Welternährung:
Teure Lebensmittel setzen Armen zu
26. Mrz 2008 16:19
 |  Demonstranten teilen in Ägypten einen Laib Brot | Foto: AP |
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In aller Welt steigen die Preise für Grundnahrungsmittel. Die Gründe sind vielfältig: von Wetterextremen bis zum Ölpreis. Darunter leiden müssen aber immer dieselben.
Reis in Ecuador, Quark in Deutschland oder Croissants in Frankreich - auf der ganzen Welt steigen die Lebensmittelpreise unaufhörlich. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Wetterextreme, höhere Ölpreise und eine schnell wachsende Nachfrage in China und Indien gehören zu den wichtigsten Faktoren. Die Hauptlast der Entwicklung tragen die Ärmsten.
Der 30-jährige Eugene Thermilon, ein Tagelöhner in Haiti, kann seine Frau und seine vier Kinder nicht mehr ernähren. Der Preis für Nudeln hat sich fast verdoppelt. Zwei Dosen Mais waren kürzlich ihre einzige Mahlzeit für einen ganzen Tag. Dass sich Leute wie Thermilon das Essen nicht mehr leisten können, bekommt Fabiola Duran Estime schmerzlich zu spüren. Die 31-Jährige verkauft Lebensmittel, doch die Kunden bleiben aus. Weil sie kaum noch etwas verdient, kann ihre Tochter Fyva nicht mehr in den Kindergarten gehen: Die Gebühren von umgerechnet 13 Euro im Monat sind zu hoch.
Keine andere Wahl, als den Konsum einzuschränken
Der Wirtschaftswissenschaftler Abdolreza diagnostiziert: «Die Verbraucher haben keine Wahl, sie müssen ihren Konsum einschränken.» Abbassian, der für die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) arbeitet, sagt. «Es ist ein sehr brutales Szenario, aber so ist es.» Zwar werden sich die Lebensmittelpreise langfristig stabilisieren, aber in den kommenden zehn Jahren rechnet die FAO mit einem anhaltenden Aufwärtstrend. Höhere Ölpreise verteuern fast alles - von Dünger über den Transport von Lebensmitteln bis hin zur Verarbeitung. Hinzu kommt eine steigende Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten in schnell wachsenden Volkswirtschaften, allen voran China und Indien.
Praktisch alle Grundnahrungsmittel betroffen
Die Entwicklung betrifft praktisch alle Grundnahrungsmittel in den meisten Ländern der Erde. In Ägypten sind die Brotpreise um gut ein Drittel gestiegen, Pflanzenöl ist gut ein Viertel teurer geworden. Pläne, die Subventionierung von Lebensmitteln einzustellen und den Bedürftigen stattdessen Bargeld auszuzahlen, musste die Regierung in Kairo nach heftigen Protesten fallenlassen. «Es steht eine Revolution der Hungrigen bevor», glaubt Mohammed el Askalani, der einer Protestgruppe namens Bürger gegen hohe Lebenshaltungskosten angehört.
In China sind die steigenden Preise Fluch und Segen zugleich. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch hat sich seit 1980 um 150 Prozent erhöht. Schweinefleisch ist im vergangenen Jahr 58 Prozent teurer geworden, trotzdem stehen die Kunden jeden Morgen Schlange im Laden von Zhou Jian in Shanghai. Noch vor einem halben Jahr verkaufte der 26-Jährige Autozubehör. Seit er mit Fleisch handelt, verdient er fast das Dreifache. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao hat den Kampf gegen die Inflation zur wirtschaftspolitischen Priorität erhoben. Die Verbraucherpreise sind im Januar um 7,1 Prozent gestiegen - so hoch war die Inflation zuletzt vor elf Jahren. Preistreiber waren Lebensmittel mit einer Teuerung von 18,2 Prozent. Das Hauptproblem sei ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, sagt Jing Ulrich von der US-Bank JP Morgan: «Die Nachfrage ist groß, das Angebot beschränkt. So einfach ist das.»
Teures Öl macht alles teurer
Der hohe Ölpreis hat nicht nur in aller Welt die Kosten der Lebensmittelproduktion nach oben getrieben, er führt auch dazu, dass viele Länder vermehrt auf Biotreibstoff setzen. Das wiederum bedeutet, dass die Preise für Mais, Zucker oder Sojabohnen weiter steigen, und zwar noch viele Jahre, wie die FAO prognostiziert.
Die Japaner bekommen die Entwicklung besonders beim Kauf von Mayonnaise oder Miso zu spüren, einer hauptsächlich aus Sojabohnen bestehenden Paste. Beide gelten als wichtige Zutaten in der japanischen Küche. Mayonnaise sei innerhalb von zwei Monaten um zehn Prozent teurer geworden, sagt der Koch Daishi Inoue. «Wenn die Preise weiter steigen, werden auch wir unsere Preise erhöhen müssen.»
Pasta-Boykott als Protest in Italien
In Italien, wo im Jahr durchschnittlich 30 Kilo Nudeln pro Kopf verspeist werden, riefen Verbrauchergruppen im September zu einem symbolischen Pasta-Boykott auf, um gegen die steigenden Preise zu protestieren. Tatsächlich ging der Verbrauch in den kommenden zwei Monaten um fünf Prozent zurück, wie Lobbyist Rolando Manfredini sagt.Gab es in den vergangenen Jahrzehnten dank Subventionen noch große Vorräte in den Getreide exportierenden Ländern, schrumpften diese Reserven mit der Liberalisierung des Welthandels. Damit ist die landwirtschaftliche Produktion anfälliger geworden für die Entwicklungen der Märkte. Schlechtes Wetter oder eine schlechte Ernte wirken sich sofort auf die Preise aus.
Vorräte schrumpfen im Gefolge der Liberalisierung
Dürre in Australien oder Hochwasser in Argentinien haben etwa die Butterpreise in Frankreich von 2006 bis 2007 um 37 Prozent steigen lassen. Gourmets bekommen das zu spüren, wenn sie Schnecken bestellen, denn diese werden in Butter zubereitet. Auch Croissants oder das beliebte Pain au Chocolat sind teurer geworden. «Wir brauchen eine Antwort im großen Stil, auf regionaler oder internationaler Ebene», fordert Brian Halweil von der Umweltorganisation Worldwatch Institute. Schließlich seien über den weltweiten Handel mit Lebensmitteln alle Länder von der gegenwärtigen Entwicklung betroffen. «Das ist eine globale Krise», sagt Halweil. (Katherine Corcoran, AP)