25. Jan 2006 10:34
«Entlassungsproduktivität» ist das «Unwort» 2005. Die Netzeitung dokumentiert, warum der linke Wirtschaftsprofessor Hickel die Wahl für richtig hält
Von Rudolf HickelDieser Begriff aus der neoklassischen Ökonomik ist von der Jury eher aus ethischen Gründen zum «Unwort des Jahres» erklärt worden. Damit wird auf den Zynismus abgestellt, dass durch Entlassungen auch noch die Arbeitsproduktivität steigen soll. Der dabei unterstellte ökonomische Zusammenhang ist jedoch nicht haltbar.
Dies zeigt die mit der Entlassungsproduktivität unterstellte Wirkungskette: Zu hohe Löhne führen zu Entlassungen durch die Unternehmen. Damit sinkt die Zahl der Beschäftigten, die zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, also die Produktivität der Beschäftigten. Diese Wirkungskette richtet sich vor allem gegen die gewerkschaftliche Argumentation einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik, also eines Lohnsanstieg zumindest im Ausmaß der wachsenden Produktivität.
Das Konstrukt Entlassungsproduktivität ist jedoch theoretisch nicht haltbar und empirisch nicht belegbar. Dann müsste beispielsweise wegen der vergleichsweise niedrigen Löhne und damit des Verzichts auf Entlassungen in den USA die Arbeitsproduktivität niedrig sein. Das Gegenteil ist seit der Durchdringung der Wirtschaft mit Informations- und Kommunikationstechnologien der Fall.
Auch in Deutschland wird die Arbeitsproduktivität nicht durch Entlassungen wegen zu hoher Löhne bestimmt. Maßgeblich ist die Umsetzung technologischer, aber auch sozialer Innovationen in der Produktion. Und da ist Deutschland, wie die Exporterfolge zeigen, gut.
Die Reduktion der Produktivitätsentwicklung auf die Löhne und damit verbundene Entlassungen führt in die Irre. Deshalb hat auch ökonomisch der Jury für diese Entscheidung Dank verdient.