Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Anpassung an die Umwelt: 

Vögel singen und zwitschern gegen Stadtlärm an

05. Mai 2008 15:45
Pfeift in der Stadt höher, schneller und kürzer: die Kohlmeise
Bild vergrößern
Höhere Tonlagen, lautere Schreie: So versuchen viele Vögel, sich mit ihrem Gesang gegen die Geräusche in der Stadt durchzusetzen. Dabei variieren die Strategien der verschiedenen Arten deutlich.

Sie singen nachts, zwitschern lauter oder trällern in höheren Tonlagen. Der Lärm in Städten verändert das Verhalten vieler Vögel. Auf geradezu kreative Weise verschaffen sich manche Tiere im urbanen Grundrauschen Gehör. Rotkehlchen werden zu Nachtschwärmern und Kohlmeisen zu hochtonigen Schreihälsen. Dadurch wiederum entwickeln sich Tiere in Stadt und Land auseinander. Langfristig könnten gar neue Arten entstehen, die sich untereinander nicht mehr verstehen, glauben Ornithologen. Zwischen Asphaltpisten und Bahntrassen vollzieht sich eine Art Evolution im Zeitraffer.

Dem Gesang männlicher Stadt-Nachtigallen lauschte der Verhaltensbiologe Henrik Brumm von der Freien Universität Berlin. Er fand heraus, dass die Tiere gegen laute Hintergrundgeräusche förmlich anschreien. In Berlin etwa waren sie bis zu 14 Dezibel lauter als ihre Artgenossen in den umliegenden Wäldern. Die Lautstärke steige proportional zum Pegel der Hintergrundgeräusche, berichtet das britische Magazin «New Scientist». An Werktagen hätten die Vögel morgens daher besonders laut gesungen.

Eine ähnliche Strategie haben Kohlmeisen, wie eine Studie der niederländischen Forscher Hans Slabbekoorn und Ardie den Boer-Visser von der Universität Leiden zeigte. Kohlmeisen pfeifen in Städten höher, schneller und kürzer als in freier Natur, um sich vom zumeist tieffrequenten Grummeln der Metropolen abzuheben. Die Forscher hatten die Tiere in zehn Städten beobachtet, darunter Berlin, London und Paris. Und es zeigte sich überall dasselbe Bild, wie die Vogelkundler 2006 im Fachjournal «Current Biology» berichteten. Diese Flexibilität mache Kohlmeisen erst zu Überlebenden des «städtischen Dschungels».

Rotkehlchen nutzen die Nacht

Rotkehlchen hingegen setzen weniger auf die Kraft ihrer Stimme. Sie weichen auf die selbst in Städten ruhigeren Nachtstunden aus, wie Richard Fuller von der Universität Sheffield ergründete. Je lauter die Geräuschkulisse am Tag ist, desto eher erheben Rotkehlchen nachts ihre Stimme, schrieben Forscher um Fuller im vergangenen Jahr in den «Biology Letters» der britischen Royal Society. Allerdings belaste das Nachtsingen die zierlichen Tiere, da sie weniger schlafen und dadurch einen gesteigerten Stoffwechsel haben.

Vor allem gegen den Straßenlärm schreien die Vögel an
Bild vergrößern
Grundsätzlich sind besonders diejenigen Vögel vom Lärm betroffen, die einen feinen Gesang haben und bei der Balz auf ihre Stimme angewiesen sind, sagt Martin Nipkow, Vogelschutzexperte beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). «Dazu gehört das Rotkehlchen mit seinem leisen, perlenden Gesang.» Tote Räume seien die Lebensräume neben Straßen deswegen freilich nicht. Tauben etwa hätten weniger Probleme mit städtischem Trubel, weil sie ihre Weibchen mit Balzflügen umgarnen.

Lauter auch an reißenden Flüssen

Dass Vögel in lauter Umgebung hohe Töne in ihr Stimm-Repertoire aufnehmen, ist laut Nipkow kein neues und auch kein rein städtisches Phänomen. «Man kennt das von Vögeln an reißenden Flüssen», sagt er. Beispiele seien Wasseramseln und Eisvögel. Erstaunlich sei aber, wie schnell die Anpassung in Städten gelungen sei. Das zeige, dass die Tiere sich in wenigen Generationen anpassen können - zumindest manche. Weniger anpassungsfähigen Arten droht dagegen das Aus. Zu den Verlierern zählen dem «New Scientist» zufolge die Goldamsel, der Kuckuck, der Drosselrohrsänger und der Hausspatz, weil sie nicht in der Lage sind, höher zu singen.

Völlig anders könnte Lärm auf Zebrafinken wirken. Diese in Australien heimischen Vögel mit ihren leuchtend roten Schnäbeln sind ihrem Partner normalerweise ein Leben lang treu. Bei Lärm hingegen schwindet ihre Monogamie, wie Forscher um John Swaddle vom College of William and Mary in Williamsburg (US-Bundesstaat Virginia) herausfanden. Das könnte daran liegen, dass Weibchen die vertrauten Laute ihrer angestammten Männchen nicht mehr hören können, berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin «Animal Behaviour».

Ob Untreue, Nachtgesang oder tierisches Geschrei - der Lärm in Städten beeinflusst das Leben vieler Vögel. «Die heile Welt fängt eben nicht gleich neben der Fahrbahn an», sagt Nabu-Experte Nipkow. (Christian Schultz, dpa)

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Bodenprobe endlich im Ofen: 
Sandkasten-Trick hilft Mars-Sonde
 
Klimawandel in der Arktis: 
Nordpol könnte im Sommer abschmelzen
Was das Klimapaket bringt: 
Kaminkehrer als Klimakontrolleur
 
Tagesthema Homöopathie: 
Die Sehnsucht nach Alternativen
Tagesthema Homöopathie: 
Wie Potenzen funktionieren
 
Geschichts-Tourismus: 
Hitlers Spuren in München
60 Jahre Luftbrücke: 
Operation Candy
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.