Die Mär vom Gas-Kartell
23.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der Reihe nach: Gas ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem immer wichtigeren Rohstoff für die Energie- Erzeugung geworden. Seit Anfang der 70er Jahre haben die nachgewiesenen Reserven stetig zugenommen. Die Zahl der Länder mit signifikanten Vorkommen ist von 40 im Jahre 1960 auf jetzt über 85 Staaten gestiegen. In Deutschland wird der Primär- Energieverbrauch zu knapp 23 Prozent durch Erdgas gedeckt.
Die Staaten kommen zusammen auf 73 Prozent der weltweiten Gasreserven und 41 Prozent der globalen Produktion. Größter Gas-Produzent ist mit 21,6 Prozent Russland. Mit großem Abstand folgen GECF-Länder wie Algerien und Iran, die nur etwas mehr als drei Prozent beisteuern. Wichtige Gas-Exporteure wie Kanada haben sich der GECF nicht angeschlossen.
Seit der Gründung des Forums wird regelmäßig über ein Gas-Kartell spekuliert. «Angst vor Kartell der Gas-Exporteure wächst» titelte die «Welt» schon 2002. Nur passiert ist bisher nichts. Pro Jahr einmal kommen Vertreter der Mitgliedsländer zusammen das nächste Mal im am 9. April in Doha, der Hauptstadt von Katar ebenfalls Mitglied der GECF. Der britische Energie-Experte Jonathan Stern von der Oxford University charakterisierte die Organisation unlängst als «chaotisch, instabil und mit einer unsicheren Zukunft behaftet».
Noch stehen auch die traditionell langfristigen Liefer-Verpflichtungen einem Kartell im Weg: Gas-Verträge haben meist eine Laufzeit von zehn bis 20 Jahren - auch wenn die EU diese zur Stärkung des Wettbewerbs aufbrechen will. Die Möglichkeiten, das Angebot kurzfristig am Markt zu verknappen, wie es die Opec regelmäßig versucht, sind dementsprechend sehr begrenzt. Bei den enormen Reserven Russlands muss das Land nicht unbedingt auf solche Instrumente zurückgreifen. Geld wird über die Menge und weniger über den Preis verdient.
Der politische Widerstand, dem ein solches Kartell gerade aus Europa und von den USA entgegenschlagen würde, wäre außerdem beachtlich. Die Versorgungssicherheit innerhalb der EU, die schon jetzt angesichts der hohen Abhängigkeit von russischem Gas als kritisch angesehen wird, wäre noch stärker gefährdet. «Sollte die Versorgungssicherheit in Frage gestellt sein, werden die Anstrengungen für eine stärkere Diversifizierung noch erhöht. Und das ist bei Gas viel einfacher als beim Öl», ist IEA-Experte Cronshaw überzeugt.
Aber warum äußern sich die Mitglieder der GECF regelmäßig über die Gründung und die Wahrscheinlichkeit eines Kartells? Anfang Februar gab Wladimir Putin eine Pressekonferenz in Moskau. Themen waren unter anderem die wirtschaftliche und soziale Situation Russlands.
Schlagzeilen schrieb aber lediglich die kleine Nachfrage eines britischen Journalisten. «Eine interessante Idee», lautete die kurze Antwort des russischen Präsidenten. Am folgenden Tag titelten deutsche Zeitungen - auch die Netzeitung: «Putin erwägt Gas-Kartell mit Iran.»

