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Wochenendwissen: 

Rittertum im Cyberspace

31. Mai 2008 09:58
Ritterspiel in der Moderne
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Das Mittelalter lebt im Netz. Ein Multimediaportal will den wissenschaftlichen Blick auf die Epoche schärfen. Das Wochenendwissen verlinkt zudem mittelalterliche Podcasts, Met-Rezepte und das Versprechen der Allwissenheit.

Das Mittelalter ist präsenter denn je: Diese raue aber geordnete Zeit, in der ein Leben schnell zu Ende sein konnte, in der aber auch die Gemeinschaft zählte, eignet sich prächtig als Projektionsfläche und Bezugspunkt für alle möglichen gegenwärtigen Probleme und Ängste: Möchte man die eigene Gesellschaft als modern herausstellen, bezeichnet man die Zustände in anderen Gesellschaften gerne als mittelalterlich, empfindet man dagegen die eigene Gesellschaft als zu modern, wird sich ebenfalls gern des Mittelalters bedient, diesmal in Form von Gauklerfesten, Ritterspielen oder kontemplativen Chorgesängen.

Dazu kommen Historienromane, Onlinespiele oder Geschichten aus dem Fantasygenre, in denen die Helden durch eine mittelalterliche oder zumindest mittelalterlich interpretierte Szenerie wandern. Verkaufserfolg ist da meist garantiert, es sei nur an Noah Gordans «Medicus», das Spiel «World of Warcraft» oder auch den Langzeitbestseller «Herr der Ringe» gedacht.

Auch im Netz wird ein eher verklärtes Mittelalterbild rührend gepflegt: Da kann man sich bei den Groner Kriegsknappen melden, in den Pergamenten der Komturei des Templerordens stöbern oder sich über Met-Rezepte austauschen. Man erfährt auch, dass etwa heutzutage «Zauber und Hexen spärlich gesät sind, da die wenigen die dieses Wissen hüten, lieber unerkannt unter uns weilen. Aus diesem Grund ist es nicht jedem vergönnt an magische Elixiere zu gelangen, die Allwissenheit versprechen». Doch zum Glück gibt es Rittertum.de .

Das Mittelalter gibt es im Übrigen auch als Podcast und es werden natürlich auch Geschäfte gemacht: Schauen Sie mal hier , oder geben sie in der Suchmaschine «Tafeln wie im Mittelalter» ein. Nur eines kann der ewige Mittelalterboom nicht so recht beleben: Die Studentenzahlen in den mittelalterlichen Seminaren an den Universitäten der Republik. So mancher Lehrstuhl scheint nur zu überleben, weil die Epoche im gesamten Geschichtsstudium Pflicht ist. Eine Anpassung an gängigere Vermittlungsformen von Wissen soll das ändern:

Seit dieser Woche versucht ein multimediales Lernportal der Universität Augsburg, einen Zugang zu mittelalterlicher Geschichte jenseits von Laienkonzepten im Stile der Living History zu vermitteln. Eigentlich an Studienanfänger gerichtet, kann es vor allem auch Schülern und anderen Geschichtsinteressierten einen Überblick über wissenschaftliche Herangehensweisen an mittelalterliche Themen bieten.

Das virtuelle Tutorium orientiert sich in der Struktur an den Räumlichkeiten einer Universität: Der Vorlesungssaal gibt einen Einblick in Periodisierung und die Themenbereiche der Geschichtswissenschaften, in Bibliothek und Handschriftenlesesaal wird die Herangehensweise an Fachliteratur und Quellen vorgestellt und im Seminarraum werden Methoden und wissenschaftliches Schreiben vermittelt. Ergänzt werden die Lehreinheiten durch zwei Stunden Filmmaterial, das sich qualitativ vor Produktionen wie ZDF History nicht verstecken muss und hanebüchne Geschichtsdokus der beiden privaten deutschen Nachrichtenkanäle locker in die Tasche steckt. Finanziert wurde das Projekt in öffentlich-privater Partnerschaft mit einem ortsansässigen Traditionsbankhaus.

Das den Historikern nachgesagte Eigenbrödlertum wird allerdings ebenfalls gepflegt: Möglichkeiten zum Meinungsaustausch oder zur Diskussion, von denen nahezu alle anderen mittelalterlichen Laienauftritte im Internet leben, sind noch ausbaufähig, weil gar nicht vorhanden. Dennoch erscheint die «digitale Einführung» ins Studium eine gelungene Ausnutzung moderner Informationstechnologien für einen eher als technologiearmen geltenden Wissenschaftszweig.

Und wer mehr über Beschwörungen des Mittelalters als Antwort auf ein Unbehagen an der Moderne erfahren will, dem sei als Einstieg oder Wochenendlektüre dieser Aufsatz von Otto Gerhard Oexle empfohlen.


 
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