netzeitung.dePolitiker wollen «niemals» eine Zinserhöhung

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Euro-Skulptur vor EZB-Zentrale in Frankfurt (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Euro-Skulptur vor EZB-Zentrale in Frankfurt
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Der EZB geht es nach Ansicht des Geldpolitikers Neumann bei der geplanten Zinserhöhung um eine «Signalwirkung». Die Kritik an der Entscheidung hält er für verfehlt.

Der Bonner Zentralbank-Experte Manfred Neumann hat die Europäische Zentralbank (EZB) gegen die Kritik an der geplanten Zinserhöhung in Schutz genommen. «Die erste Aufgabe der EZB ist die Gewährleistung von Preisstabilität – und darum geht es momentan», sagte der Direktor des Instituts für Internationale Wirtschaftspolitik an der Uni-Bonn, im Interview mit der Netzeitung.

Eine Gefährdung der Konjunktur sieht er nicht: «Zinsanhebung um 25 Basispunkte beeinflusst kaum die Konjunktur», betonte Neumann, der auch im Forschungsbeirat der Deutschen Bundesbank sitzt. «Ich sehe die deutsche Volkswirtschaft zusammen mit der europäischen im Aufwind.»

Netzeitung: Herr Neumann, ist die Kritik an der geplanten Zinserhöhung der EZB gerechtfertigt?

Manfred Neumann: Auf keinen Fall. Die Geldmenge wächst schon viel zu lange viel zu stark - auch die Kreditmenge ist deutlich angestiegen. Es besteht inzwischen ein monetärer Spielraum von rund elf Prozent, der ein Ansteigen der Inflationsrate zur Folge haben könnte.

Netzeitung: Aber der Zinsschritt könnte das immer noch labile Wachstum in Europa gefährden.

Neumann: Die erste Aufgabe der EZB ist die Gewährleistung von Preisstabilität – und darum geht es momentan. Die Konjunktur läuft zudem besser als erwartet. Eine Erhöhung um 25 Basispunkte ist leicht verkraftbar. Der EZB geht es vermutlich um eine Signalwirkung.

Netzeitung: Welche Signale will die EZB senden?

Neumann: Die Europäische Zentralbank kann mit der Zinsanhebung verdeutlichen, dass sie Zweitrundeneffekte nicht dulden wird. Höhere Lohnabschlüsse aufgrund der gestiegenen Inflation wären für sie nicht hinnehmbar.

Netzeitung: Wie hoch schätzen Sie das Risiko von Zweirundeneffekten?

Neumann: Es wäre sehr gefährlich, wenn sich die Gewerkschaften auf ein solches Spiel einlassen würden. Falls der Ölpreis im kommenden Jahr weiter steigt, wird der Druck auf die Gewerkschaften, wenigstens einen Teil der Preissteigerung über höhere Löhne zu kompensieren, immens zunehmen. Deshalb ist es so wichtig, dass die EZB signalisiert: Das werden wir auf keinen Fall akzeptieren.

Netzeitung: Die Kritiker der Entscheidung kommen aber nicht nur aus der Politik. Auch die OECD sieht keine Notwendigkeit, die Zinsen anzuheben.

Neumann: Die OECD hat sich schon vor einem halben Jahr eine Fehlprognose geleistet. Sie ist immer auf der Seite derer, die sagen, wir müssen die Zinsen so niedrig wie möglich halten. Die OECD-Kritik wundert mich deshalb nicht. Die Organisation schenkt den Preisrisiken nicht genügend Bedeutung.

Netzeitung: Es geht aber auch anders: Die Fed unter Alan Greenspan betreibt eine etwas stärker am Verlauf der Konjunktur ausgerichtete Geldpolitik und ist damit sehr erfolgreich.

Neumann: Da ist sicherlich etwas dran. Aber: Die amerikanische Zentralbank ist mit den Zinsen viel weiter nach unten gegangen und ist jetzt schon wieder weit über dem europäischen Niveau.

Netzeitung: Die EZB treibt es mit dem Dogma der Preisstabilität nicht zu weit?

Neumann: Preisstabilität ist kein Dogma, sondern gut für die Bevölkerung. In den USA ist die Inflation deutlich höher als in Deutschland. Wer die amerikanische Geldpolitik über einen längeren Zeitraum betrachtet, kann auch nicht sagen, dass sie besser als die europäische ist. Die Schwankungen des realen Wachstums in den 90er Jahren waren deutlich höher als in Europa. Das Trendwachstum ist in den USA zwar auch höher, das ist aber nicht der Geldpolitik zuzurechnen.

Netzeitung: Die EZB will es erst einmal bei einer Anhebung um 25 Basispunkte belassen. Rechnen Sie mit weiteren Zinsschritten?

Neumann: Weitere deutliche Zinserhöhungen wird es nur geben, wenn die Konjunktur sich weiter erholt.

Netzeitung: Also werden die Zinsschritte im kommenden Jahr moderat bleiben?

Neumann: Davon gehe ich aus. Wenn das Wachstum wie derzeit erwartet bei 1,8 Prozent liegen wird, dann wird die EZB vorsichtig bleiben. Zum Jahresende könnten die Zinsen dann bei 2,5 bis 2,75 Prozent liegen.

Netzeitung: Die Bundesregierung muss sich keine Sorgen machen, die EZB könnte ihren Plan durchkreuzen, die Konjunktur 2006 mit Investitionen zu stützen, um die Wirtschaft auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer vorzubereiten?

Neumann: Nein, muss sie nicht. Ich sehe die deutsche Volkswirtschaft zusammen mit der europäischen im Aufwind.

Netzeitung: Die Kritiker überschätzen also die Wirkungen der Geldpolitik auf die Konjunktur?

Neumann: Eine Zinsanhebung um 25 Basispunkte beeinflusst kaum die Konjunktur. Dagegen könnten allmählich die Zinskosten der Staatsverschuldung zunehmen. Deshalb beklagen sich auch Herr Juncker und seine Kollegen. Politiker wollen niemals eine Zinserhöhung.

Die Regierungen sind gut beraten, nicht auf Dauer mit dem niedrigst möglichen Zinssatz ihre Budgets zu kalkulieren. Sie sollten vom durchschnittlichen Zinsniveau, das sich über den Konjunkturzyklus hinweg ergibt, ausgehen – und das liegt mindestens bei vier bis 4,5 Prozent.

Das Gespräch führte Marcus Gatzke.