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2007 «Belastungsprobe» für die Wirtschaft

21. Aug 2006 08:52
Peter Bofinger Foto: dpa
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Die Konjunktur in Deutschland hat ihren Höhepunkt schon erreicht, prognostiziert der Wirtschaftsweise Bofinger. Die Netzeitung sprach mit ihm über Wachstumsprognosen, den Arbeitsmarkt und die Große Koalition.

Netzeitung: Herr Bofinger, die deutsche Wirtschaft wächst so stark wie seit fünf Jahren nicht mehr. Hat Deutschland die Wende geschafft?

Peter Bofinger: Wir erleben eher den Höhepunkt der wirtschaftlichen Dynamik als einen Durchbruch in der Entwicklung. Die Wirtschaft ist durch starke Vorzieheffekte aufgrund der geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer Anfang 2007 geprägt:

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Netzeitung: ... schon jetzt im zweiten Quartal?

Bofinger: Die Entwicklung ist stark durch die Bauwirtschaft getrieben. In dem Bereich sind die Kunden froh, wenn sie die Leistungen drei Prozent billiger bekommen als im kommenden Jahr. Zudem sind die Effekte der Abschaffung der Eigenheimzulage zu bedenken.

Aus meiner Sicht haben wir nach wie vor das Problem der stark gestiegenen Energiepreise, außerdem werden von der Weltkonjunktur in der nächsten Zeit eher dämpfende Effekte ausgehen. Diese sind bei den Auftragseingängen schon jetzt erkennbar.

Netzeitung: In den vergangenen Wochen haben gleich mehrere Energiekonzerne angekündigt, die Preise erneut deutlich anzuheben. Wie stark lastet der Faktor Energie auf der Konjunktur?

Bofinger: Nach früheren Erfahrungen hätte der dämpfende Effekt viel stärker ausfallen müssen. Ich glaube, dass der echte Rückschlag durch die Energiepreise erst noch bevorsteht.

Wenn sich die gestiegenen Strom- und Gaspreise bei gleichzeitig nur gering steigenden Einkommen nicht nachteilig auf die Wirtschaft auswirken, müssen die Standardwerke der Ökonomie umgeschrieben werden. Deshalb bin ich skeptisch, dass wir bei diesem Belastungsszenario die jetzige Dynamik fortsetzen können.

Netzeitung: Also keine Hoffnung für den Arbeitsmarkt – trotz der jüngst positiven Entwicklung?

Bofinger: Natürlich ist der Rückgang in den vergangenen Monaten erfreulich. Aber wenn Sie zum Beispiel den Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nehmen, muss man auch sehen, von welchem Niveau wir kommen. In den vergangenen Jahren sind 1,8 Millionen reguläre Arbeitsplätze verloren gegangen, da ist ein Anstieg um 80.000 noch kein Grund zum Feiern.

Der Zuwachs der Beschäftigung ist zudem sehr stark durch Zeitarbeitsfirmen geprägt. Wir brauchen einfach noch viel mehr reguläre Arbeitsplätze und keine Mini-Jobs oder befristete Stellen. Ich sehe Licht am Ende des Tunnels – aber noch keinen Durchbruch.

Netzeitung: Sie haben mit ihrem eher pessimistischem Ausblick wenig Mitstreiter. Momentan scheinen alle Ökonomen wieder «Hurra!» zu schreien.

Bofinger: Es macht keinen Sinn, als Ökonom zu sagen: «Die Wirtschaft läuft gut, weil sie gut läuft.» Man muss sich fragen: Was sind die Triebkräfte der Entwicklung? Es gibt sicher eine Art von Eigendynamik, zum Beispiel durch Nachholeffekte bei den Investitionen.

Aber wenn man sich fragt, wie die Situation fundamental zu begründen ist, wird man nicht viel finden: Es ist ja nicht nur der Ölpreis gestiegen, die Zinsen wurden in den USA und in Euroland deutlich erhöht und das in einer Situation, in der die Weltwirtschaft am Ende eines langen Booms steht. Die Immobilienmärkte waren hierfür lange die treibende Kraft, aber das ist jetzt definitiv vorbei.

Netzeitung: Spätestens Anfang 2007 ist die Wachstumsparty beendet?

Bofinger: Anfang 2007 wird die Belastbarkeit der deutschen Wirtschaft geprüft. In dem derzeitigen Umfeld ist die Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Punkte eine hässliche Kröte, die man besser im Glas lassen sollte. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man die Erhöhung über drei Jahre strecken sollte. Die Einnahmen sollten außerdem vor allem für öffentliche Investitionen und die Bildung ausgegeben werden.

Netzeitung: Seit knapp einem Jahr regiert die Große Koalition. Kann der Bürger zufrieden sein?

Bofinger: Bei der Großen Koalition ist sehr erstaunlich, dass sie zwei Strategien hat. Für 2006 wurde dem Wirtschaftswachstum Vorrang vor der Konsolidierung gegeben – die Strategie hat sich voll ausgezahlt: Das höhere Wachstum hat auch deutlich zur Konsolidierung beigetragen – die Steuereinnahmen steigen drastisch. Im Jahr 2007 wird jetzt der Konsolidierung Vorrang vor dem Wachstum gegeben. Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist.

Netzeitung: Wie stark wird die Wirtschaft 2007 wachsen? Mehr als ein Prozent?

Bofinger: Ich würde sagen: eher unter einem Prozent.

Peter Bofinger ist Ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg und seit März 2004 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Mit ihm sprach Marcus Gatzke.

 
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