Nahrungsmittelkrise: Äcker sind die Schlachtfelder von morgen16. Apr 2008 19:42  |  Getreideernte
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Um die weltweite Ernährungskrise wirksam zu bekämpfen, reichen Finanzspritzen nicht aus. Die Agrarindustrie muss einen radikalen Wandel vollziehen und neue Handelsregeln aufstellen - andernfalls drohen weltweite Konflikte.
Die industrielle Landwirtschaft mit ihren gigantischen Feldern, Agrarchemie und künstlicher Bewässerung hat ihre Grenzen erreicht. Weltweit ist die Agrarproduktion durch Monokulturen, Wasserknappheit, Erosion, Dürre, schwindende Artenvielfalt und chemische Rückstände bedroht. Mehr als eine Milliarde Menschen hungern; Nahrungsmittel werden immer teurer und knapper. Saatgutpatente und Gentechnik gefährden die Arbeit der Bauern in armen Ländern, die sich teure Produkte aus den entwickelten Wirtschaftsräumen nicht leisten können.
Die gegenwärtige Lebensmittelknappheit ist aus Sicht des Agrarökonomen Joachim von Braun keine vorübergehende Krise, sondern die langfristige Folge verschiedener Entwicklungen, die nach internationalem Eingreifen verlangen. «Insgesamt müssen jetzt schnell Milliardenbeträge mobilisiert werden, um den Hunger wirksam zu bekämpfen», sagte der Leiter des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungspolitik in Washington der Wochenzeitung «Die Zeit». Jacques Diouf, der Chef der Welternährungsorganisation FAO, warnte vor Sicherheitsrisiken: «Das wird einen Einfluss auf die Stabilität in der ganzen Welt haben.»Vor allem die Vertreter umweltverträglichen Landbaus sehen sich durch die bedrohliche Entwicklung bestätigt. Der Weltlandwirtschaftsrat IAASTD setzt in seinem jüngsten Bericht klare Priorität auf den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und eine Ressourcen schonende Ökologisierung der Landwirtschaft. Das steht gegen die von der Agrarindustrie vorangetriebene chemische und gentechnische Intensivierung.
Noch ist nicht sicher, was den jüngsten Preisanstieg tatsächlich verursacht hat. Sichtbar ist: Der Reispreis verdreifachte sich seit 2006. Auch die Nachfrage nach Energiepflanzen hat laut Weltbank deren Preis um 30 Prozent ansteigen lassen. Die Nachfrage in Schwellenländern, wo der Bedarf an Milch und Fleisch steigt, treibt die Weltmarktpreise. Die Chinesen essen besser und mehr. Die Produktion eines Kilogramms Fleisch erfordert sieben Kilogramm Getreide - und ein Vielfaches an Wasser. Zudem entdecken Spekulanten den Lebensmittelmarkt und investieren in riskante Fonds mit Nahrungsmitteln. Nun, da die Lebensmittelpreise in den vergangenen drei Jahren durchschnittlich um mehr als 80 Prozent gestiegen sind, werden die Subventionen in den USA und Europa verringert. Die USA können bei der kommenden Welthandelsrunde im Mai in Doha, der Hauptstadt des Scheichtums Katar, niedrigeren Subventionen zustimmen, da die mächtige US-Farmer-Lobby davon ausgehen kann, dass die Lebensmittelpreise hoch bleiben werden. Auch EU-Agrarsubventionen werden für die Bauern unattraktiv, weil die Erlöse so hoch sind. Doch mit den Subventionen sind die Bauern auch nicht mehr an Auflagen und Schranken gebunden, was sich nachteilig auf die Äcker auswirkt und den klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoß der Landwirtschaft erhöht. Der deutsche Bauernverband sieht jedoch auch Chancen und glaubt, dass der Preisanstieg nicht einseitig als Bedrohung für Entwicklungsländer gesehen werden kann. Konkret: Bei höheren Agrarpreisen konzentrieren sich die Bauern auf die Nahrungsmittelproduktion, während Bioenergie an Wettbewerbsfähigkeit verliert.
WeltlandwirtschaftsratDer Weltlandwirtschaftsrat (IAASTD) wurde 2002 auf dem Entwicklungsgipfel in Johannesburg gegründet. Sein Ziel: eine globale Strategie für die Landwirtschaft und gegen den Hunger in der Welt zu entwickeln. 400 Wissenschaftler und Vertreter von Regierungen, Industrie und Nichtregierungsorganisationen werteten drei Jahre lang Forschungsergebnisse und Erfahrungen aus, um die Grabenkämpfe um Gentechnik und Bioanbau zu beenden. Der Abschlussbericht wurde am Samstag von einem internationalen Regierungsausschuss in Johannesburg gebilligt und soll neue Prioritäten setzen. Die Industrie stieg wegen der kritischen Haltung zur Gentechnologie allerdings Anfang des Jahres aus. Der IAASTD (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development) wird von Weltbank, UN und EU gefördert und ist ein Pendant zum Weltklimarat (IPCC). |
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Global sieht es derzeit danach aus, dass Nahrungsmittelknappheit ein ähnlich gravierendes Problem werden könnte wie der Klimawandel. Die Welthandelsorganisation will in Doha die seit Jahren dümpelnden Welthandelsgespräche wieder intensivieren. Das Treffen, hofft die Genfer Direktorin des Instituts für Landwirtschafts- und Handelspolitik (IATP), Carin Smaller, soll das Ernährungsproblem durch radikale Schnitte lösen helfen. «Es wird Zeit, dass wir ein neues Gebilde an Handelsregeln aufstellen, damit Regierungen ein starkes und beständiges Lebensmittel- und Landwirtschaftssystem aufbauen können.» Durch eine Vielzahl von Export- und Importzöllen haben die Staaten den Handel erschwert und die Balance von Angebot, Preisen und Nachfrage destabilisiert – entgegen der WTO-Politik.Weltbank-Präsident Robert Zoellick, einst US-Handelsbeauftragter, formulierte es so: «Wenn es jemals einen Zeitpunkt gegeben hat, die verfälschenden Agrarsubventionen zu beschneiden und die Märkte für Lebensmitteleinfuhren zu öffnen, ist er jetzt gekommen.»
Doch bis die Verwerfungen beseitigt sind, ist weltweit noch viel Not zu lindern. Die 500 Millionen Dollar, die das Welternährungsprogramm (WFP) dieses Jahr an Zusatzkosten für Nothilfe angegeben hat, reichen dem Washingtoner Agrarökonomen von Braun nicht aus. Vielmehr bedürfe es jährlich 20 Milliarden bis 30 Milliarden Dollar für Ernährungshilfen und Investitionen in die Landwirtschaft der Entwicklungsländer, konstatiert der Experte.
Für das Web ediert von Tilman Steffen |