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Die Mär vom Gas-Kartell

23. Mrz 2007 08:15
Denkt über Gas-Kartell nach: Wladimir Putin
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Schon lange wird über eine zweite Opec spekuliert – statt des Ölpreises soll der Gaspreis kontrolliert werden. Warum es nie dazu kommen wird, erklärt Marcus Gatzke.

«Eine interessante Idee» – Russlands Präsident Wladimir Putin und mit ihm andere Gas produzierende Staaten haben in den vergangenen Tagen zum wiederholten Mal laut über die Gründung eines Gas-Kartells ähnlich dem der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) nachgedacht. Nur wird es wirklich dazu kommen? Und wenn ja, muss sich Europa vor einem solchen Zusammenschluss fürchten?

Der Reihe nach: Gas ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem immer wichtigeren Rohstoff für die Energie- Erzeugung geworden. Seit Anfang der 70er Jahre haben die nachgewiesenen Reserven stetig zugenommen. Die Zahl der Länder mit signifikanten Vorkommen ist von 40 im Jahre 1960 auf jetzt über 85 Staaten gestiegen. In Deutschland wird der Primär- Energieverbrauch zu knapp 23 Prozent durch Erdgas gedeckt.

Die größten Gas-Produzenten
Marktanteil 2005
Russland21,6
USA19,0
Kanada6,7
Algerien3,2
UK3,1
Iran3,1
Norwegen2,8
Indonesien2,5
Saudi Arabien2,3
Niederlande2,1
Quelle: BP Energy Report
Seit 2001 gibt es das Gas Exporting Countries Forum (GECF) - ein loser Zusammenschluss von verschiedenen Gas produzierenden Ländern. Das Forum ist jedoch kaum mit der seit 1960 existierenden Opec vergleichbar, deren Einfluss auf den Ölpreis auch nur begrenzt ist. «Ein Gas-Kartell wäre bei weitem nicht so effektiv wie die Opec», sagt Ian Cronshaw von der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris im Gespräch mit Netzeitung.de. Zu den GCEF-Mitgliedern zählen neben Russland und dem Iran auch Staaten wie Venezuela, Libyen und Algerien.

Die Staaten kommen zusammen auf 73 Prozent der weltweiten Gasreserven und 41 Prozent der globalen Produktion. Größter Gas-Produzent ist mit 21,6 Prozent Russland. Mit großem Abstand folgen GECF-Länder wie Algerien und Iran, die nur etwas mehr als drei Prozent beisteuern. Wichtige Gas-Exporteure wie Kanada haben sich der GECF nicht angeschlossen.

Seit der Gründung des Forums wird regelmäßig über ein Gas-Kartell spekuliert. «Angst vor Kartell der Gas-Exporteure wächst» titelte die «Welt» schon 2002. Nur passiert ist bisher nichts. Pro Jahr einmal kommen Vertreter der Mitgliedsländer zusammen – das nächste Mal im am 9. April in Doha, der Hauptstadt von Katar – ebenfalls Mitglied der GECF. Der britische Energie-Experte Jonathan Stern von der Oxford University charakterisierte die Organisation unlängst als «chaotisch, instabil und mit einer unsicheren Zukunft behaftet».

Iran und Russland haben politische Interessen

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Denn die Ziele, die mit einem wie auch immer gearteten Kartell verfolgt werden sollen, sind extrem unterschiedlich. Die kleinen Mitgliedsländer im Nahen Osten – wie Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate – sind an einem langfristig stabilen und hohem Umsatz interessiert. Der Iran und wohl auch zum Teil Russland denken aber politisch: Gas als diplomatische Waffe und das Kartell als Gegengewicht zur Weltmacht USA.

Noch stehen auch die traditionell langfristigen Liefer-Verpflichtungen einem Kartell im Weg: Gas-Verträge haben meist eine Laufzeit von zehn bis 20 Jahren - auch wenn die EU diese zur Stärkung des Wettbewerbs aufbrechen will. Die Möglichkeiten, das Angebot kurzfristig am Markt zu verknappen, wie es die Opec regelmäßig versucht, sind dementsprechend sehr begrenzt. Bei den enormen Reserven Russlands muss das Land nicht unbedingt auf solche Instrumente zurückgreifen. Geld wird über die Menge und weniger über den Preis verdient.

Der politische Widerstand, dem ein solches Kartell gerade aus Europa und von den USA entgegenschlagen würde, wäre außerdem beachtlich. Die Versorgungssicherheit innerhalb der EU, die schon jetzt angesichts der hohen Abhängigkeit von russischem Gas als kritisch angesehen wird, wäre noch stärker gefährdet. «Sollte die Versorgungssicherheit in Frage gestellt sein, werden die Anstrengungen für eine stärkere Diversifizierung noch erhöht. Und das ist bei Gas viel einfacher als beim Öl», ist IEA-Experte Cronshaw überzeugt.

Medien-Hype um Kartell

Eine Gas-Pipeline in Russland
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Zudem will der staatliche russische Energie-Konzern Gasprom unbedingt Zugang zum europäischen Endkunden – mit einem Kartell im Nacken wäre die Bereitschaft der EU-Regierungen, dies zuzulassen, noch geringer als sie es jetzt schon ist.

Aber warum äußern sich die Mitglieder der GECF regelmäßig über die Gründung und die Wahrscheinlichkeit eines Kartells? Anfang Februar gab Wladimir Putin eine Pressekonferenz in Moskau. Themen waren unter anderem die wirtschaftliche und soziale Situation Russlands.

Schlagzeilen schrieb aber lediglich die kleine Nachfrage eines britischen Journalisten. «Eine interessante Idee», lautete die kurze Antwort des russischen Präsidenten. Am folgenden Tag titelten deutsche Zeitungen - auch die Netzeitung: «Putin erwägt Gas-Kartell mit Iran.»

 
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