netzeitung.deBund muss sich Mehrheit am Stromnetz sichern

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RWE-Stromnetze (Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe RWE-Stromnetze
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Dass die Stromkonzerne erwägen, ihr Netzgeschäft abzustoßen, wird dem Wettbewerb nutzen, meint Energieexperte Leprich auf Netzeitung.de. Der Bund solle die Gelegenheit nutzen.

Von Markus Scheffler

Falls der Essener Stromkonzern RWE

sein Übertragungsnetz zur Disposition stellt, sollte der Bund unbedingt einen Einstieg prüfen. «Der Bund sollte in jedem Fall die Kontrollmehrheit übernehmen», verlangt Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken im Gespräch mit Netzeitung.de. «Ich bin der Ansicht, dass das Transportnetz als hochsensible Infrastruktur der Industriegesellschaft mehrheitlich in staatliche Hände gehört.» Zuletzt habe der Stromausfall im Herbst gezeigt, dass man mit Netzen sehr vorsichtig umgehen müsse. «Die öffentliche Hand sollte deshalb den Daumen drauf halten.»

Auch der Bund müsse indes auf Rendite im Netzbetrieb achten: «Es muss angemessene Netzentgelte mit einer angemessenen Verzinsung auf das Eigenkapital geben, damit der Staat die Investitionen refinanzieren kann.»

Nach dem Bund böten sich nach Ansicht des Energieexperten «Pensionsfonds mit überschaubaren und langfristigen Rendite-Erwartungen» als Käufer an. In Betracht käme außerdem der britische Netzbetreiber National Grid. «Das Unternehmen könnte durchaus Synergien heben, wenn es auch die RWE-Netze kaufen würde.»

RWE fürchtet niedrigere Rendite
Hintergrund sind Medienberichte, denen zufolge RWE einen Teilverkauf seines Netzes plant. Anlass für die Überlegungen sei der wachsende Druck sowohl der EU-Kommission als auch des Bundes, die Netze strenger zu regulieren oder notfalls die Unternehmen zum Verkauf der Netze zu zwingen, um so für mehr Wettbewerb auf dem Energiemarkt zu sorgen. RWE erwägt indes, die Höchstspannungsnetze eher abzugeben als auf Rendite zu verzichten. «Die Margen im Stromvertrieb sind niedrig, die in der Erzeugung exorbitant hoch, und im Netzbereich sinken die Gewinne. Wenn man das in einem Unternehmen zusammenspannt, zerreißt es einen», erläutert Leprich die RWE-Überlegungen.

EU-Kommissarin Nellie Kroes sei außerdem wild entschlossen, die Konzerne zu zerschlagen. «RWE will dem möglicherweise zuvorkommen und der erste sein – und so den Vorteil des ersten Verkäufers nutzen», schätzt Energieexperte Leprich.

Leprich: Stromkonzerne sind verwöhnt
RWE mögen zwar die kurz- und mittelfristigen Renditen im Netzbetrieb nicht genügen – bescheiden seien die Stromkonzerne indes nicht. «Die Netzbetreiber gehen noch lange nicht auf dem Zahnfleisch», versichert der Experte. «Die Margen erscheinen nur dann gering, wenn man die Messlatte so hoch legt, wie das die Stromerzeuger derzeit tun.» Es gebe indes Unternehmen, die nicht auf so hohe Renditen angewiesen sind und langfristige Anlagemöglichkeiten mit überschaubaren Risiken suchen, stellt der Saarbrücker Professor fest. Auf lange Sicht könnten weitere deutsche Stromkonzerne RWE folgen. «Sicher gibt es bereits bei der Konkurrenz ähnliche und ernsthafte Überlegungen zu einem Netzverkauf.» Großunternehmen wie Shell oder Esso seien schon lange aus dem Netzgeschäft ausgestiegen, weil die Rendite für sie nicht stimme.

Nicht die möglicherweise sinkenden Netzentgelte sei indes das schlagende Argument für einen Verkauf des Netzgeschäfts. «Es geht um viel mehr: Das Netz ist die Infrastruktur, über die Wettbewerb in den Teilmärkten möglich – oder verhindert – wird.» So würden die Konzerne ihre Netze bislang nutzen, um ihre Kraftwerke optimal zu vermarkten. «Die Musik spielt bei der Erzeugung. Wenn ich die gut vermarkten kann – und der Besitz des Transportnetzes hilft hier gewaltig – mache ich das dicke Geschäft.» Darum sei die eigentumsrechtliche Trennung des Transportnetzes von der Erzeugung so wichtig.

EDF soll draußen bleiben
Problematisch wäre indes, wenn ausländische Konkurrenten sich die RWE-Netze einverleibten: «Wer als Käufer überhaupt nicht in Frage kommt, sind die europäischen Großstromerzeuger wie Electricité de France oder Electrabel. Da würde man ja den Teufel mit dem Beelzebub austreiben», warnt Energieexperte Leprich.

Mit Gasprom könne er indes «gut leben» – sofern das Unternehmen im Gasbereich bleibe und Stromnetze hinzukaufe. «Das Risiko ist dabei aber, dass die Russen auch in die Stromerzeugung expandieren – und dann haben wir das gleiche Problem wie vorher.» Bereits seit Monaten werde über einen möglichen Einstieg von Gasprom bei RWE spekuliert. «Insofern ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass sich langfristig nur der Name ändert. Das wäre natürlich übel. Erst gibt man ihnen die Netze, später holen sie sich den Rest.»

Netze für Heuschrecken unattraktiv
Keine Sorgen macht sich Leprich über den möglichen Einstieg von Beteiligungsgesellschaften, den so genannten Heuschrecken. «Solange man auf sehr kurzfristige Rendite aus ist und Unternehmen kauft und schnell wieder abstößt, ist das nichts für das Netzgeschäft.» Wer sich auf das Netzgeschäft einlasse, wisse, dass er langfristige Verpflichtungen übernehme und einen langen Atem im Infrastrukturgeschäft brauche. «Ein schneller Euro ist da für eine Heuschrecke nicht drin.»

Uwe Leprich ist Volkswirt und stellvertretender Leiter des Fachbereichs Wirtschaftsingenieurwesen der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken. Außerdem ist er stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Instituts für ZukunftsEnergieSysteme (IZES).