Krisen-Management:
EZB senkt den Leitzins so stark wie nie zuvor
04. Dez 2008 13:54, ergänzt 16:23
 |  Handelt in der Krise: die EZB | Foto: AP |
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Die Europäische Zentralbank gibt in der Krise eine klare Antwort: Sie senkt den Leitzins deutlicher als erwartet. Experten sehen darin einen richtigen Schritt, die Börse lässt die Maßnahme indes kalt.
Mit der drastischsten Zinssenkung in ihrer zehnjährigen Geschichte stemmt sich die Europäische Zentralbank (EZB) gegen einen Verschärfung der Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa. Die Notenbank nahm auf ihrer Ratssitzung am Donnerstag in Brüssel den Leitzins für die 15 Länder des Euro-Raums um 0,75 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent zurück.
Bereits im Oktober und November hatte die EZB den wichtigsten Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld im Kampf gegen die Rezession in vielen europäischen Ländern um je 0,50 Punkte gesenkt. Mit dem erneuten Zinsschritt war gerechnet worden, allerdings hatten viele Ökonomen nur mit einer Reduktion um 0,5 Punkte gerechnet. Am Vormittag waren indes die Schweden vorgeprescht: Die Riksbank in Stockholm hatte den Zinssatz deutlich um 1,75 Punkte auf zwei Prozent nahezu halbiert.Am Donnerstag machte auch die Bank von England erneut einen klaren Zinsschritt nach unten: Ihr Leitzins fällt um einen Prozentpunkt auf 2,0 Prozent. Damit ist der dortige Zinssatz so tief wie seit 1951 nicht mehr. Die Bank of England hatte ihren Leitzins schon im November überraschend deutlich um 1,5 Punkte auf 3 Prozent gesenkt.
EZB senkt ihre Prognose
Niedrige Zinsen verbilligen Kredite für Unternehmen und Verbraucher und können so die Wirtschaft anschieben. Sparguthaben werden allerdings ebenfalls niedriger verzinst. Zudem ließ zuletzt der Inflationsdruck, der für höhere Zinsen spricht, etwa wegen sinkender Ölpreise nach. Der EZB-Leitzins liegt immer noch deutlich höher als in den USA mit einem Prozent. Notenbank-Präsident Jean-Claude Trichet begründete den beherzten Schritt mit der sinkenden Inflation. Ursache dafür seien die rückläufige Rohstoffpreise und der deutliche Rückgang der Wirtschaftsaktivität, sagte Trichet in Brüssel. Die Zentralbank rechne wegen des Übergreifens der Finanzmarktkrise auf die Konjunktur für längere Zeit mit einer gedämpften Nachfrage.
Deshalb erwartet die EZB, dass die Wirtschaft im Euroraum im kommenden Jahr stagniert oder sogar schrumpft. Für 2009 sagte sie eine Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den 15 Euroländern um minus 1 bis 0 Prozent voraus. 2010 soll das BIP dann um 0,5 bis 1,5 Prozent wachsen. Für das laufende Jahr erwartet die EZB ein Wachstum von 0,8 bis 1,2 Prozent.Die Inflation im Euroraum werde von 3,2 bis 3,4 Prozent in diesem Jahr auf 1,1 bis 1,7 Prozent in 2009 sinken. Die EZB definiert Preisstabilität als Teuerung von knapp unter 2 Prozent. «Vor allem der Rückgang der Rohstoff- und Rohölpreise dürften die Inflation weiter nach unten bringen», so Trichet. Für 2010 erwartet die Zentralbank eine Inflationsrate zwischen 1,5 Prozent und 2,1 Prozent.
Schritt lässt Börsen kalt
An den Aktienmärkten verpuffte die Zinssenkung indes. Der Dax gab am Nachmittag mehr als ein Prozent nach. Die Börsianer hatten nach der kräftigen Senkung in Schweden offenbar mehr von der EZB erwartet. Konjunkturexperten begrüßten dagegen die Lockerung der geldpolitischen Zügel. Sie warnten aber vor zu großen Hoffnungen, dass damit die strauchelnde Konjunktur rasch wieder in Schwung gebracht werden könnte. Der Bankenverband BdB sieht in der Zinssenkung eine richtige Antwort auf die Wachstumsschwäche, wegen der weiter nachlassenden Inflation ergäben sich für die EZB «Spielräume für weitere Zinsschritte nach unten». Voraussagen für die Zinsentscheidung im Januar wollte der Notenbankchef nicht geben. Die Unsicherheit sei außergewöhnlich hoch. Die Lage bleibe sehr angespannt.(nz/dpa/AP)