Architekt der europäischen Geldpolitik: 

netzeitung.deOtmar Issing: «Mr. Euro» wird Krisenberater

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Otmar Issing (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Otmar Issing
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Otmar Issing soll die Experten-Gruppe der Bundesregierung zur Reform der Finanzmärkte leiten. Der 72-Jährige gilt als ausgewiesener Geld-Theoretiker, der jahrelang bei der EZB Chefvolkswirt war.

Mit Otmar Issing hat sich die Bundesregierung einen der renommiertesten Währungsexperten Europas an die Spitze ihrer Kommission geholt. Der 72 Jahre alte Volkswirtschaftprofessor und frühere Zentralbanker kann für sich in Anspruch nehmen, frühzeitig vor den Folgen übergroßer, von niedrigen Zinsen genährter Blasen auf den Aktien- und Immobilienmärkten gewarnt zu haben, die gerade die Weltwirtschaft an den Abgrund brachten.

Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt spielte Issing bis Mai 2006 als Direktoriumsmitglied für Forschung und Wirtschaft unter den Präsidenten Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet acht Jahre lang die Rolle der grauen Geldmarkt-Eminenz. Mit dem Namen Issing ist das unbedingte Festhalten an den Stabilitätskriterien und eine rigide Zinspolitik verbunden, die als oberstes Ziel eine niedrige Inflationsrate von um die zwei Prozent anstrebt.
Verfechter eines strikten Stabilitätskurses
Gerade in der Finanzkrise sieht sich der Verfasser mehrerer geldtheoretischer Standardwerke vom Erfolg der Gemeinschaftswährung bestätigt. Man müsse sich nur für einen Moment vorstellen, wie Europa mit den früheren Nationalwährungen reagiert hätte, hat er jüngst zu Bedenken gegeben und die Antwort gleich mitgeliefert: Nach groß angelegten Währungsspekulationen und vergeblichen Stützkäufen der Zentralbanken wäre das Wechselkurssystem kollabiert. Der Euro hingegen habe sich etabliert und werde seine weltweite Position als Nummer zwei hinter dem Dollar weiter ausbauen.

In seiner aktiven Laufbahn sah sich der Stratege häufig Ratschlägen und Wünschen aus der Politik ausgesetzt, die er aber meist ignorierte. Es war Issing, der in der neugegründeten EZB 1999 den Grundstein für eine glaubwürdige europäische Geldpolitik nach dem Vorbild seines früheren Arbeitgebers Bundesbank legte. Er entwarf maßgeblich die sogenannte Zwei-Säulen-Strategie, die Zinsentscheidungen auf Basis monetärer und wirtschaftlicher Daten trifft.

Honorarprofessor in Würzburg und Frankfurt
Issing wurde am 27. März 1936 als Sohn eines Gastwirts in Würzburg geboren, wo er auch aufwuchs und studierte. 1967 übernahm er eine ordentliche Professur an der Universität Erlangen-Nürnberg, 1973 folgte er einem Ruf auf den Volkswirtschaftslehrstuhl an der Uni Würzburg. Issing gilt als liberaler, marktwirtschaftlich ausgerichteter Nationalökonom. Seine Lehrbücher über Geldtheorie und Geldpolitik wurden zu Standardwerken.

1988 berief die Bundesregierung den parteilosen Wissenschaftler in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch bekannt als die fünf Wirtschaftsweisen. Zum 1. Oktober 1990 trat Issing als Chefvolkswirt in das Direktorium der Deutschen Bundesbank ein, zum 1. Juni 1998 wechselte er in derselben Funktion an die EZB. Issing schied im Mai 2006 im Alter von 70 Jahren bei der EZB aus und übernahm Ende Juni die Präsidentschaft des Center for Financial Studies an der Universität Frankfurt am Main. Zudem wurde er Berater bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. Er ist weiterhin Honorarprofessor in Würzburg und Frankfurt. Issing ist verheiratet und hat zwei Kinder. (dpa/AP)