Da die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und der Einfluss von Risikofaktoren in der Regel andernorts ähnlich seien, erwarten die Greifswalder Sozialmediziner einen Erkenntnisgewinn weit über die Küstenregion hinaus. «Die Krankheitsentstehung ist ein sehr komplexer Vorgang und gleicht einem Konzert. Bei dem Bayern dominiert die Geige, bei den Vorpommern die Pauke, trotzdem ist die Partitur dieselbe», erklärt Internist Völzke. Ziel der Studie ist es zudem, wie durch ein Brennglas einen Blick auf die Gesundheitsprobleme der Zukunft zu werfen. Kaum eine andere Region in Deutschland ist stärker vom demografischen Wandel betroffen als Vorpommern, erklärt der Leiter des Instituts für Community Medicine, Wolfgang Hoffmann.
Unmittelbar nach der Wende verordnete der Wissenschaftsrat der von der Schließung bedrohten Medizinischen Fakultät die sogenannte Bevölkerungsmedizin. Damals als «Barfußmedizin» belächelt, hat sich der Stellenwert dieser Untersuchungen angesichts der zunehmenden gesundheitsökonomischen Zwänge inzwischen deutlich verändert. Prävention wurde zu einem gesundheitspolitischen Schlüsselbegriff. Den Risikofaktoren, wie sie in der Greifswalder Studie ermittelt werden, kommt dabei eine zentrale Rolle zu.
Mit den Daten aus der dritten Phase der SHIP-Studie verfolgen die Wissenschaftler darüber hinaus ein Ziel, das sie mit dem Begriff der individualisierten Medizin umschreiben. «Wir wissen, dass die genetische Ausstattung eines Patienten entscheidend die Medikamentenaufnahme und damit den Therapieerfolg beeinflusst», erklärt Studienleiter Völzke. Anhand der Studienergebnissen könnten künftig Therapien womöglich besser auf den einzelnen Patienten abgestimmt und optimiert werden. (Martina Rathke, dpa)