31.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Ritterspiel in der Moderne
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das Mittelalter lebt im Netz. Ein Multimediaportal will den wissenschaftlichen Blick auf die Epoche schärfen. Das Wochenendwissen verlinkt zudem mittelalterliche Podcasts, Met-Rezepte und das Versprechen der Allwissenheit.
Das Mittelalter ist präsenter denn je: Diese raue aber geordnete Zeit, in der ein Leben schnell zu Ende sein konnte, in der aber auch die Gemeinschaft zählte, eignet sich prächtig als
Projektionsfläche und Bezugspunkt für alle möglichen gegenwärtigen Probleme und Ängste: Möchte man die eigene Gesellschaft als modern herausstellen, bezeichnet man die Zustände in anderen Gesellschaften gerne als
mittelalterlich, empfindet man dagegen die eigene Gesellschaft als
zu modern, wird sich ebenfalls gern des Mittelalters bedient, diesmal in Form von Gauklerfesten, Ritterspielen oder kontemplativen Chorgesängen.
Dazu kommen Historienromane, Onlinespiele oder Geschichten aus dem Fantasygenre, in denen die Helden durch eine mittelalterliche oder zumindest mittelalterlich interpretierte Szenerie wandern.
Verkaufserfolg ist da meist garantiert, es sei nur an Noah Gordans «Medicus», das Spiel «World of Warcraft» oder auch den Langzeitbestseller «Herr der Ringe» gedacht.
Auch im Netz wird ein eher verklärtes Mittelalterbild
rührend gepflegt: Da kann man sich bei den
Groner Kriegsknappen melden, in den Pergamenten der
Komturei des Templerordens stöbern oder sich über
Met-Rezepte austauschen. Man erfährt auch, dass etwa heutzutage
«Zauber und Hexen spärlich gesät sind, da die wenigen die dieses Wissen hüten, lieber unerkannt unter uns weilen. Aus diesem Grund ist es nicht jedem vergönnt an magische Elixiere zu gelangen, die Allwissenheit versprechen». Doch zum Glück gibt es
Rittertum.de.
Das Mittelalter gibt es im Übrigen auch als
Podcast und es werden natürlich auch
Geschäfte gemacht: Schauen Sie mal
hier, oder geben sie in der Suchmaschine «Tafeln wie im Mittelalter» ein. Nur eines kann der
ewige Mittelalterboom nicht so recht beleben: Die Studentenzahlen in den mittelalterlichen Seminaren an den Universitäten der Republik. So mancher Lehrstuhl scheint nur zu überleben, weil die Epoche im gesamten Geschichtsstudium Pflicht ist. Eine Anpassung an
gängigere Vermittlungsformen von Wissen soll das ändern:
Seit dieser Woche versucht ein
multimediales Lernportal der Universität Augsburg, einen Zugang zu mittelalterlicher Geschichte jenseits von Laienkonzepten im Stile der
Living History zu vermitteln. Eigentlich an Studienanfänger gerichtet, kann es vor allem auch Schülern und anderen Geschichtsinteressierten einen Überblick über wissenschaftliche Herangehensweisen an mittelalterliche Themen bieten.
Das virtuelle Tutorium orientiert sich in der Struktur an den Räumlichkeiten einer Universität: Der
Vorlesungssaal gibt einen Einblick in Periodisierung und die Themenbereiche der Geschichtswissenschaften, in
Bibliothek und
Handschriftenlesesaal wird die Herangehensweise an Fachliteratur und Quellen vorgestellt und im
Seminarraum werden Methoden und wissenschaftliches Schreiben vermittelt. Ergänzt werden die Lehreinheiten durch zwei Stunden
Filmmaterial, das sich qualitativ vor Produktionen wie ZDF History nicht verstecken muss und hanebüchne Geschichtsdokus der beiden privaten deutschen Nachrichtenkanäle locker in die Tasche steckt. Finanziert wurde das Projekt in
öffentlich-privater Partnerschaft mit einem ortsansässigen Traditionsbankhaus.
Das den Historikern nachgesagte
Eigenbrödlertum wird allerdings ebenfalls gepflegt: Möglichkeiten zum
Meinungsaustausch oder zur Diskussion, von denen nahezu alle anderen mittelalterlichen Laienauftritte im Internet leben, sind noch ausbaufähig, weil
gar nicht vorhanden. Dennoch erscheint die «digitale Einführung» ins Studium eine gelungene Ausnutzung moderner Informationstechnologien für einen eher als technologiearmen geltenden Wissenschaftszweig.
Und wer mehr über Beschwörungen des Mittelalters als Antwort auf ein
Unbehagen an der Moderne erfahren will, dem sei als Einstieg oder Wochenendlektüre
dieser Aufsatz von Otto Gerhard Oexle empfohlen.
Für das Web ediert von Daniel Kählert