Annahmen zu Hartz IV waren «zu positiv»
31.05.2006
Herausgeber: netzeitung.de
«In der Debatte handelt die Union nach dem Motto 'Haltet den Dieb'», kritisiert die Arbeitsmarktexpertin. Die Union versuche, dem Missbrauch von Hartz-IV-Leistungen die Schuld an überbordenden Ausgaben zu geben. Die riesige Differenz in Milliardenhöhe zwischen den erwarteten Ausgaben und den tatsächlichen Kosten sei aber «nicht allein auf Missbrauch zurückzuführen».
Die Planzahlen wurden Dückert zufolge bei einem «Gezerre im Vermittlungsausschuss» erarbeitet dort waren neben Vertretern der damaligen rot-grünen Koalition also auch Vertreter der Union wegen ihrer Mehrheit im Bundesrat dabei. «Da sind alle mit im Boot und verantwortlich dafür, dass die Daten falsch waren.»
Vor der Hartz-IV-Reform hatten Bund, Länder und Gemeinden nach Angaben des Arbeitsministeriums im Jahr 2004 insgesamt 38,6 Milliarden Euro aufgewendet. 26,6 Milliarden Euro entfielen dabei auf die einstige Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe. Für 2005 wurde laut Dückert im Vermittlungsausschuss erwartet, dass nach Zusammenlegung der beiden Leistungen Transfers in Höhe von rund 14 Milliarden Euro gezahlt würden. Tatsächlich wurde 2005 aber Arbeitslosengeld II in Höhe von 25 Milliarden Euro gezahlt.
Die gesamten Ausgaben hätten der Hochrechnung zufolge 2005 rund 43,5 Milliarden erreicht - gegenüber tatsächlich ausgegebenen 44,4 Milliarden Euro. Vom Anstieg sind 1,4 Milliarden Euro auf Veränderungen bei den Rentenversicherungsbeiträgen zurückzuführen. Das Arbeitsministerium erklärt den Anstieg in einem Bericht für den Fachausschuss des Bundestages, der der Netzeitung vorliegt, mit der «ungünstigen Entwicklung des Arbeitsmarktes».
Dückert kritisiert darüber hinaus, in der derzeitigen Debatte über eine Reform von Hartz IV werde so getan, als gäbe es überhaupt keine Sanktionen im Gesetz. Dabei gebe es sehr wohl Möglichkeiten sie würden derzeit nur kaum angewandt. Die Grünen-Abgeordnete verteidigte die Reform: «Sie war notwendig, weil die Vermittlungsarbeit der damaligen Bundesanstalt für Arbeit zu recht in die Kritik geraten war.»
Das gelte insbesondere für gering Qualifizierte. Dückert warb für das von den Grünen entwickelte so genannte Progressiv-Modell: Dabei soll durch die gezielte Senkung der Lohnnebenkosten für Einkommen bis etwa 2000 Euro Arbeit im Niedriglohnsektor günstiger und damit für Arbeitnehmer und Arbeitgeber attraktiver werden. Das Modell ist den Grünen zufolge wesentlich günstiger als ein flächendeckender Kombilohn und verhindert Mitnahmeeffekte.
Dückert verteidigte zudem das Instrument der Ein-Euro-Jobs: «Es ist grundsätzlich nicht verkehrt, Langzeitarbeitslosen Angebote zu machen als Einstieg in die Beschäftigung aber eben nicht als billige Variante zu sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten.» Insofern sei das Instrument an sich nicht falsch, aber die Umsetzung fehlerhaft. Hier müssten die Arbeitsagenturen und kommunalen Arbeitsgemeinschaften «den Betroffenen stärker in den Blick nehmen».
Die Grüne lehnte auch die Forderung von CSU-Generalsekretär Markus Söder ab, die regional unterschiedlich hohen Lebenshaltungskosten beim ALG II zu berücksichtigen. «Damit baut man wieder eine riesige Bürokratie auf», warnte Dückert. «Außerdem kann doch niemand wollen, dass man durch regional unterschiedliche ALG-II-Höhen Wanderbewegungen in Deutschland auslöst.»
Für das Web ediert von Matthias Breitinger

