Vögel ganz menschlich: 

netzeitung.deDie eitle Elster im Spiegel

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Der Fleck muss weg (Foto: Ruhr Uni Bochum<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Fleck muss weg
Foto: Ruhr Uni Bochum
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nicht nur höhere Säugetiere sind mit einem Bewusstsein ausgestattet. Auch Vögel zeigen erstaunliche Denkprozesse.

Ein gelber Fleck unter dem Schnabel, wo keiner hingehört: Da schauen Elstern zweimal hin, wenn sie ihr Spiegelbild sehen, und machen sich gleich an die Fleckentfernung. Dieses Verhalten zeigt Forschern der Universitäten Frankfurt am Main und Bochum, dass sich auch Vögel im Spiegel selbst erkennen. Dieses Ergebnis hat wichtige Konsequenzen für das Verständnis von Intelligenz und Bewusstsein, wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift «PLoS Biology» schreiben.

In dem Experiment markierten die Forscher fünf Elstern mit einem gelben oder einem schwarzen, auf dem Gefieder nicht sichtbaren Punkt, unter dem Schnabel, für den Vogel im toten Winkel. Alle Vögel durchliefen dieselbe Prozedur der Markierung und wurden dann in einen Testkäfig gesetzt. In diesem Käfig war eine Wand entweder verspiegelt oder der Spiegel mit einer Kunststoffplatte abgedeckt. «Nur wenn der Vogel mit einem gelben Punkt markiert und der Spiegel unverdeckt war, begann die Elster, den Punkt zu entfernen», beschreibt Studienautor Onur Güntürkün. «Das zeigt uns, dass sie im Spiegelbild tatsächlich sich selbst erkannt hatten.»

Vögel und Säugetiere haben sich seit mindestens 300 Millionen Jahren getrennt entwickelt. Bislang konnte die Selbsterkennung im Spiegel nur bei wenigen Menschenaffenarten wie Schimpansen und Orang-Utans nachgewiesen werden. Hinweise gab es auch für Delfine und Elefanten. Diese Ergebnisse führten zu der Annahme, dass komplexe Denkprozesse und Bewusstsein nur bei höheren Säugetieren entstanden sind. «Der Nachweis des Selbsterkennens bei Elstern zeigt dagegen, dass diese Leistungen in der Evolution mehrfach und unabhängig voneinander entstanden sein müssen», sagt Güntürkün.

Prozess der Selbsterkennung
Lange Zeit wurde der bei Menschen und Menschenaffen besonders groß geratene Neocortex als unabdingbare Voraussetzung für komplexe Denkprozesse angesehen. Vögel weisen dagegen keinen Neocortex auf, ihr Hirn ist ganz anders organisiert. Damit zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass die Selbsterkennung von anderen Hirnstrukturen erzeugt werden kann. Der Neocortex ist ein Teil des Großhirns und für Sinneseindrücke zuständig.

Nach Mitteilung der Forscher ergeben sich aus der Studie wichtige Anschlussfragen, auch zur Selbsterkennung des Menschen. Bei ihm ist bislang nicht geklärt, wann sich der Prozess im Kindesalter entwickelt, in welchen Stadien dies verläuft und welche Bedingungen in der Evolution entscheidend waren. (nz/dpa)