Netzeitung Logo

 
DruckenVersenden
 

Klassenkampf um Biosprit

25. Apr 2007 07:47, ergänzt 10:33
Aus Maiskolben werden Tortillas, aber auch Kraftstoff gewonnen
Bild vergrößern
Bioethanol vertieft die Kluft zwischen Arm und Reich, glaubt Fidel Castro. Während der Westen mit gutem Gewissen tankt, leidet die Dritte Welt unter hohen Preisen für Lebensmittel. Michaela Duhr berichtet.

Der venezolanische Staatschef Hugo Chavez geißelt den Bioethanol-Boom, er lasse «die Armen verhungern, um die Automobile zu füttern». Damit greift er nicht nur seinen Erzrivalen US-Präsident George W. Bush an, sondern auch seinen brasilianischen Amtskollegen Luiz Inacio Lula da Silva. Brasilien hatte erst im März mit den USA eine enge Allianz zur Herstellung von Bioethanol vereinbart. Der Streit spaltet inzwischen den südamerikanischen Kontinent.

Hintergrund: Bioethanol
Kubas Staatschef Fidel Castro hatte die Debatte angestoßen. Von seinem Krankenbett aus hatte Chavez' politischer Mentor die von Bush hoch subventionierte Biosprit-Produktion scharf attackiert. In den USA wird der Biokraftstoff vor allem aus Getreide gewonnen.

«Die derzeitige Diskussion in Südamerika ist vor allem eine politische Diskussion», sagt der Bioethanol-Experte Eckhard Boles vom Institut für Mikrobiologie der Universität Frankfurt am Main Netzeitung.de. «In ihrer Kritik übersehen die beiden Staatschefs Castro und Chavez jedoch, dass die Herstellung von Ethanol aus Getreide auch für die Bush-Administration nur eine Übergangslösung ist.»

Eine Milliarde für Zellulose-Ethanol

Mehr in der Netzeitung:
Die US-Regierung will laut Boles vor allem die Entwicklung von Zellulose-Ethanol vorantreiben. «Dafür stellen die USA allein 400 Millionen Dollar bereit. Außerdem hat die Industrie Forschungs- und Entwicklungsgelder zugesagt, so dass weit mehr als eine Milliarde Dollar für die Entwicklung von Zellulose-Ethanol zur Verfügung steht», betont Boles. Bislang sei der Biokraftstoff aus Zellulose jedoch noch nicht kommerziell nutzbar. Bis Zellulose-Ethanol getankt werden kann, dürften noch zwei bis vier Jahre vergehen.

Ethanol, das ausschließlich aus Biomasse gewonnen wird, ist ein nachwachsender Energieträger. Bioethanol kann aus Mais, Zucker und Zellulose produziert werden. Die massive Förderung von Biosprit aus Getreide würde die Lebensmittelversorgung weltweit gefährden, so der Vorwurf Castros. Damit nehme Bush den möglichen Hungertod von Millionen von Menschen in Kauf.

Tortilla-Krise in Mexiko

Kubas Staatschef Fidel Castro
Bild vergrößern
Die US-Behörden subventionieren die Produktion nach Schätzung von Experten jährlich mit etwa 5,5 bis 7,5 Milliarden Dollar. Die dadurch enorm gestiegene Nachfrage nach Mais hat die Weltmarktpreise in den vergangenen Monaten um fast 60 Prozent nach oben getrieben. «Natürlich sind die Getreidepreise dadurch kräftig gestiegen. Sie entwickeln sich ja schon fast parallel zum Ölpreis», räumt Boles ein. Die hohen Preise hatten Anfang des Jahres Hunderttausende Mexikaner auf die Straße getrieben, um gegen die gewaltige Verteuerung von Tortillas zu protestieren: Die dünnen Fladen aus Maismehl und Wasser gelten in Mexiko als Grundnahrungsmittel.

Abseits aller ideologischer Grabenkämpfe ist die Kritik aus Kuba und Venezuela nach Ansicht von Janet Larson von der US-Umweltorganisation Earth Policy Institute nicht ganz von der Hand zu weisen. «Wenn die hohe Nachfrage die Preise für Lebensmittel rund um den Globus steigen lässt, dann sind die mittel- und südamerikanischen Länder davon am härtesten betroffen. Die Produktion von Mais-Ethanol noch weiter zu subventionieren, könnte ein schwerer außenpolitischer Fehler sein», warnt sie.

Chavez braucht die Öl-Milliarden

Venezuelas Präsident Hugo Chavez
Bild vergrößern
Doch die Attacken des venezolanischen Staatschefs Chavez gegen die Ethanol-Produktion dürften noch andere Gründe haben: Bush hatte bei seinem Besuch in Brasilien mit Amtskollege Lula den Aufbau einer Allianz zur Förderung von Biotreibstoffen vereinbart. Die USA wollen 20 Prozent ihres Benzinverbrauchs durch alternative Brennstoffe ersetzen.

So dürfte sich der Führer der neuen bolivarianischen Revolution wohl auch um die Öl-Einnahmen seines Landes sorgen: Venezuela ist fünftgrößtes Opec-Mitglied und die USA zählen zu seinen größten Öl-Kunden. Kein Wunder, dass Chavez Bush drängt sein Vorhaben aufzugeben. Ethanol könne niemals Ersatz für Erdöl sein, beharrte Chavez auf dem ersten südamerikanischen Energiegipfel auf der venezolanischen Insel Margarita in der vergangenen Woche.

Zugleich schwächte Chavez seine harsche Kritik gegenüber Brasilien etwas ab: «Wir haben immer gesagt, dass die 30-jährige Ethanol-Produktion in Brasilien etwas ganz anderes ist als der Wahnsinn, den US-Präsident Bush vorgeschlagen hat. Es ist das komplette Gegenteil.» Ein Energie-Experte der Universität Miami wertet den Rückzieher von Chavez nicht nur als diplomatischen Sieg für Brasilien: «Der größte Verlierer ist Castro, der seinen Einfluss in der Region eingebüßt hat.»

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
 
Wirtschaftssysteme rund um den Globus: 
Die Varianten des Kapitalismus
Erwartungen an den Weltfinanzgipfel: 
Große Runde, kleiner gemeinsamer Nenner
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Immobiliensuche
Immobilien
immonet
Aus anderen Ressorts

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.