostunde von Berlin entfernt, und will den Leuten jetzt erklären, was da gerade passiert. Doch sein Kollege, der Elektroingenieur Pietro Widmer, fährt immer wieder dazwischen: «Wir bekommen gerade die Meldung, dass die dritte Phase eingeleitet ist», ruft er ins Mikrofon. Bei ihm laufen die Infos über den Flug der russischen Dnepr-Trägerrakete in Kasachstan zuerst ein, also schlüpft er in die Rolle des aufgeregten Live-Kommentatoren: «Die dritte Phase ist abgeschlossen.» Jetzt geht es für Rapid Eye richtig los.
Das Brandenburger Start-Up-Unternehmen Rapid Eye, für das Konstanski und Widmer arbeiten, hat die ganze Stadt eingeladen, dabei zu sein. Es ist zwar nicht die ganze Stadt da. Aber an die hundert Leute haben sich doch um die Bierbänke vor der Firmenzentrale, die sich in einem roten Backsteinhaus befindet, versammelt. Für Konstanski und Widmer ist heute ein historischer Tag. Denn wenn die Rapid-Eye-Satelliten ihre Umlaufbahn erst einmal erreicht haben, beginnt das eigentliche Firmengeschäft. Aus dem All werden von Hochtechnologie-Kameras Bilder der Erde in das Brandenburger Backsteinhaus geschickt. Aus den Aufnahmen gewinnt Rapid Eye dann Informationen, die Bauern, Förstern oder Agrarversicherer weiterhelfen. Es geht um Kartografie, Fruchtartenerkennung oder Schadensanalyse. Doch jetzt heißt es zunächst Warten. Warten, ob der Erstkontakt mit den Satelliten in 630 Kilometern Höhe gelingt. Der Ursprung des Unternehmens Rapid Eye liegt über zehn Jahre zurück. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt rief damals dazu auf, Vorschläge zu machen, wie man die Erdbeobachtung kommerzialisieren könne. Daraufhin entstand die Idee dieses Geo-Informationsdienstleisters. «Das älteste Start-Up-Unternehmen Deutschlands ist heute nach über 10 Jahren eine richtige Firma geworden», scherzt Wolfgang Biedermann, der Vorstandschef von Rapid Eye. Denn erst wenn die Daten aus dem All kommen, gibt es endlich ein Produkt. Etwas, womit die Firma Geld verdienen kann.
15-mal rund um die Erde pro Tag
Auf der Bühne geben sich Konstanski und Widmer weiterhin alle Mühe, die Geschehnisse im fernen Baikonur möglichst plastisch zu schildern. Zur Illustration veranstalten drei Mitarbeiter ein Raketen-Marionettenspiel. Der Nachbau im Maßstab 1:10 kreist zwar nicht um die Erde, aber wenigstens irgendwo zwischen ersten und zweitem Stock. Auch in dieser Marionetten-Aufführung ist die dritte Phase nun abgeschlossen. Der Erstkontakt steht immer noch aus.
 |  Die fünf Satelliten vor ihrer Reise | Foto: PR |
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Es ist die besondere Konstellation der 156 Kilogramm schweren Satelliten, die Rapid Eye gegenüber Konkurrenten abgrenzt. Jeden Tag sollen sie 15-mal die Erde in rund 630 Kilometern Höhe umkreisen und dabei multispektrale Bilddaten von vier Millionen Quadratkilometern Land liefern – ein Vielfaches der Fläche Deutschlands. So können den Kunden täglich qualitativ hochwertige Daten von jedem Punkt der Erde geliefert werden. Für die Landwirte sind besonders Prognosen über die Ernteentwicklung interessant. Sie helfen ihnen effizienter zu arbeiten. Versicherer im Agrar-Sektor können abfragen, wie groß der Schaden nach einem schweren Sturm ist oder auch das Gefahrenpotentiale besser einschätzen.
«Zum Feiern will ich Kontakt haben»
Als die Satelliten im All schweben, ist die Erleichterung unter den rund 90 Mitarbeitern und Familien groß. Experte Michael Oxfort zeigt sich mit der Rakete aus Russland zufrieden: «Das ist gute russische Technik. Kein High-Tech, aber robust.» Pietro Widmer wird in den nächsten Monaten mit dafür sorgen, dass die Satelliten richtig justiert werden, damit die Übertragung stimmt. Noch ist der Schweizer Ingenieur aber angespannt. Es gibt noch keinen Kontakt zwischen Satellit und Zentrale. «Zum Feiern will ich Kontakt haben», sagt er.Auch ohne Raketenstarts waren die vergangenen Jahre bei Rapid Eye turbulent. «Das Unternehmen ist mehr als einmal fast gestorben», erzählt Vorstandschef Biedermann. In München 1996 hatte das Projekt mit Fördergeldern vom DLR begonnen. Zwei Jahre wurde die Firma Rapid Eye gegründet. Die Fördergelder waren zunächst die einzige Finanzierung. Dazu kamen dann Kredite und Kunden wie die Versicherung Vereinigte Hagel, die schon damals das Potential erkannten und in Rapid Eye investierten.
«Am Anfang war der Optimismus groß, auf der Welle der Dot-Com-Blase, doch dann wurde das Projekt immer teurer. Was ursprünglich in D-Mark budgetiert war, haben wir in Euro ausgegeben», sagt Biedermann. Inzwischen liegt der Finanzeinsatz bei etwa 160 Millionen Euro. 35 Millionen Euro davon erhielt das Unternehmen vom Land Brandenburg, als es den Firmensitz 2004 von München nach Brandenburg an der Havel verlegte.
Globalisierung mitten in Brandenburg
Aus einer handvoll Mitarbeitern sind inzwischen über 90 Angestellte aus mehr als 20 Nationen geworden. Ein Musterbeispiel der Globalisierung mitten in Brandenburg. Wenn nach dem erfolgreichen Start alles nach Plan verläuft, soll das Unternehmen weiter wachsen. «Ich persönlich bin davon überzeugt, wir haben ein Geschäftsmodell, das wirklich groß werden kann», sagt Biedermann.Während Widmer weiter auf den Erstkontakt wartet, bleibt Zeit, noch ein paar Details zu klären. Wie sollen die fünf Satelliten eigentlich heißen? Man hatte eigens für diese Frage einen Namenswettbewerb veranstaltet. Das Ergebnis klingt durchaus eindrucksvoll: «Choros», «Choma», «Mati», «Torky» und «Trochia»! Und das soll sich einer der Teilnehmer ausgedacht haben? Naja, nicht ganz. Man habe einfach die Vorschlagskombination «Weltraum», «Erde», «schnell», «Auge» und «Weltumlaufbahn» ins Griechische übersetzt. Während sich vereinzelte Zuschauer noch an längst vergangene Schulzeiten zu erinnern versuchen und der Moderator von der ebenso längst vergangenen Raumpatrouille Orion schwärmt, kommt schließlich die entscheidende Nachricht: «Wir haben Kontakt zu den Satelliten.» (nz)