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Internationale Finanzkrise: 

Wenn der Porsche plötzlich an Wert verliert

04. Apr 2008 11:48
Gab am Donnerstag neue Abschreibungen bekannt: die BayernLB
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Deutsche Bank, UBS, BayernLB: Die Liste von Milliarden-Abschreibungen wird stetig länger. Die Gefahr wächst, dass die Finanzkrise auf die Realwirtschaft durchschlägt. Der Staat muss die zügellosen Finanzmärkte wieder an die Kandare nehmen, meint Matthias Breitinger.

Nehmen wir einmal an, Sie haben einen Porsche 911. Und nehmen wir einmal an, Sie unterliegen der familieninternen Regelung, immer schön Buch führen zu müssen über Ihre Besitzstände – und zwar stets genau auf dem Wert basierend, den Sie für diese Besitzstände bei einem Verkauf am Markt im Augenblick bekämen. Eines Tages legt die Bundesregierung ein Tempolimit von 100 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn fest. Mit dem Rasen ist es also vorbei, der Porsche wäre am Markt nur zu einem geringeren Preis zu verkaufen. Sie müssen an Ihr Haushaltsbuch ran und die Angaben zum Sportflitzer korrigieren.

Ökonomen werden bei dieser stark vereinfachten Analogie die Stirn runzeln – doch im Ansatz trifft der Vergleich durchaus zu. Denn nichts anderes machen derzeit die angeschlagenen Banken, wenn sie von ihren Abschreibungen im Zuge der Finanzkrise berichten: Korrekturen in ihren Bilanzen, um den Wertverlust von Unternehmensvermögen kenntlich zu machen.

Die derzeitige desolate Lage, unter dem Stichwort «Subprime-Krise» bekannt geworden, ist der Tatsache geschuldet, dass die in den Jahren zuvor kräftig gestiegenen Immobilienpreise längst weit jenseits der Realität lagen und seit Anfang 2007 nach und nach verfielen. Gerade Kreditnehmer mit geringer Bonität konnten die Raten für ihre Kredite nicht mehr bedienen.

Das traf zwar zunächst nur Hypothekenfinanzierer in den USA – doch die Krise zog dadurch weltweit Kreise, dass die Subprime-Kredite über so genannte strukturierte Wertpapiere im Kapitalmarkt refinanziert wurden. Das heißt, die Hypothekenforderungen wurden als Wertpapiere verbrieft und dann verkauft – zum Beispiel an Banken, auch in Deutschland wie etwa die IKB oder die Landesbanken in Sachsen und Bayern. Die BayernLB hatte im August 2007 eingeräumt, sie habe sich im US-Subprime-Markt engagiert. Inzwischen ist bekannt: Die Landesbank des Freistaates hält wackelige Wertpapierbestände in einem Volumen von 24 Milliarden Euro.

Papiere, die keiner haben will

Womit wir wieder beim Porsche 911 wären. Denn am Finanzmarkt gilt – analog zur Familienregelung im obigen Beispiel – eine eiserne Bilanzregel: Nur der Marktpreis ist der «faire Wert». Pech nur, wenn wie jetzt der Preis kräftig sinkt. Angesichts der platzenden US-Immobilienblase und der Kreditausfälle geht das Interesse am Kauf von solchen strukturierten Wertpapieren mittlerweile gen Null. Doch Papiere, die keiner mehr haben will, sind am Markt nichts mehr wert.

Und die, die noch verkäuflich sind, werden schnell angeboten, was den Preis drückt und womöglich auf andere Finanzmarktsegmente überspringt. Ein Teufelskreis. Der nach und nach gesunkene Marktpreis hat im Zusammenspiel mit dem Glauben an den einzig fairen Wert zu dem für Laien skurrilen Stück geführt, das auf den Finanzbühnen in den vergangenen Monaten gegeben wurde: Immer wieder mussten Banken Bilanzen korrigieren, die Höhe der Abschreibungen nach oben revidieren und ihre Belastungen neu beziffern.

Die Praxis der marktnahen Bewertung, im anglo-amerikanischen Kapitalmarktsystem lange als das Nonplusultra gefeiert, wird mittlerweile selbst von Banken infrage gestellt. Wohl zu recht, die Marktpreise sind in der derzeitigen Lage nämlich alles andere als «fair»: Null Wert haben die betroffenen Papiere bestimmt nicht. Viele sind von einem Ausfall weit entfernt, lediglich die Marktpsychologie – der Vertrauensverlust – hat zum Wegbrechen der Nachfrage geführt.

Zweifel an der reinen Lehre

Deshalb plädierte etwa Bankenpräsident Klaus-Peter Müller dafür, den Kreditinstituten rückwirkend zu erlauben, die Marktbewertung auszusetzen – ein interessanter Blick auf das Wirtschaftssystem. Bislang galt gerade den Bankern der Glaube an die Marktkräfte als das Ein und Alles. Der Markt regelt alles, Angebot und Nachfrage bestimmen den fairen Preis. Dass jetzt nicht nur Müller, sondern etwa auch der Vorstandsvorsitzende der Hypo Real Estate, Georg Funke, die an Marktpreisen orientierte Bewertung als absurd kritisiert oder Deutsche-Bank-Chef Ackermann die Selbstheilungskräfte der Märkte in Zweifel zieht, gibt zu denken.

Sicherlich haben die Manager recht, wenn sie darauf verweisen, dass die Marktregeln nur bei vollkommener Information greifen. So lautet die Lehre aus der volkswirtschaftlichen Grundlagenvorlesung, erstes Semester. Doch komplette Information gibt es eben nur im Volkswirtschafts-Lehrbuch, in der derzeitigen Lage ohnehin nicht. Das führt einerseits dazu, dass auch in den nächsten Quartalen mit weiteren Abschreibungen zu rechnen ist – die US-Banken rüsten sich schon «für die nächste Schockwelle von Wertberichtigungen», hieß es am Mittwoch im «Handelsblatt».

Andererseits wächst damit die Gefahr, dass die Finanzkrise wirklich auf die Realwirtschaft durchschlägt. Banken, die sich gegenseitig misstrauen, keine strukturierten Wertpapiere mehr kaufen und vor allem mit der Bereinigung ihrer Bilanzen beschäftigt sind, werden auch knauseriger bei der Vergabe von Krediten an Unternehmen. Kein Wunder, dass der Ruf nach dem Staat wieder aufkommt – ein Eingreifen ist auch nicht verkehrt. Aber nicht, indem der Steuerzahler den Banken die wertlosen Papiere abkauft und somit die Verluste verstaatlicht, sondern indem der Staat die zügellosen Finanzmärkte wieder mehr an die Kandare nimmt.

 
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