23.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Auch für Frauen?
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Pharmakonzern Pfizer will erneut Frauen als Zielgruppe für seinen Umsatzbringer Viagra gewinnen. Das Potenzmittel soll depressiven Frauen einen Orgasmus bescheren.
Rechtzeitig vor dem auslaufenden Patentschutz versucht der Pharmakonzern Pfizer, für den Wirkstoff Sildenafil bekannt unter dem Markennamen Viagra eine neue Anwendungsmöglichkeit zu finden. Nach einer von Pfizer finanzierten Studie hilft die kleine blaue Pille nicht nur Männern mit Potenzproblemen, sondern soll auch Frauen unter antidepressiver Behandlung einen Orgasmus bescheren.
An der Studie der University of New Mexico in Albuquerque, die im
Journal of the American Medical Association (online verfügbar) veröffentlicht wurde, nahmen 98 Frauen im Alter von 18 bis 50 Jahren teil, die unter Behandlung mit einem Antidepressivum stehen und dadurch eine sexuelle Dysfunktion haben. Die Teilnehmerinnen mussten im Doppelblindverfahren entweder Sildenafil oder ein Placebo etwa ein bis zwei Stunden vor dem erwarteten Sex schlucken.
Zum Ende des Studienzeitraums von zwei Monaten hatte sich bei drei Viertel der Frauen, die ein Placebo genommen hatten, keine Änderung im sexuellen Erleben eingestellt. Bei den Frauen, die das Viagra-Präparat genommen hatten, war es nur knapp ein Drittel. In anderen Bereichen, wie Verlangen, Sexualtrieb oder Feuchtigkeit im Vaginalbereich ergaben sich in den Auswertungsfragebögen keine Unterschiede mit der Kontrollgruppe. Die Teilnehmerinnen, die Sildenafil genommen hatten, klagten allerdings über Nebenwirkungen, die gelegentlich mit dem Wirkstoff auftreten, wie Kopfschmerzen oder eine verstopfte Nase.
Sexuelle Dysfunktionen im Zusammenhang mit Antidepressiva der Klasse der selektiven Serotonin- Wiederaufnahmehemmer, sind bekannt. Bis zu 70 Prozent der Betroffenen leiden darunter. Die Studienautoren weisen darauf hin, dass eine zusätzliche Behandlung mit Viagra diese Patientinnen davon abhalten könnte, ihre Therapie abzubrechen. Etwa 70 Prozent der Depressionspatienten unterbrechen ihre Therapie in den ersten Monaten.
Der Pharmakonzern Pfizer macht pro Jahre etwa 1,7 Milliarden Dollar Umsatz mit dem Medikament. Im Jahr 2011 läuft der Patentschutz für den Wirkstoff aus, so dass Generikahersteller ähnliche Präparate auf den Markt bringen können.
Bereits vor vier Jahren hatte Pfizer versucht, Viagra auch bei Frauen zu etablieren, denn grundsätzlich verursacht der Wirkstoff auch bei Frauen einen erhöhten Blutfluss im Vaginalbereich. Entsprechende Studien über ein gesteigertes Lustempfinden hatten aber kein befriedigendes Erlebnis geliefert. Die Fachzeitschrift British Medical Journal hatte dem Konzern damals vorgeworfen mit der «weiblichen sexuellen Funktionsstörung» aus wirtschaftlichen Gründen ein neues Krankheitsbild zu erschaffen. (nz)