15.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Agrarexperten wegen Nahrungskrise alarmiert
Nur durch einen radikalen Wandel der Agrarproduktion lassen sich die weltweiten Ernährungsprobleme in den Griff bekommen, warnt der Weltlandwirtschaftsrat. In einem Memorandum hat die Organisation die dringendsten Probleme benannt.
Ein dauerhafter Ausweg aus der Ernährungskrise ist nach Einschätzung des Weltlandwirtschaftsrates (IAASTD) nur durch eine radikale Umstellung der globalen Agrarproduktion zu erreichen. Die Produktivitätssteigerung durch technologische Fortschritte ist an ihre Grenzen gestoßen und die Kosten für die Umwelt und die Entwicklungsländer werden zu hoch.
Zu diesem Ergebnis kam das Gremium aus rund 400 Experten, Regierungs- und Industrievertretern, dessen Bericht am Dienstag bei der Unesco in Paris vorgestellt wurde. «Business as usual ist keine Option mehr», heißt es in dem Dokument, das von 54 Staaten unterzeichnet wurde. Das derzeitige System helfe den Bedürftigen nicht. «Die ärmsten Entwicklungsländer sind die Verlierer weiterer Handelsliberalisierungen», sagte IAASTD-Direktor Robert Watson.
Die USA, aber auch Vertreter der Industrie stimmen allerdings nicht allen Befunden zu. Deutschland ist an dem 2002 auf dem Entwicklungsgipfel in Johannesburg eingesetzten und von den UN und der EU geförderten Gremium nicht beteiligt.
Monokulturen haben ausgedientDer industrielle Intensivanbau in Monokulturen und mit gentechnisch veränderten Pflanzen habe zwar die Produktion gesteigert, schreiben die Experten. «Aber einfache Bauern, Arbeiter, ländliche Gemeinden und die Umwelt müssen den Preis bezahlen.» Der Weltlandwirtschaftsrat fordert deswegen die Umstellung auf eine «multifunktionale» Landwirtschaft, die den Erhalt und die Erneuerung der natürlichen Ressourcen wie Wasser, Böden, Wälder und Artenvielfalt in den Mittelpunkt rückt.
Die Produktion von Biotreibstoff birgt für den IAASTD eine große Gefahr. «Die Nahrungsmittelpreise können dadurch weiter steigen und die Chancen, den Hunger auf der Welt zu vermindern, werden reduziert.» Die negativen Effekte für die Umwelt durch den Bedarf an Wasser und Anbauflächen würden durch eine weitere Produktion von Biotreibstoff der ersten Generation fortbestehen.
Der Rat warnt zudem vor den Gefahren der Biotechnologie - etwa in Form genmanipulierter Pflanzen - für die Entwicklungsländer. Dadurch würden lokale Anbaupraktiken unterwandert, die die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung und die Wirtschaft sicherten. Durch Patente der Konzerne stiegen zudem die Kosten, und der Zugang der Bauern vor Ort werde eingeschränkt.
China und die USA haben insbesondere gegen diesen Teil des Berichts Vorbehalte. «Dennoch wird unsere Botschaft die Einstellung zur Landwirtschaft verändern und hoffentlich einen Paradigmenwechsel einleiten», sagte Fabrice Dreyfus, einer der führenden Autoren der Studie. (nz/AP)