Alles zur Rezession: NZ-Dossier: Konjunktur im Rückwärtsgang02. Dez 2008 15:48, ergänzt 15. Dez 2008 13:19  |  Folge der Krise: Läden müssen schließen, wie hier in New York | Foto: dpa |
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Die Finanzkrise hat sich zu einer weltweiten Rezession ausgeweitet. Konzerne drosseln die Produktion und betteln um Staatshilfen, Regierungen schnüren Konjunkturpakete. Die Netzeitung beleuchtet die Krise in ihren Facetten.
Was 2007 als Platzen einer Blase am US-Immobilienmarkt begann, hat sich inzwischen längst zu einer globalen Wirtschaftskrise ausgewachsen, die die Welt seit 80 Jahren nicht mehr erlebt hat. Das Weltwirtschaftssystem wurde in einem nie erwarteten Ausmaß in seinen Grundfesten erschüttert:
Wer hätte sich vor einem Jahr vorstellen können, dass selbst die US-Regierung private Investmentbanken verstaatlicht und Regierungen in aller Welt Milliarden über Milliarden in die Wirtschaft pumpen, um einen Kollaps zu verhindern?
Die Finanzkrise, die zuerst die Banken traf, hat sich zu einer Wirtschaftskrise ausgedehnt, die die Realwirtschaft erfasst hat. Wirtschaftsforschungsinstitute, aber auch Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) haben ihre Konjunkturprognosen für 2009 kräftig nach unten revidiert. Die optimistischsten erwarten noch ein leichtes Wachstum, doch die Minus-Vorzeichen überwiegen.Für Deutschland erwartet beispielsweise das Institut der deutschen Wirtschaft einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um knapp 0,5 Prozent. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostiziert ein Minus von 0,8 Prozent, ebenso der IWF. Vor allem in den Industrienationen hat das R-Wort inzwischen Hochkonjunktur: Ob Deutschland, Japan oder die USA – eine Rezession wird für das kommende Jahr hier wie dort angenommen. Der IWF erwartet für alle großen Industrieländer ein Minus von 0,3 Prozent.
| BIP-Prognose der OECD,
2008-2010 |
| Land/Region |
2008 |
2009 |
2010 |
| Deutschland |
1,4 |
-0,8 |
1,2 |
| Frankreich |
0,9 |
-0,4 |
1,5 |
| Großbritannien |
0,8 |
-1,1 |
0,9 |
| Italien |
-0,4 |
-1,0 |
0,8 |
| Japan |
0,5 |
-0,1 |
0,6 |
| Spanien |
1,3 |
-0,9 |
0,8 |
| USA |
1,4 |
-0,9 |
1,6 |
| Eurozone |
1,0 |
-0,6 |
1,2 |
| Brasilien |
5,3 |
3,0 |
4,5 |
| China |
9,5 |
8,0 |
9,2 |
| Indien |
7,0 |
7,3 |
8,3 |
| OECD insgesamt |
1,4 |
-0,4 |
1,5 |
| reales BIP, Veränderung
zum Vorjahr in Prozent; Quelle: OECD |
Und auch für die Schwellenländer Indien und China, die in den vergangenen Jahren kräftige Wachstumsraten verzeichneten, wurden die Prognosen gesenkt. So wird Chinas Wirtschaft zwar weiter spürbar wachsen (die OECD rechnet für 2009 mit 8,0 Prozent), doch nicht mehr so deutlich wie noch 2008 mit voraussichtlich 9,5 Prozent. Global bleibt ein Wachstum unter drei Prozent – was der IWF als Rezession definiert.
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist entsprechend trübe: Unternehmen erwarten eine deutlich abgekühlte Nachfrage und Auftragsverschiebungen. Dahinter steckt die Befürchtung, Unternehmen stellten Investitionen zurück. Zugleich droht der Export als wichtiger Konjunkturmotor Deutschlands im Jahr 2009 auszufallen. Der Binnenkonsum kann das nicht ausgleichen, zumal auch viele Bürger angesichts von Krise und womöglich drohendem Arbeitsplatzverlust ihr Geld zusammenhalten dürften. Als Beispiel wird gern auf das hohe Durchschnittsalter der auf deutschen Straßen fahrenden Autos verwiesen – die Bundesbürger nutzen ihr Pkw offenbar so lange, wie es eben geht.
Doch das ist kein wirkliches Phänomen, das dem aktuellen Abschwung geschuldet ist. Denn nicht jedes Problem, das jetzt plakativ auf einen Schild gehoben wird, ist durch die Krise verursacht. Dass etwa der Autoabsatz stockt, hängt auch damit zusammen, dass immer noch nicht klar ist, auf welcher Basis künftig die Kfz-Steuer berechnet wird: Hubraum wie bisher oder CO2-Ausstoß. Solange die Politik hier keine Entscheidung fällt, dürfte die Kaufzurückhaltung anhalten. Derweil haben deutsche Autohersteller eine Drosselung der Produktion und verlängerte Weihnachtsferien angekündigt, als erstes wurden tausende Leiharbeiter zurück zu ihren Personaldienstleistern geschickt.Auch die katastrophale Lage der drei großen US-Autobauer General Motors (GM), Chrysler und Ford liegt nicht an der Krise: Dass sie am Abgrund stehen, ist hausgemacht – viel zu lange haben die «Big Three» das sinkende Interesse an großen Spritschluckern ignoriert. Dennoch rufen sie jetzt laut nach staatlichen Finanzspritzen.
Das zeigt, wie sehr die Regierungen mögliche staatliche Maßnahmen zur Konjunkturstützung auf ihre Sinnhaftigkeit abklopfen müssen. Angesichts der düsteren Aussichten haben einige Staaten Konjunkturprogramme aufgesetzt oder planen dies. Sie riskieren damit höhere Neuverschuldungen, doch Befürworter argumentieren, die Kosten wären später womöglich viel höher, wenn die Regierungen jetzt untätig blieben. Damit die Sonderausgaben Wirkung zeigen, muss nach Ansicht von Ökonomen aber mindestens eine Summe in Höhe von einem Prozent des BIP investiert werden. Für Deutschland mit einem BIP von 2423 Milliarden Euro (2007) wären das knapp 25 Milliarden Euro.
Die Bundesregierung hat allerdings bisher nur ein Konjunkturpaket in Höhe von 12 Milliarden Euro geschnürt, das in den nächsten zwei Jahren Investitionen von 50 Milliarden Euro anstoßen soll. Kritiker halten die Maßnahmen für zu gering, zu kleinteilig und teilweise für unsinnig. Sie glauben beispielsweise nicht, dass die befristete Befreiung von Neuwagenkäufern von der Kfz-Steuer Anreiz ist, sich ein neues Auto anzuschaffen. Der Ruf nach Steuersenkungen wird lauter, manche Ökonomen raten der Regierung, den Bürgern Barschecks zum Konsumieren zu verteilen.
Wie lange wird die Rezession anhalten? Das ist schwer zu sagen. Pessimisten befürchten eine lang anhaltende Wirtschaftskrise, die mindestens bis 2010 anhält. Sie warnen vor einer Depression ähnlich der Lage zu Beginn der 1930er Jahre. Die Krise könnte ihrer Meinung nach durch eine drohende Deflation verstärkt werden. Darunter verstehen Ökonomen einen anhaltenden Rückgang des Preisniveaus. Das Gefährliche daran: Erwarten Konsumenten, dass sie ein Gut bald noch billiger bekommen, halten sie sich mit Käufen zurück – gleiches gilt für die Unternehmen. Das verschärft und verlängert die Krise, wie etwa das Beispiel Japan zeigt: Das asiatische Land steckte in den 1990ern jahrelang in der Deflationsfalle.
Am Arbeitsmarkt kommt der Abschwung erst mit etwa sechs bis neun Monaten Verspätung an. Die Rezession in Deutschland dürfte also erst 2009 den Jobmarkt belasten – wie stark, ist unter Experten umstritten. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in einer Firmenumfrage ermittelt, dass gut ein Drittel der Unternehmen beabsichtigt, 2009 die Zahl der Mitarbeiter zu reduzieren. Das IW geht davon aus, dass die Zahl der Arbeitslosen im nächsten Jahr um 190.000 auf fast 3,5 Millionen steigt. Damit bleibe der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Vergleich zu früheren Rezessionen aber moderat, betont IW-Direktor Michael Hüther.
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Einige Beobachter sehen in der Krise aber auch das Ende des entfesselten Turbokapitalismus. Der Staat, der lang am Pranger stand, weil er angeblich die Wirtschaft einengt, kommt zu neuen Ehren: nicht nur, weil die Notenbanken Milliarden in die Finanzmärkte pumpten, sondern auch, weil nun plötzlich wieder der laute Ruf nach mehr Regulierung erklingt – selbst von denen, die zuvor jahrelang Deregulierung gepredigt hatten. Erst die Zeit wird indes zeigen, wohin sich die Weltwirtschaft bewegen wird.
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