netzeitung.deZinserhöhung könnte Konjunktur stimulieren

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EZB-Präsident Jean-Claude Trichet (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe EZB-Präsident Jean-Claude Trichet
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Es klingt widersprüchlich, ist aber nicht unwahrscheinlich: Die für Dezember erwartete Zinserhöhung der EZB könnte die Konjunktur in Deutschland stützen - und nicht belasten.

Von Marcus Gatzke

Die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinswende in Europa einzuleiten, überraschte und verunsicherte die Kapitalmärkte – nicht nur in Frankfurt. Der Deutsche Aktienindex gab binnen weniger Minuten mehr als 50 Punkte seiner über den Tag angesammelten Gewinne wieder ab.

«Der Rat ist bereit, eine Entscheidung zur Änderung der Zinsen zu treffen und die derzeitigen Interventionsraten moderat anzuheben», hatte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Freitag auf einem Bankenkongress in Frankfurt am Main gesagt und damit die Verluste im Dax ausgelöst.

Schlussfolgerung möglicherweise vorschnell
Der Schluss, höhere Zinsen in Euro-Land könnten die schwächelnde Konjunktur in Deutschland abwürgen, könnte sich aber als vorschnell erweisen. «Steigende Zinsen sind meist besser als fallende Zinsen», sagt der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) Ulrich Blum, im Gespräch mit der Netzeitung. Für ihn kommt die Ankündigung auch nicht überraschend: «Das war zu erwarten.»

Die EZB hat sich die Entscheidung, die Zinsen wieder anzuheben, nicht leicht gemacht. Spekuliert wurde über den Zinsschritt schon seit langem – nur erfolgt ist er bisher noch nicht. Seit Juli 2003 verharren die Leitzinsen mit zwei Prozent auf einem historischen Tiefstand.

Mehr Investitionen möglich
Die Zentralbank will sich nach Ansicht von Blum nicht dem Vorwurf aussetzen, vorschnell gehandelt zu haben. Ähnlich wie der US-Notenbank Fed – sie hatte die Wende in der Zinspolitik bereits im Juni 2004 eingeleitet - will auch die EZB der Wirtschaft Planbarkeit und Verlässlichkeit signalisieren. Eine Zinssenkung nach einer vorschnell erfolgten Erhöhung würde aber genau das Gegenteil vermitteln. «Solche Schulterformationen sind in der Geldpolitik überhaupt nicht gerne gesehen», erläutert Blum.

Und eben dieser Umstand könnte in der Wirtschaft zu mehr Investitionen führen. In Erwartung weiter steigender Zinsen könnten Unternehmen ihre Investitionspläne überdenken, prognostiziert Wirtschaftsforscher Blum. Die Folge: Investitionen, die vielleicht in der Zukunft geplant waren, werden vorgezogen.

Die Unternehmen gehen davon aus, dass die Zinsen weiter steigen und sich damit Kredite verteuern. Blum sieht auch deshalb nur geringe Risiken dafür, dass sich die Wachstumsaussichten für das kommende Jahr in Deutschland eintrüben.

Energiepreise erhöhen Inflation
Wie schnell die EZB die Zinsen im kommenden Jahr anheben wird, hängt nach Meinung Blums davon ab, was die amerikanischen Kollegen der Fed machen und «wie sich der Ölpreis entwickelt». Die Inflation in Euroland ist in den vergangenen Monaten über zwei Prozent und damit über die Zielmarke der EZB gestiegen – hauptsächlich aufgrund deutlich gestiegener Energiepreise.

Auch deshalb hat die EZB bisher von einer Erhöhung der Zinsen abgesehen. Die höheren Energiepreise stellen keinen dauerhaften Inflationsdruck dar und Zweirundeneffekte – also zum Beispiel stärker steigende Löhne – sind nicht in Sicht. Das könnte sich insbesondere aber in Deutschland ändern: Die Gewerkschaften haben bereits angekündigt, die höhere Mehrwertsteuer ab 2007 auch bei den Lohnforderungen zu berücksichtigen.

Teufelskreis möglich
Die Tarifpolitik orientiere sich an ökonomischen Eckdaten, zu denen auch die Inflationsrate zähle, argumentiert Hubertus Schmoldt, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Soweit eine höhere Mehrwertsteuer die Inflationsrate erhöhe, ergäben sich «natürlich» auch Auswirkungen auf die Tarifrunde.

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser warnte in der Folge vor einem «Teufelskreis» und hat angesichts der Ankündigung der EZB nicht Unrecht: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer wird die Preissteigerung anheizen – höhere Lohnabschlüsse erhöhen den Inflationsdruck zusätzlich, was wieder zu höheren Lohnforderungen führen könnte. Im Ergebnis ist die EZB gezwungen, die Zinsen stärker und schneller anzuheben. Damit wäre die Erholung der Konjunktur in Deutschland beendet, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat.