17.12.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Notenbankchef Bernanke könnte seinem Spitznamen bald alle Ehre machen.
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die US-Notenbank kämpft entschieden gegen die Rezession: Zinsen auf Null und Märkte mit Geld fluten. Das erinnert an Japan Anfang des Jahrzehnts - doch die Fed mache es besser, meint ein Experte im Gespräch mit der Netzeitung .
Angst vor Inflation hat die US-Notenbank Federal Reserve derzeit keine, stattdessen geht derzeit das Deflationsgespenst um. Jüngste Zahlen belegen den Preisverfall: Die Verbraucherpreise in den USA sanken im November zum Vormonat um 1,7 Prozent. Das ist das größte Preisminus seit 1947. Ökonomen fürchten, dass der Rückgang sich fortsetzt.
Zugleich befinden sich die USA laut dem National Bureau of Economics seit Dezember 2007 in der Rezession. Gerade in einer Wirtschaftskrise gilt Deflation also ein anhaltendes Absinken des Preisniveaus als großes Übel, das die Rezession noch verschärfen und verlängern würde. Nicht nur, weil Verbraucher ihren Konsum zurückhalten, im Glauben, morgen werde alles noch ein bisschen günstiger zu haben sein. Sondern auch, weil die Deflation den Wert der Schulden erhöht, also die bestehende Schuldenlast immer drückender wird.
Deshalb versucht die Fed mit aller Macht dagegen anzukämpfen: Am Dienstagabend senkte sie die Leitzinsen faktisch auf null Prozent. Man werde «alle verfügbaren Instrumente» einsetzen, um die Konjunktur anzukurbeln und Preisstabilität zu wahren, sagte Notenbank-Präsident Ben Bernanke.
Zunächst verschießt die Notenbank mit dem Schritt das letzte Pulver der Zinspolitik doch damit vollziehe die Fed nur die bereits existierende Lage nach, sagt Experte Patrick Franke von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) der Netzeitung. «Effektiv waren die Zinsen seit einigen Wochen schon bei Null.»
Fed macht es besser als die JapanerAllerdings ist fraglich, ob die Maßnahme wirklich fruchten wird. Das Beispiel Japan zeigt eher das Gegenteil: Dort waren 2001 die Zinsen auf null gefahren worden und blieben jahrelang auf diesem Niveau Deflation und wirtschaftliche Flaute wurden dennoch nicht verhindert. Doch der Vergleich hinkt, meint Helaba-Experte Franke: Die Bank of Japan habe damals den Fehler gemacht, zu lange zu warten. Der Schritt, Geld in den Markt zu pumpen, sei in Japan zehn Jahre zu spät gekommen. In der Tat: Japan steckte schon in den 90ern in der Krise und die Preise verfielen - erst als das Land schon längst in der Deflationsfalle steckte, reagierte die Zentralbank in Tokio.
Die Fed handele hingegen jetzt besser, so Franke: «Sie lässt die Probleme nicht lange wirken, sondern greift schnell stabilisierend ein.» So vergibt sie bereits jetzt Kredite am Bankensystem vorbei direkt an Unternehmen und flutet zudem die Märkte mit Liquidität. Franke hält daher die Wahrscheinlichkeit, dass die Maßnahmen wirken werden, für relativ hoch vor allem im Zusammenspiel mit den finanzpolitischen Schritten der künftigen US-Regierung: Der gewählte Präsident Barack Obama hat bereits ein neues Konjunkturpaket angekündigt.
Die Zinssenkung auf Null ist zudem nicht der einzige Schritt, den die Fed am Dienstagabend angekündigt hat sie machte deutlich, auch die Geldpresse anzuwerfen. Die Fed erwägt etwa, weiter riskante private Anleihen aufzukaufen. Man sei bereit, verstärkt hypothekenbesicherte Anleihen der beiden Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac zu kaufen, teilte die Zentralbank mit. Zudem könnte sie Staatsanleihen längerer Laufzeit erwerben, «die US-Staatsverschuldung also über die Geldpresse» finanzieren, wie die Devisen-Analysten der Commerzbank schreiben.
Richtigen Zeitpunkt zur Kehrtwende findenDer Schritt der US-Notenbank ist eine Mischung aus Mut und Verzweiflung, wie das «Handelsblatt» analysiert. Auch auf die «Neue Zürcher Zeitung» macht der Zinsentscheid «eher einen verzweifelten denn einen entschlossenen Eindruck». Nach dem Ende der Zinssenkungen verbleibt als nächstes nur der Gang zur Geldpresse unter Ökonomen kursiert das Bild der Notenbank als Helikopter: Fed-Chef Bernanke, der aus einem Hubschrauber Papiergeld abwirft, um die Wirtschaft anzukurbeln.
Das Bild geht auf den Ökonomen Milton Friedman zurück, doch seit Bernanke im November 2002 in einer Rede davon sprach, trägt er auch den Spitznamen «Helikopter-Ben». Womöglich laufen die Rotorenblätter schon warm. Den Markt mit Liquidität zu fluten, sei angesichts der Deflationsgefahr derzeit nicht das Hauptproblem, meint Helaba-Fachmann Franke. Mit vollen Händen Geld zu verteilen, wird das Deflationsgespenst mit Sicherheit vertreiben.
Allerdings muss die Fed den richtigen Zeitpunkt finden, das Geld wieder aus dem Markt zu ziehen, bevor die Preise wieder kräftig anziehen. Sonst drohen womöglich eine neue Blase und die Rückkehr einer gewaltigen Inflation. «Man muss natürlich wieder rechtzeitig die Kurve kriegen», sagt Franke. «Da hat die Fed in der Vergangenheit nicht immer ein gutes Händchen bewiesen.» Das könne jetzt aber kein Grund sein, nichts zu tun, fügt Franke hinzu. Ähnlich warnen auch die Commerzbank-Analysten: Insbesondere die massiven Ankäufe von Wertpapieren könnten, wenn die Konjunktur in den USA wieder anspringt, nicht rasch rückgängig gemacht werden. Damit könnten sie aber «ernste Inflationsprobleme» auslösen.