28.11.2005
Herausgeber: netzeitung.de
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nicht nur viele Regierungen, auch eine Mehrheit von Ökonomen hält die baldige Zinserhöhung in Europa für verfrüht. EZB-Präsident Trichet dürfe «nicht besessen von der Inflation sein».
Führende europäische Ökonomen haben die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins rasch anzuheben, kritisiert. Von den 18 Volkswirten im so genannten Schattenrat der Notenbank sprachen sich am Montag in Frankfurt am Main nur acht für den von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet vor zehn Tagen überraschend angekündigten Zinsschritt aus. Er wäre der erste seit Sommer 2003 und damit der erste in Trichets Amtszeit überhaupt.
«Die konjunkturelle Erholung ist noch fragil», begründete Gernot Nerb, Chefvolkswirt des Münchener Ifo-Institut, seine Ablehnung der Zinspläne. Er schloss sich damit indirekt der Kritik verschiedener Politiker an. Neben anderen hatte Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker, der auch als Präsident der Euro-Gruppe aus den zwölf Ländern der Währungsunion fungiert, gemahnt, eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt gefährdet die langsame Erholung der Wirtschaft in Europa.
«Neue Daten abwarten»Ifo-Ökonom Nerb empfahl, die Notenbank solle «neue Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung abwarten und auf einer sicheren Basis frühestens im Frühjahr die Zinsen erhöhen». Wahrscheinlich wird die EZB aber bereits beim nächsten Treffen des Rates Anfang Dezember den Leitzins um 25 Basispunkte auf dann 2,25 Prozent erhöhen.
Die von der Notenbank zu Begründung angeführte Teuerung ließ Volkswirt Julian Callow von der britischen Investmentbank Barclays Capital indes nicht gelten: Der Konsum bleibe schwach, und die Gehälter wüchsen nach wie vor nur langsam, dämpfte er Sorgen um so genannte Zweitrundeneffekte.
Teuerungsrate zuletzt über zwei ProzentDie aber fürchtet Notenbankchef Trichet angesichts stark gestiegener Energiepreise: Zuletzt hatte die Jahresteuerung deutlich über der Marke von «unter, aber nahe zwei Prozent» gelegen, bei der die EZB die Geldwertstabilität als gegeben ansieht.
Dennoch könnte der Preisauftrieb zu höheren Lohnforderungen führen, die wiederum weitere Preisrunden anstoßen könnten. Allerdings war die so genannte Kernrate, die die auch saisonal stark schwankenden Preise für Brennstoffe und Nahrungsmittel unbeachtet lässt, vergleichsweise niedrig geblieben.
Grundsatzkritik aus FrankreichEher grundsätzliche Kritik äußerte denn auch der Chefvolkswirt der französischen Großbank BNP Parisbas: «Wir dürfen nicht besessen von der Inflation sein», warnte er. «Es ist wichtiger, auf das Wirtschaftswachstum zu blicken als auf die Inflation.» Im Gegensatz etwas zum US-Pendant Fed steht in den Statuten der EZB allein der Kampf gegen die Inflation als Ziel der Geldpolitik, nicht etwa die Förderung von Wachstum und Beschäftigung.
In Schutz genommen wurde die EZB indes von Daniel Gros, der für das Center for European Policy Studies in Brüssel arbeitet. «Die Daten belegen eine wirtschaftliche Belebung in der Euro-Zone», verteidigte er den angekündigten Zinsschritt. Er rechnet damit, dass die Inflation auch 2006 und 2007 über der Zielmarke von zwei Prozent verbleibe. Daher sei der Zeitpunkt gekommen, um das historisch niedrige Zinsniveau zu verlassen, sagte Gros. (nz)