27.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Im neuen «Indiana Jones»-Film spielt ein Kristallschädel die zentrale Rolle. Unter Esoterikern kennt man sein Rätsel schon lange. Maike Schultz hat sich über Fakten und Fiktion zum Artefakt informiert. Mit Video
Für Esoteriker sind Steven Spielbergs «Indiana Jones»-Filme ein gefundenes Fressen: Im ersten Film ging es um das Rätsel der Bundeslade, später folgte der sagenumwobene Heilige Gral und nun ein geheimnisvoller Kristallschädel. Über seine reale Herkunft und Eigenschaften wird bis heute gestritten: Die Hypothesen reichen von Atlantis über Außerirdische bis hin zur Fähigkeit, Geister zu rufen und in die Zukunft zu sehen.
Fakt ist: Kristallschädel gelten für viele Menschen als kosmische Energiequellen. Dass so wie im neuesten «Indy Jones»-Abenteuer sogar die Welt damit gerettet werden kann, ist Fiktion allerdings eine, die auf den religiösen Vorstellungen mesoamerikanischer Naturvölker beruht.
Funkeln in Ruinen der MayaIhr Ursprung liegt in einer Expedition des britischen Bankiers F.A. Mitchell-Hedges, der 1924 den südamerikanischen Dschungel bereiste. In den Ruinen eines Maya-Tempels fand seine Tochter Anna angeblich einen glitzernden Schädel aus Quarzkristall. Hohepriester der Maya sollen ihn zur Herbeiführung des Todes genutzt haben. Es gibt jedoch keine Beweise für die archäologische Herkunft des Fundstücks.
Mitchell-Hedges behauptete später, der «Schädel des Unheils» sei 3600 Jahre alt. Kritiker hielten dagegen, er hätte den Kristall 1943 bei einer Sotheby's-Auktion erstanden. So oder so sorgte das Objekt aus milchig-weißem Bergkristall für die wildesten Verschwörungstheorien. Die meisten stimmen in der Annahme überein, dass es 13 «Master-Schädel» gebe. Der Legende nach soll ihre Wiedervereinigung die Welt vor dem am 21. Dezember 2012 vorhergesagten Untergang retten - fast so wie in dem neuen «Indiana Jones»-Film.
Forscher: Alle Schädel gefälschtVermutlich waren es Machtgier und die Aussicht auf Bereicherung, die bei Antiquitätenhändlern einen wahren «Schädel-Trend» auslösten. Nach und nach kam eine ganze Reihe vermeintlicher Artefakte aus Mittelamerika ans Licht, rund ein Dutzend von ihnen lagern heute in Museen und privaten Sammlungen. Neueste Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass es sich dabei um Fälschungen handelt.
«Die gesamte Gattung der Kristallschädel ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts», sagte Jane Walsh von der Smithsonian Institution. «Viele dieser Schädel sind schlechte Kopien aus Glas oder sogar aus Gießharz». Wie «Spiegel Online» berichtete, kam ihre US-Forschungsstelle vor 16 Jahren selbst in den Besitz eines entsprechenden Artefakts - begleitet von einem mysteriösen Brief ohne Absender: «Dieser Aztekenschädel, angeblich aus der Sammlung Porfirio Díaz, wurde 1960 in Mexiko erworben».
Quarze aus dem 19. JahrhundertAuch das British Museum hat einen Kristallschädel, erworben von dem zwielichtigen Franzosen Eugène Boban. 1886 arbeitete er als Staatsarchäologe am mexikanischen Hof und verkaufte für 950 Dollar einen Kristallschädel an das Juweliergeschäft Tiffany & Co, das ihn später an das Londoner Museum weitergab. Dessen Forscherin Margaret Sax hat die beiden Schädel gemeinsam mit Jane Walsh untersucht: Nach ihren Erkenntnissen wurden sie mit sehr harten Schleifmitteln auf Drehscheiben hergestellt.
Zum gleichen Ergebnis kamen Wissenschaftler vom Forschungs- und Restaurationszentrum französischer Museen (C2RMF), die sich den Kristallschädel aus dem Pariser Musée du Quai Branly unters Mikroskop holten. Rotierende Scheiben seien den Azteken aber überhaupt nicht bekannt gewesen, heißt es bei «Spiegel Online».
Mit Hilfe eines Teilchenbeschleunigers hätten die Franzosen den Quarz außerdem auf das 19. Jahrhundert datieren können. Die Gruppe der Quarze ist mit einem Anteil von rund zwölf Prozent das am zweithäufigsten vorkommende Mineral der Erdkruste. Neben seiner Verwendung als Edelsteine für Schmuck wird Quarz auch industriell, etwa als Schleif- oder Poliermittel eingesetzt.
Mit Schädel in Trance versetzenWoher der Kristallschädel von Anna Mitchell-Hedges wirklich stammt, ist weiter ungeklärt. Nach Angaben ihrer offiziellen Homepage bewahrte sie den riesigen Edelstein bis zu ihrem Tod im vergangenen Jahr auf und glaubte an seine übernatürliche Heilwirkung. Die Website betreibt ihr Pfleger Bill Homann, dem sie den Schädel vermacht hat - sein Interesse an Einnahmen durch Besichtigungen dürfte also nicht zu leugnen sein.
Hart gesottene Esoteriker akzeptieren die Forschungsergebnisse zu den funkelnden Totenköpfen ohnehin nicht: Laut «Spiegel»-Artikel fragen bei Jane Walsh öfters Kristallschädel-Besitzer an, die die Köpfe miteinander «kommunizieren» lassen möchten. Colin McEwan vom British Museum habe ähnliche Erfahrungen gemacht: «Manchmal versetzten sich Leute vor dem Schädel in Trance». Wer möchte, kann das ab sofort in Paris tun: Das Quai Branly, Museum für primitive Künste, zeigt seinen Kristallschädel in einer viermonatigen Sonderausstellung.
Auch heute noch mit der Legende abkassierenDas Hollywood-Spektakel mit Harrison Ford hat inzwischen einen neuen Trend ausgelöst: Immer mehr Modeschmuckhändler verkaufen selbstgemachte Kristallschädel. So hat etwa der japanische Designer Takara Neduke seine Kollektion kurz vorm Kinostart um etliche «Indy»-Fanartikel erweitert. Bei ihm gibt es unter anderem einen vier Zentimeter großen Kristallschädel und die Vodoo-Puppe aus «Indiana Jones und der Tempel des Todes» als Kettenanhänger zu kaufen.
Auch Goldschmiede bei Ebay werben für «hochwertig hergestellte Bergkristallschädel, alles Einzelstücke». Die Anbieter versuchen gar nicht erst, Authentizität vorzutäuschen, sondern nutzen den Hype für ihre Geschäfte. Dabei ist die Idee zu dem Filmstoff gar nicht neu: Genau wie an den Tempelrittern oder anderen historische Mysterien haben sich schon etliche Science Fiction-Figuren daran abgearbeitet, zum Beispiel in «Stargate» oder «Relic Hunter». Bleibt abzuwarten, mit welchen neuen Rätseln uns der zweite «Akte X»-Film im Juli überraschen will.
Video: Der Kristallschädel von Mitchell-Hedges