Tibet, Proteste und die Folgen:
«China sitzt globalpolitisch am längeren Hebel»
22. Apr 2008 11:38
 |  Entzünden der Olympischen Fackel in Peking | Foto: AP |
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Peking weiß: Wir brauchen China mehr als es uns - «sie haben deshalb politische Druckmittel in der Hand», sagt China-Experte Fuchs. Die
Netzeitung sprach mit ihm über Patriotismus, die Rolle der hiesigen Wirtschaft und Auswirkungen der derzeitigen Debatte.
Netzeitung: In westlichen Ländern wird angesichts des Vorgehens Chinas in Tibet ein Boykott der Olympischen Spiele gefordert. Was denken die chinesischen Wirtschaftspartner über diese Meldungen aus dem Westen?Hans Joachim Fuchs: Wir registrieren bei unserer Projektarbeit in China bei den chinesischen Partnern durchweg Befremden und ein Gefühl der Verletzung. Man versteht in China nicht, warum sich der Westen von einer kleinen politischen und religiösen Gruppe vereinnahmen lässt. Die idealistische Werte-Debatte der Europäer wirkt bei den pragmatischen Chinesen überzogen.
Netzeitung: Bekommen Ihre Partner in China ein akkurates Bild von der Haltung im Westen? Man liest hier immer wieder von Pressezensur.
Fuchs: Die Berichterstattung westlicher Medien kann im chinesischen Internet weitgehend unzensiert verfolgt werden, und die vielen Auslandschinesen stehen mit ihrer Heimat ständig in Kontakt. Ich selbst stelle bei meinen persönlichen Gesprächen in China immer wieder fest, dass meine Partner angemessen informiert sind.
Netzeitung: In chinesischen Medien wird der Dalai Lama als «Dämon» betrachtet, der zu Gewalt aufrufe und die «Spaltung des Vaterlandes» anstrebe ...
 | Hans Joachim Fuchs | Foto: Chinabrand |
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Fuchs: Diese völlig überzogene Darstellung fand in den chinesischen Medien statt, nicht in den westlichen. Ich kenne in meinem Umfeld keinen einzigen Chinesen, der diese Darstellung unterstützt. Soweit ich sehe, ist diese Wortwahl später in den chinesischen Medien auch nicht mehr aufgetaucht. Den mir bekannten Chinesen geht es nicht um den Dalai Lama, es geht ihnen um die Einheit und Integrität der Nation. Netzeitung: Sicherlich stehen nicht alle Repräsentanten chinesischer Firmen hinter der Politik Pekings – vor allem, wenn diese womöglich negative Folgen für ihr Geschäft mit dem Westen hat. Besteht also auch innerhalb des Landes Druck auf die Regierung von Seiten der Wirtschaft?
Fuchs: Es gibt so gut wie keinen Druck der chinesischen Wirtschaft auf Peking, weil das Gefühl der nationalen Einheit bei den Chinesen viel stärker ist als ihre wirtschaftlichen Interessen. Chinesen sind ausgeprägte Patrioten. Bei derart großen politischen Fragen, welche die nationale Einheit betreffen, sitzen Regierung, Unternehmen und Bevölkerung mehrheitlich in einem Boot.
Netzeitung: Zugleich wird der Vorwurf gegen die hiesige Wirtschaft lauter, sie stehle sich in der Frage der Menschenrechtspolitik Chinas aus ihrer Verantwortung. Ist diese Kritik berechtigt?
Fuchs: Wirtschaft steht immer in einer moralischen Verantwortung und hat immer auch politische Bezüge. Denken Sie an Themen wie Kinderarbeit, Umweltverschmutzung oder Klimawandel. Auch in Sachen Tibet und Olympia stiehlt sich die deutsche Wirtschaft keineswegs aus der Verantwortung, sie geht nur sehr viel diplomatischer mit diesem sensiblen Thema um. Die meisten deutschen Manager, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten in China arbeiten, haben eine sehr hohe China-Kompetenz. Die vernünftige und pragmatische Haltung der deutschen Wirtschaft erklärt sich nicht etwa nur aus ökonomischen Interessen, sondern nicht zuletzt aus dieser Kompetenz heraus.
Netzeitung: Sind die Sorgen der Wirtschaft berechtigt, dass ihr Geschäft unter der westlichen Kritik an der Pekinger Führung Schaden nimmt? Fuchs: Wenn die unreflektierte Kritik westlicher Politiker und Medien noch lange anhalten würde, könnten die wirtschaftlichen Beziehungen durchaus beschädigt werden. Dies sehe ich aber nicht, da im Westen ein Umdenken eingesetzt hat. Man versteht die Zusammenhänge und Hintergründe des Tibet-Konflikts besser.
Netzeitung: Herr Fuchs, Sie kennen die chinesische Mentalität sehr gut. Wie würde die chinesische Seite auf lautstarke Kritik seitens deutscher Unternehmen reagieren?
Fuchs: Erst irritiert und mit Unverständnis, dann mit Entrüstung und schließlich mit Protesten. Projekte würden auf Eis gelegt, Beziehungen abgebrochen werden.
Forum: Boykott der Olympischen Spiele |
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Netzeitung: Im Moment hat man den Eindruck, China drehe eher den Spieß um: Demonstranten in Qingdao verbrannten vor einem französischen Supermarkt die Trikolore und riefen zum Boykott französischer Waren auf. Sind Firmen in Frankreich jetzt zu Recht besorgt? Und müssen sich auch deutsche Unternehmen wie etwa Volkswagen Sorgen machen? Fuchs: Französische Unternehmen müssen sich derzeit sicherlich Sorgen machen, deutsche eher nicht. Wir hatten in Deutschland keinen Eklat mit der Olympischen Fackel wie in Paris, und die deutsche Wirtschaft geht eben sehr professionell mit dem heiklen Thema um.
Netzeitung: China ist für deutsche Firmen nicht nur ein immer wichtigerer Absatzmarkt, sondern auch Produktionsstätte. Erleichtert das die Haltung für die Pekinger Führung – weil sie weiß, dass der Westen angesichts des kräftigen chinesischen Wachstums nichts riskieren will?
Fuchs: Ohne Zweifel. China sitzt weltwirtschaftlich und globalpolitisch am längeren Hebel. Wir brauchen die Volksrepublik in der sich abzeichnenden multipolaren Welt mehr als sie uns. Das wissen die Chinesen sehr genau, sie haben deshalb politische Druckmittel in der Hand.
Netzeitung: Wie viel bringt die aktuelle Diskussion um Tibet und Menschenrechte – wird sie in China etwas verändern oder nach Olympia vergessen sein?
 |  Werbung für Olympia in Peking | Foto: dpa |
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Fuchs: Diese Diskussion wird nicht so schnell vergessen werden. Sie wird nachhaltig wirken – in China wie im Westen.Netzeitung: Was wird die Diskussion konkret bewirken?
Fuchs: Ich glaube, nach dem politischen Eklat werden beide Seiten zukünftig vorsichtiger und besonnener miteinander umgehen. Die Franzosen versuchen gerade, durch Ausdruck des Bedauerns und durch Einladungen die Wogen zu glätten, und Präsident Sarkozy hat sich jetzt bei China entschuldigt. China wiederum behandelt das Thema Menschenrechte auf einem internationalen Kongress in Peking. Der Trend geht dahin, Menschenrechte von einem politischen zu einem rechtlichen Thema zu machen.
Hans Joachim Fuchs leitet die Beratungsfirma Chinabrand in München und Schanghai. Der Diplomingenieur und Wirtschaftswissenschaftler verfügt über langjährige Erfahrung im asiatischen Raum und hat mehrere Bücher zur chinesischen Wirtschaft geschrieben. Die Fragen stellte Matthias Breitinger.