14.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Humangenetiker: Mitschuld an Nazi-Gesetz
Brisantes vom Genetik-Kongress: Deutsche Humangenetiker haben erstmals geschlossen eine «schwere Schuld» ihrer damaligen Fachkollegen am Massenmord von behinderten Menschen im Nationalsozialismus eingeräumt.
75 Jahre nach der Verkündung des «Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses» am 14. Juli 1933 hat sich die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik erstmals öffentlich zu einer maßgeblichen Beteiligung deutscher Ärzte und Wissenschaftler an den menschenverachtenden NS-Paragrafen bekannt. Die Erklärung erfolgte auf dem 20. Internationalen Kongress für Genetik in Berlin, der seit über 80 Jahren wieder in Deutschland tagt.
Das Gesetz sei die Grundlage für eine systematische und gewalttätige Missachtung fundamentaler Menschenrechte und den «Missbrauch ihrer wissenschaftlichen Autorität» gewesen.
Nach 1933 wurden zunächst vermutlich 400 000 Menschen durch Zwangssterilisationen verstümmelt. Einige tausend starben an den Folgen dieser Operationen. Am Ende mündete die staatlich gesteuerte Entrechtung behinderter Menschen im Massenmord der sogenannten Euthanasieprogramme.
«Biologische Unsinnigkeit der Eugenik offenkundig»«Das Verhalten der Humangenetiker ist umso unverständlicher, als auch beim damaligen Kenntnisstand der Genetik die biologische Unsinnigkeit der Eugenik offenkundig war», heißt es in der Erklärung der Humangenetiker. Das Gesetz sei damit auch ein historisches Dokument des Versagens von Wissenschaftlern.
Zur Zukunft schreiben die Genetiker: «Im Bewusstsein ihrer historischen Verantwortung bekennen sich die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik zu ihrer Verpflichtung (...) für den Respekt vor allen Menschen in ihrer natürlichen genetischen Verschiedenheit einzutreten.» Dies bedeute insbesondere eine «Absage an jede Form der Diskriminierung aufgrund ethnischer Merkmale oder aufgrund von genetisch bedingter Krankheit oder Behinderung.»
Heilungschancen gegen KrebsDer letzte Internationale Kongress für Genetik in Deutschland hatte 1927 stattgefunden. Danach kamen die grausamen «Experimente» des KZ-«Arztes» Josef Mengele und über die Disziplin Genetik fiel ein Schatten, von dem sie sich bis heute nicht gänzlich befreien konnte. Auch der Präsident der Gastgeber, Alfred Nordheim, räumte ein, dass es in der Öffentlichkeit noch immer große Bedenken gibt: «Man sollte sich hier nicht in Horrorszenarien verlieren», sagte er dem «Tagesspiegel».
Rund 2000 Wissenschaftler aus aller Welt werden bis Donnerstag im Berliner International Congress Center die neuesten Entwicklungen der Vererbungslehre bei Menschen, Tieren und Pflanzen diskutieren. Im Blickpunkt stehen Themen wie Stammzellforschung und Krebserkrankungen.
Sechs Nobelpreisträger zu GastAm Samstag stellte Professor Mario Capecchi ein Verfahren vor, mit dem man in der Maus ein beliebiges Gen anschalten kann, um zu sehen, ob und wie und vor allem in welchen Geweben dieses Gen zur Bildung eines bösartigen Tumors führt. Zusammen mit einigen weiteren Verfahren bekommen die Genforscher so zunehmend chirurgische «Kontrolle» über das Genom.
Capecchi ist nicht der einzige Medizin-Nobelpreisträger beim Kongress: Auch Oliver Smithies, Richard Axel, Christiane Nüsslein-Volhard, Erich Wieschaus und Phillip Sharp haben sich angemeldet. (nz/dpa)