24. Mrz 2006 10:12
Mit Prognosen, die Deutschen stürben aus, soll nur «Panik verbreitet werden», kritisiert der Statistik-Professor Bosbach. Die Politik sollte lieber dafür sorgen, Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen, rät er in der Netzeitung.
Netzeitung: Herr Bosbach, was halten Sie eigentlich von dem Spruch: Die Rente ist sicher?Gerd Bosbach: Die Rente könnte sicher sein – zumindest dann, wenn es in diesem Land ökonomisch einigermaßen zufrieden stellend laufen würde. Und: Sie wäre dann auch in der Zukunft sicher.
Netzeitung: Das heißt: Wir brauchen eigentlich gar nichts zu tun und können uns den Streit um die Rente mit 67 sparen?
Bosbach: So einfach ist das nicht. Änderungen sind aber an anderen Stellen erforderlich. Dazu gehört in erster Linie, dass die mindestens fünf Millionen Arbeitslosen wieder ihren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leisten können. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass die Bildung der Jugendlichen verbessert wird.
Wenn wir weiter so viele Arbeitslose haben, würden auch mehr Kinder es nicht schaffen, die Rente für die Alten zu erwirtschaften. Das können sie letztlich ohnehin nur dann, wenn sie gut oder sehr gut ausgebildet sind. Das sind heute die entscheidenden Themen – nicht irgendwelche merkwürdigen Diskussionen über Geburtenrate oder Rente.
Netzeitung: Sie schreiben, wegen Fettleibigkeit, Bewegungsarmut und Drogenmissbrauchs würden die Kinder von heute ohnehin nicht so alt wir ihre Eltern. Sind Sie ein Zyniker?
Bosbach: Ich weiß nicht, wie alt unsere Kinder werden – das weiß niemand. Ich will damit nur die Sicherheit in Zweifel ziehen, mit der einige Leute behaupten, sie würden ganz genau wissen, wie Deutschland und die Welt im Jahr 2100 oder sogar 2300 aussehen wird. Das ist bestenfalls Kaffeesatzleserei, im schlimmsten Fall schlicht Unsinn, mit dem Panik verbreitet werden soll.
Viele verbiegen schlicht die statistischen Daten. So hat der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering im Wahlkampf gesagt, von den heute geborenen Mädchen würde jedes zweite über hundert Jahre alt. Tatsächlich werden nach der neuesten Prognose des Statistischen Bundesamtes 1,2 Prozent von ihnen dieses Alter erreichen: Jede 75. statt jede zweite, das ist ein kleiner Unterschied. Aber noch mal: Welche Prognose zutreffen wird, ist unsicher.
Netzeitung: Die Statistikbehörde hat 2003 eine Bevölkerungsschätzung vorgelegt und damit für Wirbel gesorgt. Wenn aus ihrer Sicht alles nicht so schlimm wird: Wie konnte diese Fehlwahrnehmung entstehen?
Bosbach: Man muss hier zwei Gruppen unterscheiden: Leute, die alles dramatisieren wollen wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, haben sich einfach die schlimmsten Zahlen herausgepickt und sie aufgeblasen. Die meisten anderen haben sich auf ein einziges Zahlenverhältnis gestürzt und daraus falsche Schlüsse gezogen: Sie gehen nur der Frage nach, wie viele Erwerbsfähige wie viele Alte ernähren müssen – vergessen dabei aber, dass sie zugleich weniger Kinder ernähren müssen. Wird das berücksichtigt, dann sehen viele dramatische Prognosen schon gar nicht mehr so schlimm aus.
Netzeitung: Es besteht ein Unterschied zwischen der Finanzierung von Kindern und von Rentnern: Während das eine von der Eltern oder aus Steuereinnahmen beglichen wird, lastet das andere auf dem Umlageverfahren der gesetzlichen Rente und sorgt für hohe Beiträge, die neue Arbeitsplätze verhindern...
Bosbach: Wie in der Debatte um die Demografie gibt es auch es auch in Fragen der aktuellen Wirtschaftspolitik eine Menge Fehlinformationen, die nur deswegen geglaubt werden, weil sie täglich wiederholt werden. Zu den stets beklagten Lohnnebenkosten muss man sagen, dass einen Unternehmer nur die Gesamtkosten für einen Mitarbeiter interessieren – ob er sein Geld in die Rentenversicherung einzahlt oder es direkt an die Belegschaft auszahlt, wird ihm egal sein. Wenn sie aber die Beiträge zur Rentenkasse senken, sinkt damit nur ein Teil der Gesamtkosten.
Der Effekt ist gar nicht so groß, wie immer behauptet wird: Senken Sie die Lohnnebenkosten für die Rente um zehn Prozent, liegt die Ersparnis bei den Gesamtkosten nur bei maximal 1,5 Prozent. Zum Vergleich: Die Geldwertschwankungen für die bei uns so wichtige Exportwirtschaft liegen teilweise bei mehr als 30 Prozent. Außerdem sollte man nicht vergessen: Alle Senkungen der Kosten in letzter Zeit haben keineswegs für mehr Arbeitsplätze gesorgt, sondern allein für höhere Gewinne bei den Unternehmen. Auch hier konzentriert sich die öffentliche Debatte also auf die falschen Schwerpunkte.
Netzeitung: Sie beklagen, dass an zwei zentralen Stellen der öffentlichen Debatte mit falschen Argumenten hantiert wird. Wie kann das passieren?
Bosbach: Schlagzeilen wie «Wir kriegen immer weniger Kinder» und «Wer soll unsere Rente zahlen» gab es schon einmal Ende der 50er Jahre. Der Grund ist ganz einfach: Die wirklich drastische Alterung der Gesellschaft liegt schon weit hinter uns. Im ganzen zurückliegenden Jahrhundert war die Entwicklung hin zur alternden Bevölkerung und zu weniger Kinder weitaus dramatischer – und die Sozialsysteme sind nicht ab-, sondern ausgebaut worden.
Die Anzahl der Rentner je Erwerbsfähigem hat sich von 1900 bis 2000 vervierfacht, der Anteil der Jugendlichen hat sich zugleich von mehr als 40 auf 20 Prozent halbiert. So rasch wird die Entwicklung keinesfalls weitergehen. Dieselben Klagen, die wir derzeit von Union und SPD hören, stehen teils wortgleich im familienpolitischen Bericht der ersten Großen Koalition – aus dem Jahr 1968.
Netzeitung: Warum dann aber jetzt wieder Aufmacher mit Titeln wie «Die Deutschen sterben aus?»
Bosbach: Dahinter stecken meiner Ansicht nach mächtige wirtschaftliche Interessen. Dazu zählen in erster Linie die Versicherungskonzerne. Wenn die nur jeden zehnten Euro der 240 Milliarden Euro, die jährlich durch die Kassen der Gesetzlichen Rentenversicherung laufen, für sich gewinnen, ist das ein kräftiger Umsatzschub. Schon jetzt feiern die Konzerne ihre Erfolge mit Vorsorge-Produkten. Großes Interesse haben auch Finanzdienstleister. Denn deren Geldanlagen sind ohne frisches Geld Nullsummenspiele: Der eine gewinnt nur das, was der andere verliert - ohne Zuflüsse kein Anstieg der Aktienkurse.
Dazu kommen die Arbeitgeber: Sie hoffen, sich über das Thema aus der paritätischen Rentenversicherung verabschieden zu können. In der Wirtschaft sitzen also die großen Gewinner der Debatte – und dazu gehören letztlich auch die Medien: Sie hängen nicht nur an den Anzeigen, sondern können auch von Kooperationen profitieren. Selbst wenn man das außen vor lässt: Horror-Meldungen verkaufen sich eben besser.
Und auch Politiker tragen einen Teil der Verantwortung. Wir haben doch heute nicht das Problem, dass es zu viele Alte und zu wenig Junge gibt – sondern dass fünf Millionen Menschen hier zu Lande gar keine Arbeit finden, so lange sie auch suchen. Wenn die alle arbeiten dürften, fielen die Lohnnebenkosten automatisch. Das Problem Massenarbeitslosigkeit ist für jeden sichtbar. Die Politik scheint dort aufgegeben zu haben.
Netzeitung: Die Erhöhung des Renteneintrittsalters und die Diskussion um Lohnnebenkosten dient nur dazu, von der Unfähigkeit der Politik in Sachen Arbeitsmarkt abzulenken?
Bosbach: So direkt ist der Zusammenhang sicher nicht. Aber beim Thema Bildung ist es ähnlich: Wenn wir die Jungen nicht ausreichend ausbilden, können wir noch so viele Kinder in die Welt setzen, die Renten werden davon nicht sicherer. Aber statt die Bildungsdefizite endlich anzugehen, sorgte sich die Regierung lieber darum, wie die Rente in 50 Jahren aussehen könnte.
Das ergibt natürlich ein Zerrbild – und gleichzeitig eine Entschuldigung dafür, warum Schulen und Hochschulen immer weiter verfallen. Ein ähnliches Phänomen gibt es in der Wirtschaft: Viele Unternehmen warnen vor dem drohenden Facharbeitermangel in der Zukunft – bilden aber schon heute nicht mehr aus. Mit solchem Irrwitz soll augenscheinlich von aktuellen Problemen abgelenkt werden – das zumindest muss man aus dem Verhalten der Politiker schließen.
Netzeitung: Und damit kommen sie einfach so durch?
Bosbach: Es funktioniert, weil die Politiker eine sichtbare Wahrheit aufgegriffen haben: Es gibt eben mehr Alte und weniger Kinder. Das heißt aber nicht, dass die behaupteten Ursachen und Folgen den tatsächlichen entsprechen. Dazu kommt der von Horror-Filmen bekannte Effekt: Wenn ich mich erst mal daran gewöhnt habe, muss die Dosis erhöht werden, und ich brauche einen noch härteren. Noch 2000, 2001 gab es zunächst ganz vorsichtige Meldungen zur Demographie, die zwar auch schon viele Faktoren nicht berücksichtigten, in denen aber mit der Wahrheit gearbeitet wurde.
Inzwischen sind wir weiter. Da wird etwa die Geburtenrate 2004 als die niedrigste weltweit dargestellt. Das mag zwar formal richtig sein, wenn man spitzfindig sein will - relevant ist es jedenfalls nicht: Die Geburtenrate gibt die Zahl der Kinder je 1000 Einwohner an. Sie geht mit dem Altern der Bevölkerung naturgemäß zurück. Entscheidend ist die Geburtenziffer, also die Zahl der Kinder je Frau. Und da liegt Deutschland keineswegs hinten, wie Zahlen von Eurostat belegen: Die meisten neuen EU-Staaten, aber auch Italien, Spanien, Griechenland liegen hinter uns. Das ist eine koordinierte Welle. Jeder lügt wie er will – Hauptsache, es klingt dramatisch.
Netzeitung: Auf welcher Basis sollten Politiker denn aus ihrer Sicht Entscheidungen treffen? Etwas anderes als Prognosen – so unsicher sie auch sein mögen – haben sie doch gar nicht...
Bosbach: Natürlich muss man die Zukunft auf Basis von Prognosen betrachten. Aber man muss das gesamte Bild sehen und sich nicht nur das herauspicken, was einem gerade passt. Und man muss sich damit abfinden, dass man nicht ewig weit in die Zukunft blicken kann. 50 Jahre sind kein überschaubarer Zeitraum. Stellen Sie sich vor, Adenauer hätte 1955 vorhergesagt, wie es 2005 aussieht - und dann auch noch so geplant und seine Politik danach ausgerichtet. Ein Planungshorizont von mehr als 20 Jahren ist angesichts der unvermeidlichen Strukturbrüche nicht sinnvoll.
Netzeitung: Eine letzte Frage: Sie sind Professor an einer Fachhochschule, sorgen Sie eigentlich zusätzlich für Ihr Alter vor?
Bosbach: Ich habe mit meiner Frau zusammen ein Haus gekauft und wir haben ein bisschen Edelmetall beiseite gelegt, falls die Wirtschaft mal ganz zusammenbricht. Ich spare aber nichts an. Kein Mensch weiß, was am Ende dabei herauskommt. Wenn die Wirtschaft gut läuft, reicht das Umlageverfahren. Und wenn nicht, schützen auch große Buchbestände bei den Versicherungen nicht.
Prof. Dr. Gerd Bosbach unterrichtet Statistik, Mathematik und Empirik am Standort Remagen der Fachhochschule Koblenz. Vor allem beschäftigt er sich mit Statistik-Missbrauch, Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsstatistik sowie der gesundheitlichen Versorgungslage. Vor seiner Berufung arbeitete er lange Jahre beim Statistischen Bundesamt und beriet den wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags. Mit ihm sprach Kai Makus.