«Ein Jahr Aufschwung schafft keine Jobs»
18.08.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Michael Knipper: Ich habe den Glauben nie verloren. Mit einer «Politik der Perspektivlosigkeit» kann man auch nicht erfolgreich sein. Dass die Stabilisierung am Bau schon in diesem Jahr eingetreten ist, erfreut mich natürlich besonders.
Netzeitung: Woran liegt es, dass es Ihrer Branche wieder verhältnismäßig gut geht?
Knipper: Die deutsche Industrie hat ihre Wettbewerbsfähigkeit schrittweise verbessert. Die Unternehmen haben die Lohnzusatzkosten gesenkt und die Produktivität erhöht. Das Ganze wurde durch eine sehr moderate Tarifpolitik unterstützt, die Beschäftigung gesichert und zur Stabilisierung beigetragen hat.
Jetzt geht es den deutschen Firmen wieder deutlich besser. Die deutsche Wirtschaft hat ihre Hausaufgaben gemacht und kann wieder von einer guten Weltwirtschaft profitieren. Das führt in der Folge auch zu höheren Investitionen im Verarbeitenden Gewerbe. Wir sehen, dass Deutschland zunehmend zu einer Logistik-Drehscheibe in Europa wird. Davon profitiert der Bau als Reflex der Wirtschaftsentwicklung.
Netzeitung: Die Stimmung in der Wirtschaft und in der Bevölkerung scheint deutlich besser als in der Großen Koalition. Welchen Anteil hat die Politik am beginnenden Aufschwung?
Knipper: Die Politik kann nur die Rahmenbedingungen setzen.
Netzeitung: CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla schreibt den Aufschwung der Kanzlerin zu ...
Knipper: Nach acht Monaten ist das doch etwas verfrüht. Es ist auch falsch, immer darüber zu streiten, «das ist mein Aufschwung und nicht deiner». Die Politik hat in einigen Bereichen durchaus zur Vertrauensbildung beigetragen. Insgesamt müsste die Große Koalition aber noch mehr tun, um sicherzustellen, dass die Erholung nicht nur ein Strohfeuer bleibt.
Netzeitung: Neue Arbeitsplätze in der Bau-Branche sind trotz der positiven Entwicklung nicht in Sicht?
Knipper: Ein Jahr Aufschwung wird noch keine Arbeitsplätze schaffen. Es ist auch nicht flächendeckend alles positiv die Branche in Ostdeutschland hinkt der in Westdeutschland noch immer hinterher. In den Bereichen, in denen es sich positiv entwickelt also im Süden und Südwesten Deutschlands , gibt es auch schon erste Neueinstellungen.
Die Unternehmen sind jedoch gut beraten, nicht beim ersten Aufschwung gleich wieder die Kapazitäten auszuweiten. Wir haben immerhin eine zehn Jahre andauernde Krise hinter uns.
Die Baufirmen sind mittlerweile in der guten Lage, auch schlecht bezahlte Aufträge einmal ablehnen zu können. Wir müssen nicht mehr jeden Auftrag annehmen. Die Umsatzrendite in der Branche hat sich verbessert, sie ist aber immer noch nicht da, wo sie sein sollte.
Erst wenn sich das Vertrauen in die Markterholung gefestigt hat, wird es auch neue Jobs geben. Hier würde ein flexibleres Kündigungsrecht helfen, dass Unternehmen mehr neue Mitarbeiter einstellen. Die Firmen würden dann bei einem Abschwung nicht auf den hohen Personalkosten sitzen bleiben.
Netzeitung: Die Pleiten von Holzmann und Walter Bau waren zwar schmerzhaft, aber notwendig?
Knipper: Auf der Angebotsseite haben wir in der Bauwirtschaft immer noch zu viele Unternehmen - vor allem zu viele Kleinstanbieter. Wir haben in Deutschland ungefähr 14.000 Ein-Mann-Unternehmen. Über einen stärkeren Qualitäts-Wettbewerb müssen sich die guten Firmen herauskristallisieren. Der Prozess der Konsolidierung, der bei den großen Firmen schon weitgehend abgeschlossen ist, muss auch bei den kleinen Unternehmen einsetzen.
Netzeitung: Wenn es so gut läuft, dann kann die Erhöhung der Mehrwertsteuer Anfang 2007 ja nicht mehr wirklich wehtun.
Knipper: Dies trifft uns nicht so sehr. In der Bauindustrie arbeiten wir überwiegend mit der Öffentlichen Hand zusammen, und sind vor allem im Wirtschaftsbau tätig. Da sind die Kunden zum Vorsteuerabzug berechtigt - beim Wohnungsbau sieht das ganz anders aus.
Wir hoffen, mit vollen Auftragsbüchern in das neue Jahr gehen zu können. Wenn wir Arbeit für das erste Halbjahr 2007 haben, wird auch die Nervosität im Markt deutlich abnehmen. Dann könnte es auch im kommenden Jahr ein Wachstum in unserer Branche geben.
Es bringt auch politisch nichts mehr, jeden Monat aufs neue die «Mehrwertsteuer-Sau» durchs Dorf zu treiben. Viel wichtiger ist, dass Finanzminister Steinbrück bei der Unternehmenssteuerreform für Klarheit sorgt.
Netzeitung: ... die Wirtschaft soll immerhin um fünf Milliarden Euro entlastet werden.
Knipper: Der Steuersatz wird zwar deutlich reduziert aber mit der Verbreiterung der Bemessungsgrundlage um Zinsen kommt es zu einer Substanzbesteuerung. Das wäre für uns katastrophal. Steinbrücks Vorschläge sind ein Horrorkatalog.
Die Unternehmen unserer Branche besitzen wenig Eigenkapital und finanzieren sehr viel über Kredite. Durch eine Zinsbesteuerung wären viele Firmen in ihrer Existenz bedroht. Lieber keine Steuerreform als die geplante Zinsbesteuerung.
Das Modell des Bundesfinanzministeriums hat entscheidende Fehler und ist einfach irrational: Bei uns würden die Steuern bezogen auf den Gewinn nicht bei rund 34 Prozent, wie das BMF annimmt, sondern deutlich über der jetzigen Steuerbelastung liegen. Sie können je nach Unternehmen auf mehrere 100 Prozent steigen. Sollten die Zinsen auf Fremdkapital besteuert werden, werden die Unternehmen reihenweise wieder Verluste schreiben.
Mit Michael Knipper sprach Marcus Gatzke.

