netzeitung.de«Teuro» sichert deutschen Aufschwung

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Anfangs kritisiert, jetzt unverzichtbar: der Euro (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Anfangs kritisiert, jetzt unverzichtbar: der Euro
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Nie war der Euro so wertvoll wie heute. Marcus Gatzke erklärt, warum Deutschland dank der Gemeinschaftswährung einen Aufschwung erlebt - und keine Währungskrise.

Deutschland, einig Aufschwungland - der deutsche Optimismus kennt derzeit keine Grenzen, von der «German Angst» spricht niemand mehr. Lange musste Deutschland darauf warten, Arbeitnehmer und Rentner unzählige Nullrunden hinnehmen.

«Es ist ein besonderer Aufschwung. Keinen haben sich die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten mehr verdient», schreibt die «Zeit» in einem großen Spezial über die Wirtschaftslage in Deutschland. Die Lohnzurückhaltung, die Anstrengungen der Unternehmen, wettbewerbsfähiger zu werden, und nicht zu letzt die in der Öffentlichkeit umstrittene Hartz-Reform haben dazu geführt, dass die Auftragsbücher der Industrie wieder prall gefüllt sind.

Bei den Erklärungen der Ursachen für die erstaunlich rasche wirtschaftliche Erholung wird aber gerne ein wichtiges Detail übersehen: der Euro. Seit rund acht Jahren haben wir die Gemeinschaftswährung. Die Ablehnung bei einer Vielzahl von Ökonomen und auch in der Bevölkerung war zu Beginn groß. «Der Euro kommt zu früh» - mit diesem Titel warnten Anfang 1998 insgesamt 155 Wirtschaftsforscher in einer gemeinsamen Erklärung vor dem neuen Zahlungsmittel. In der Bevölkerung war die neue Währung - zu Unrecht - als «Teuro» verschriehen.

Euro als Garant für den Aufschwung
Jetzt haben wir ihn, und die gemeinsame Währung ist der Garant dafür, dass sich der Aufschwung richtig entfalten kann. «Mit der D-Mark würde es uns heute deutlich schlechter gehen», sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger im Gespräch mit Netzeitung.de.

Warum? Ohne den Euro würden die Reformen des Arbeitsmarkts und die Lohnzurückhaltung der Beschäftigten nichts nützen. «Bei den zunehmenden Unterschieden in der Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsländer des Euroraums wäre es schon längst zu einer starken Aufwertung der D-Mark im Stil der Währungskrisen der Jahre 1992/93 gekommen», ist Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, überzeugt.

Der boomende Export würde zu eine erhöhten Nachfrage nach D-Mark führen und die Mark gerade im Verhältnis zu den Währungen der südeuropäischen Länder deutlich in die Höhe treiben. Die Verbesserung der Wettbewerbssituation würde wieder zerstört, sagt Bofinger. «Wir wären wieder da, wo wir angefangen haben.»

Innerhalb des Euroraums gibt es jedoch kein Wechselkursrisiko mehr - alles wird in Euro bezahlt. Und wie wichtig der Handel mit Mitgliedern der EU für Deutschland ist, zeigt ein Blick in die Handelsbilanz: Im März 2007 exportierte die deutsche Wirtschaft Waren in einem Gesamtwert von 83,9 Milliarden Euro - allein 37,2 Milliarden Euro davon gingen in Euro-Länder. Deshalb weiß auch die deutsche Exportbranche die Gemeinschaftswährung zu schätzen: «Der Euro ist ein großer Vorteil», heißt es beim Bundesverband des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA). «Er hat unsere Wettbewerbsposition eindeutig gestärkt.»

Wie schnell starke Schwankungen der heimischen Währung einen Aufschwung zerstören können, hat die deutsche Wirtschaft schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. Zwischen 1994 und 1995 stürzte eine Aufwertung der D-Mark um rund 30 Prozent zusammen mit sehr hohen Tarifabschlüssen die Wirtschaft in eine Mini-Rezession. Zwei Quartale in Folge war das Wirtschaftswachstum negativ.

Von früheren Wechselkursen noch weit entfernt
Zwar hat die Gemeinschaftswährung gegenüber den anderen wichtigen Weltwährungen deutlich an Wert gewonnen - für einen Euro müssen derzeit immerhin 1,35 Dollar bezahlt werden. Wirklich geschadet hat es der deutschen Export-Wirtschaft bisher nicht. Die Wechselkurse der D-Mark zum Dollar waren in den 90er deutlich höher und die Unternehmen sind mittlerweile besser gegen Kursschwankungen abgesichert.

Und auch wenn der Euro gegenüber Dollar und Yen weiter an Wert gewinnen wird, droht diesmal kein jähes Ende des Booms. Die Volkswirte der Deka Bank haben die Situation von vor zwölf Jahren mit der heutigen verglichen. Ihr Fazit: «Von den Belastungen der Jahres 1995 sind wir noch weit entfernt.» Und weiter: Früher wäre es bei solchen Währungsbewegungen «fast schon automatisch» zu Turbulenzen im Europäischen Währungssystem gekommen. «Heute bleibt Deutschland hiervon verschont», urteilt Andreas Scherle von der Deka Bank und nennt den Euro einen «direkten Vorteil für deutsche Volkswirtschaft».

Die zu erwartenden höheren Tarifabschlüsse in diesem Jahr - die Metall- und Elektroindustrie hat den Anfang gemacht - können den Aufschwung ebenfalls nicht gefährden. «Mit einmalig hohen Abschlüssen können die Unternehmen leben», ist Scheuerle überzeugt.

Vom Euro lernen
Der Wirtschaftsweise Bofinger geht sogar noch weiter: Die extreme Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre sei gar nicht notwendig gewesen, argumentiert er. «Wenn die Löhne in den letzten fünf Jahren jeweils um ein Prozent stärker gestiegen wären, würden unsere Exportgüter heute vielleicht zwei Prozent mehr kosten», rechnet er vor. «Das hätte den Ausfuhrboom wohl kaum beeinträchtigt, dafür wäre aber unsere Binnenwirtschaft sehr viel dynamischer gelaufen.»

Für Bofinger sind die Erfahrungen mit dem Euro weltweit von Vorteil: «Was wir in Europa gelernt haben, sollten wir an andere Stelle nutzen», sagt er und schlägt vor, Wechselkurse stärker zu steuern: Nach Ansicht des Wirtschaftsweisen könnten durch gezielte Interventionen am Devisenmarkt «destabilisierene Schwankungen, wie sie derzeit beim Yen-Dollar-Kurs zu beobachten sind, vermieden werden». Auch wenn dies politisch nur schwer durchsetzbar ist - eins ist für Bofinger sicher: «Nie war der Euro so wertvoll wie heute.»