Consultants:
Autor prangert «Bluff der Berater» an
11.05.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Vielleicht wäre ein «Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache» wie es die CDU-Politikerin Erika Steinbach in «Bild» vorschlug gar nicht so übel. Es käme aber möglicherweise einem Berufsverbot für eine ganze Branche in Deutschland gleich. Denn Beraterfirmen wie McKinsey oder Roland Berger nutzen nicht nur eigene Wortneuschöpfungen intensiv in ihren Gutachten, sondern auch verklausulierende englische Begriffe.
Mit Bedacht: «Es scheint, als ob Consultants [Berater, die Red.] klare Gedankengänge mit ihrem sprachlichen Werkzeug bewusst verwässern», schlussfolgert der Journalist Thomas Leif in seinem neuen Buch über die Branche, das «Beraten und verkauft» heißt nachdem er genüsslich Beispiele wie Cost-Cutting (für: Senkung der Kosten), Benefits (Vorteile) und den bekannten Job-Floater aufgezählt hat.
Dabei ist die Sprache für Leif noch das kleinste Problem einer Branche, die seiner Meinung nach die Öffentlichkeit aus wohl kalkulierten Gründen scheut. So enge Verquickungen, so viele «Netzwerke» zwischen Beratern und Politikern gebe es inzwischen, dass die meisten Gutachten freihändig vergeben werden also ohne öffentliche Ausschreibung und damit auch ohne die Möglichkeit zu prüfen, ob ein Konkurrent günstiger wäre.
Und die sehen dann auch stereotyp aus: öffentliches Gut privatisieren, Märkte liberalisieren, Kosten sparen und Stellen streichen, lauten die Empfehlungen. Ein Grund dafür liegt für Leif in der Arbeitsweise der Beraterfirmen selbst. Sie würden gar kein eigenes Wissen erschaffen oder Lösungen entwickeln, sondern vielmehr beides bei ihren Kunden einsammeln und es ihnen «in bunten Folien statt grauen Aktiendeckeln» wieder vorlegen. Möglich sei auch das «Recycling» einmal erarbeiteter Gutachten für weitere Auftraggeber schließlich sei mit einem Beratervertrag meist eine strikt einzuhaltende Schweigepflicht beider Seiten verbunden.
Deshalb müsse es Regeln für den Einsatz von Beratern und Gutachtern geben, betont Wulff. So habe er im Kabinett in Hannover einen Verhaltenskodex durchgesetzt. Der gebiete den Ministern unter anderem, zumindest ein halbes Jahr zu warten, bevor sie sich nach Amtsaufgabe von der Beraterbranche anwerben lassen. Einen Seitenhieb auf seinen niedersächsischen Amtsvorgänger kann er sich nicht verkneifen: Ein so rascher Wechsel, wie ihn Gerhard Schröder von der Spitze der Bundesregierung zum staatlich kontrollierten russischen Gaskonzern Gasprom gemacht habe, wäre so nicht möglich gewesen, frohlockt Wulff.
Immerhin kann Wulff von Erfahrungen berichten, wo der Sachverstand der Beraterfirmen nützte, etwa ein Gutachten zur Konsolidierung des niedersächsischen Haushalts. Er kennt aber auch das Gegenbeispiel: Die Verwaltungsreform, bei der in seinem Land mit den Regierungspräsidien eine ganze Ebene wegfiel, sei komplett ohne externe Berater erarbeitet und umgesetzt worden.
Wie weit der Einfluss der Berater in der Politik schon reicht, skizziert Autor Leif allein anhand der tief greifenden politischen Entscheidungen der jüngsten Vergangenheit, die mit ihrer Hilfe fielen: Die Modernisierung der Bundeswehr, die Arbeitsmarktreform Hartz IV, die Maut oder die Kopfpauschale als Reformvorschlag für die Finanzierung des Gesundheitswesens: «Die Berater schicken sich an, die Gesellschaft zu verändern. Deshalb müssen sie auch gesellschaftlich kontrolliert werden», meint Leif.
«Wir brauchen keine neuen Gesetze, die bestehenden müssen nur umgesetzt werden», betont Leif. Nötig sei vor allem Transparenz, hebt er hervor. Dafür könne unter anderem eine «Aufwertung der Rechnungshöfe» in Bund und Ländern beitragen. Von denen nämlich erhalte man derzeit als Journalist meist «nicht einmal einen Fetzen Papier».

