25.09.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Nicht kleckern, sondern klotzen!
Bayerns Regierung schwebt: Der Transrapid wird gebaut - die Kosten sind egal, der Sinn der Strecke ebenso, es geht ums Prestige. Marcus Gatzke nimmt das zum Anlass, in ganz neue Dimensionen vorzustoßen.
Wer mit einem Transrapid unterwegs ist, schwebt. Der auch Magnetbahn genannte Zug beruht auf der Technologie des so genannten elektromagnetischen Schwebens. Magnetkräfte halten den Zug in der Spur und treiben ihn mit sehr hoher Geschwindigkeit voran.
Die Technik versetzt auch die am Projekt Beteiligten in eine Art Schwebezustand. Jahrelang wurde um eine Referenzstrecke in Deutschland gerungen. Neben der Strecke von der Münchner Innenstadt zum Flughafen war unter anderem auch eine Verbindung zwischen Hamburg und Berlin im Gespräch. Über die Finanzierung wurde in der Öffentlichkeit nur ungern gesprochen – entsprechende Fragen wurden von den Befürwortern meist als technologiefeindlich weggewischt.
Als Zuhörer der Pressekonferenz von Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber und dem scheidenden Ministerpräsident Edmund Stoiber (beide CSU) kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, beide befänden sich in einer Art magnetischen Rausches. Champagner hat es gegeben, als die Finanzierung der Münchner Strecke – zumindest in der Definition der CSU – in der Nacht zum Dienstag endlich gesichert wurde.
«Leuchtturmprojekt», «Exportschlager», «Riesenerfolg» – die beiden CSU-Politiker strahlen über das ganze Gesicht. Als es letztlich nur noch um 15 Millionen Euro gegangen sei, die bei der Finanzierung fehlten, habe sich Stoiber generös gezeigt, berichtet Huber aus den nächtlichen Verhandlungen mit der Deutschen Bahn und dem Industriekonsortium Transrapid International, dem unter anderem Siemens und ThyssenKrupp angehören. Das Prestigeprojekt könne ja nicht an einer so kleinen Summe scheitern, scherzt Huber.
Bei den 15 Millionen wird es nicht bleiben. Schon jetzt ist klar: Die geplanten Gesamtkosten von 1,85 Milliarden Euro werden deutlich überschritten. Die Planung stammt aus dem Jahre 2002 und ist seitdem nicht erneut geprüft worden. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) warnt vor einer Kostenexplosion. Das Projekt werde «deutlich teurer», prophezeit er und spricht damit vielen Kritikern des Projekts aus der Seele. Gleichzeitig macht der Minister klar, vom Bund wird es nicht einen Cent mehr geben als die versprochenen 925 Millionen Euro.
Aber das interessiert in der bayerischen Regierung niemanden so wirklich. Stattdessen fordert Wirtschaftsminister Huber Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) auf, endlich seinen «unverständlichen Widerstand» gegen das Projekt aufzugeben. Stichwort: «Leuchtturm». Wer will schon - wie Udes Alternative vorsieht - in einer Express-S-Bahn zum Flughafen fahren. Das dauert dann ja auch mehr als ... äh ... zehn Minuten.
Nicht von der Hand zu weisen ist das Argument der Transrapid-Gegner, mit dem Abschluss des Projekts solle dem scheidenden Ministerpräsidenten ein Denkmal gesetzt werden. Koste es, was es wolle. Vielleicht wird der erste Zug ja auch nach Stoiber benannt: «Auf Gleis 1 fährt ein, der Transrapid 'Edmund Stoiber' zum Flughafen München.»
Darüber hinaus sind Zweifel angebracht, ob es einzig und allein die fehlende Referenzstrecke in Deutschland war, die den Transrapid bisher nicht zum erhofften Exportschlager gemacht hat. In China existiert bereits eine Strecke – mehr ist trotz jahrelanger Verhandlungen nicht daraus geworden. Im Gegenteil: Mittlerweile haben die Chinesen eine eigene Magnetbahn in der Planung. Ohne Zuhilfenahme deutscher Technologie versteht sich.
Aber bloß nicht technologie- und standortfeindlich argumentieren – wir brauchen den Transrapid! Das hat sich offenbar auch ein Unions-Kollege aus Niedersachsen gedacht. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) will die Magnetbahn vom Baltikum über Polen, Deutschland und die Niederlande bis nach Paris führen. 2050 könnte sie fertig gestellt sein. Eine Antwort auf die Frage nach den Kosten oder dem grundlegenden Sinn eines solchen Projekts bleibt Wulff schuldig – das hat er aus Bayern gelernt.
Aber was ist schon Europa - es gibt viel prestigeträchtigere Projekte. Schon seit Jahren propagiert die Bürgerrechtsbewegung Solidarität – kurz: Büso – ein neue «eurasische Landbrücke». Der Transrapid soll durch Nord-, Zentral- und Südasien bis in den Fernen Osten fahren und die Verbindung nach Japan, Korea, China, Indien und Indochina herstellen. Herr Stoiber, Herr Wulff: Nicht kleckern, sondern klotzen!