netzeitung.de«Der Aufschwung hat keine Breite»

 Herausgeber: netzeitung.de

Peter Bofinger (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Peter Bofinger
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Peter Bofinger, einer der Wirtschaftsweisen, warnt vor zu viel Optimismus: Die neuen Wachstumsprognosen könnten nur von kurzer Dauer sein. Auf Netzeitung.de begründet er, warum er Zeichen einer Abkühlung sieht.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger will sich den Konjunktur- Optimisten nicht uneingeschränkt anschließen. Zwar habe die Wirtschaft im vierten Quartal kräftig zugelegt, doch dafür seien auch vorgezogene Käufe wegen der höheren Mehrwertsteuer verantwortlich, sagt der Wirtschaftsprofessor der Universität Würzburg Netzeitung.de. Inwieweit Vorzieheffekte ausschlaggebend waren, sei noch unklar. Aber im Handwerk, in der Automobilindustrie und im Einzelhandel seien die Zuwächse klar auf Vorzieheffekte zurückzuführen.

Die deutsche Wirtschaft legte im vierten Quartal auf Jahressicht um 3,5 Prozent zu, gegenüber dem Vorquartal erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt um 0,9 Prozent. Im Gegensatz zu zahlreichen Ökonomen zweifelt Bofinger an der Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Erholung: «Bei den Auftragseingängen und der Industrieproduktion zeichnet sich bereits eine Abkühlung ab.» Die Bestellungen haben sich im Schlussquartal 2006 im Vergleich zum Vorquartal leicht abgeschwächt. Auch bei den Ordereingängen aus dem Ausland gebe es einen leichten Rückgang.

Handwerk spürt schwächere Nachfrage
Zuvor hatte bereits Handwerks- Präsident Otto Kentzler vor einer Konjunkturdelle gewarnt: Die Nachfrage lasse bereits nach. Die Betriebe arbeiteten noch Auftragsüberhänge des Vorjahres ab - seit Jahresbeginn gingen die Auftragseingänge spürbar zurück.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gibt sich dagegen weit zuversichtlicher: «Wir werden unsere Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf zwei Prozent anheben», kündigte DIW-Chef Alfred Steinherr am Mittwoch in der «Berliner Zeitung» an. Bisher war das Institut von 1,8 Prozent ausgegangen. Die Mehrwertsteuer- Erhöhung hinterlasse weniger Spuren als befürchtet. Sie sei nicht in vollem Umfang an die Kunden weitergegeben worden. Die Bundesregierung hatte Ende Januar ihre Prognose für 2007 von 1,4 auf 1,7 Prozent erhöht.

Nicht breit genug
Bofinger warnt dagegen: «Der Aufschwung hat keine Breite.» Er werde nach wie vor vorwiegend vom Export getragen und nicht vom Binnenkonsum. Ohne den Verkauf von Autos habe sich der Einzelhandel seit dem zweiten Halbjahr 2005 kaum verändert. Der Aufschwung könne sich nur dann fortsetzen, wenn er auf eine breite Basis gestellt werde, so der Fachmann. Dazu müssten die Löhne steigen.

Zurückhaltend äußerte er sich zur Lohnforderung der IG Metall von 6,5 Prozent für die bevorstehende Tarifrunde in der Metall-Industrie. Die konjunkturelle Erholung würde dadurch keinesfalls abgewürgt, meint Bofinger. Eine Lohnerhöhung von mindestens drei Prozent müsse möglich sein.

Verwundert reagiert der Ökonom auf die überaus zuversichtlichen Äußerungen von Ifo-Chef Werner Sinn, der den deutschen Wirtschaftsaufschwung für so kräftig hält, dass er bis zum Ende dieses Jahrzehntes anhalten könnte. «Das wundert mich schon. Schließlich hat Sinn erst 2003 einen Bestseller herausgebracht mit dem Titel: 'Ist Deutschland noch zu retten?'.»


Für das Web ediert von Michaela Duhr