04.12.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Er sieht am Horizont eine Wirtschaftskrise aufziehen
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Seit die gemeinsame europäische Währung eingeführt wurde, ist die Wirtschaft in der Euro-Zone nicht geschrumpft. Jetzt könnte das zum ersten Mal passieren. Deshalb reagiert die Zentralbank mit einer derart aggressiven Zinssenkung.
Eine beispiellose Krise erzwingt beispiellose Maßnahmen. Wegen der weltweiten Rezession muss die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Einsatz deutlich erhöhen. In nie gekanntem Tempo reagieren die Währungshüter und beschreiten einen historisch einmaligen Weg. Als Helfer in der Not hat die EZB den Leitzins mit 0,75 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent gesenkt so stark wie noch nie seit Gründung der europäischen Währungsunion. Andere Notenbanken wie die Bank of England und die Schweizer Notenbank gingen noch massiver vor. Mit radikalen Zinssenkungen flankieren die Währungshüter die Konjunkturpakete der Regierungen. Denn die Lage ist ernst.
«Die Unsicherheiten bleiben außerordentlich hoch», sagt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Das klingt vorsichtig, ist aber für die Verhältnis der notorisch diplomatischen Währungshüter durchaus deutlich. Andere Ökonomen sprechen Klartext: «Die wirtschaftlichen Risiken sind so hoch wie noch nie seit Einführung des Euro 1999», sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Noch nie ist die Euro-Zone in eine Rezession gestürzt.
Genau das erwarten die Währungshüter aber für 2009 mit einem Schrumpfen der Wirtschaft von 0,5 Prozent. Derzeit brechen die Aufträge der Industrie rasant ein, die Stimmung stürzt ab und den Konsumenten vergeht wegen der Krisenstimmung die Kauflust. Die Finanzkrise hat sich in einem noch vor kurzem unvorstellbaren Tempo zu einer Wirtschaftskrise ausgeweitet.
Kein Mittel gegen VertrauensverlustIn dieser Situation agiert die EZB entschlossener als je zuvor und drückt den Leitzins mit rasanter Geschwindigkeit nach unten. Allein in den vergangenen zwei Monaten sank der Zins von 4,25 auf 2,50 Prozent. Im nächsten Jahr könnte er sogar auf bis zu ein Prozent runtergehen. Die Euro-Währungshüter folgen damit der US-Notenbank Fed, die bislang radikaler als die EZB aufgetreten war. Sie hat seit Ausbruch der Finanzkrise den US-Leitzins bereits von 5,25 auf 1,0 Prozent zurückgenommen.
Der Schritt der EZB gilt als wichtiges psychologisches Signal allerdings kann er gegen einen wesentlichen konjunkturellen Bremsfaktor nichts ausrichten: Den Vertrauensverlust zwischen den Banken. Seit Beginn der Krise vor einem Jahr horten die Geschäftsbanken aus Misstrauen und zur Vorsorge Geld. Sie geben es nicht mehr in ausreichendem Maße an andere Banken sowie an Verbraucher und Firmen weiter. Die deutsche Autoindustrie klagt bereits darüber, dass die Banken den Kreditschirm zuklappen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warf den Banken jüngst vor, sich wie «Kaltblüter im Winter» nicht zu bewegen.
Aggressiver Senken als sonstDie Pipeline ist verstopft. «Weil die Banken den geldpolitischen Stimulus nicht weitergehen, müssen die Zinsen aggressiver als sonst gesenkt werden, um überhaupt Wirkung auf die Realwirtschaft zu haben», erklärt Holger Schmieding von der Bank of America den Schritt der EZB. Zudem hat die Notenbank Spielraum, weil die Inflation dank sinkender Ölpreise auf dem Rückmarsch ist. «Die Inflationsgefahren haben sich plötzlich im Nichts aufgelöst», sagt Karsten Junius von der DekaBank. 2009 rechnet die EZB mit stabilen Verbraucherpreisen bei einer durchschnittlichen Teuerung von 1,8 Prozent.
Nun wächst bereits die Angst vor einer Deflation, das heißt einem Rückgang der Preise auf breiter Front. Die Deflation freut zwar zunächst die Verbraucher, weil viele Waren billiger werden. Allerdings gefährdet sie die Wirtschaft, da auch Löhne und Vermögenspreise sinken. Wenn Firmen ihre Produkte nicht mehr zu kostendeckenden Preisen absetzen können, müssen sie Stellen streichen. Trichet sieht diese Gefahr aber noch nicht. «Wir sind in einer Periode, in der die Öl- und Rohstoffpreise rapide zurückgehen. Dieses Phänomen sollte man nicht mit Deflation verwechseln.»
Die Gefahr der nächsten BlasePolitiker, Gewerkschaften und Ökonomen begrüßten die Zinssenkung der EZB. Allerdings warnen Ökonomen bereits vor den Folgen aggressiver Zinssenkungen. «Auch die Rezession wird irgendwann enden und in der Regel handeln Zentralbanken dann zu langsam mit Zinserhöhungen», sagt Volkswirt Krämer. «Es besteht die Gefahr, dass sich die nächste Blase bildet.» Die jahrelange Niedrigzinspolitik der US-Notenbank unter Alan Greenspan gilt als wesentlicher Auslöser für die Krise am amerikanischen Immobilienmarkt, die das weltweite Finanzsystem in den Abgrund gestürzt hat. (Marion Trimborn, dpa)