Gebeutelt, gestrauchelt, gerettet: 

netzeitung.deDie Finanzkrise im Oktober 2008

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Verstaatlicht: die isländische Bank Kaupthing (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Verstaatlicht: die isländische Bank Kaupthing
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Island am Rand der Zahlungsunfähigkeit, Staatsgarantien für private Spareinlagen, Rettungsaktionen rund um den Globus: Die Finanzkrise hält die Welt in Atem.

1. Oktober:
Die EU-Kommission schlägt schärfere Regeln für den Weiterverkauf riskanter Kreditpapiere vor. - Wegen der Krise bricht der US-Automarkt ein, auch deutsche Autohersteller sind teils stark betroffen. - Der US-Senat stimmt einem abgeänderten Rettungspaket zu.

2. Oktober:
Das irische Parlament verabschiedet staatliche Garantien für Bankeinlagen. Die Bürgschaft hat ein Volumen von 400 Milliarden Euro. - Die Niederlande schlagen die Einrichtung eines EU-Fonds zur Rettung angeschlagener Finanzinstitute vor. Kanzlerin Merkel lehnt ab: Einen «Blankoscheck» für Banken werde es nicht geben. - Die EZB lässt den Leitzins im Euroraum unverändert bei 4,25 Prozent. Allerdings sagt EZB-Chef Trichet, man denke über eine Zinssenkung nach. - Der Auftragseingang der US-Industrie ist im August um vier Prozent gesunken, es ist der stärkste Rückgang seit zwei Jahren. Experten sehen dies als Beleg, dass die Finanzkrise sich auf die Realwirtschaft auswirkt.

3. Oktober:
Der geplante Kauf großer Teile der US-Bank Wachovia durch die Citigroup scheitert im letzten Moment: Der Konkurrent Wells Fargo bekommt den Zuschlag und übernimmt Wachovia komplett. - Das US-Abgeordnetenhaus stimmt im zweiten Anlauf für das Rettungspaket.

4. Oktober:
Die Staats- und Regierungschefs aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Italien kommen zu Beratungen über die Finanzmarktkrise zusammen. - Bundesfinanzminister Peer Steinbrück schließt eine Beteiligung Deutschlands an einem europäischen Rettungsfonds für in Not geratene Banken aus.

5. Oktober:
Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück stellen eine Komplettgarantie für private Spareinlagen in Aussicht. Steinbrück betont, dass Sparer in Deutschland «nicht befürchten müssen, einen Euro ihrer Einlagen zu verlieren». - Offenbar benötigt die Hypo Real Estate weit mehr Geld als im Rettungsplan vorgesehen. Die anderen Banken ziehen daraufhin ihre Zusage für einen kurzfristigen Kredit zurück; das Rettungspaket droht zu scheitern.

6. Oktober:
Weltweit verzeichnen die Börsen starke Kursstürze. Der Dow Jones fällt erstmals seit 2004 wieder unter die 10.000-Punkte-Marke. - Um die Hypo Real Estate zu retten, stockt der Bund das Rettungspaket auf 50 Milliarden Euro auf. In der Öffentlichkeit wird der Rücktritt von HRE-Vorstandschef Funke und Aufsichtsratschef Viermetz gefordert. - Finanzminister Steinbrück stellt angesichts der schlechten Stimmung an den Börsen den Termin für den Bahn-Börsengang in Frage. - Das wirtschaftlich angeschlagene Island will die Kontrolle über das Banksystem übernehmen, um einen Zusammenbruch der Branche zu verhindern.

7. Oktober:
Die Talfahrt der Börsen setzt sich fort. - Die EU will feste Regelungen zur Rettung angeschlagener Kreditinstitute einführen. Ein gemeinsames Banken-Rettungspaket wird weiterhin abgelehnt. - Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet inzwischen mit 1,4 Billionen Dollar Verlust durch die Finanzkrise und damit weit mehr als bislang befürchtet.

8. Oktober:
Angesichts der Krise steigt die Nachfrage nach Gold massiv: Goldmünzen und -barren werden zusehends knapp. - Großbritannien will Banken teilverstaatlichen. - Der Dax stürzt am Vormittag unter 5000 Punkte, baut die Verluste am Nachmittag aber ab. Ein Grund: In einer konzertierten Aktion senken Notenbanken rund um den Globus die Leitzinsen. In der Eurozone sinkt der Leitzins um 0,5 Punkte auf 3,75 Prozent. - Der Ölpreis erreicht mit 86,05 Dollar je Barrel US-Öl der Sorte WTI ein Jahrestief. - Island stellt nach der zweitgrößten Bank Landsbanki auch die drittgrößte Bank Glitnir unter staatliche Zwangsverwaltung.

9. Oktober:
Der Bahn-Börsengang wird in Folge der Finanzmarktkrise verschoben. – Die US-Regierung dennkt über eine Teilverstaatlichung des Bank-Systems nach. – Die deutsche Exportwirtschaft muss die stärksten Verluste seit fünf Jahren hinnehmen. Der Wert der exportierten Waren war im August um 2,5 Prozent geringer als im Vorjahresmonat. – Rund 31.000 Deutsche kommen nicht mehr an ihr Konto bei der angeschlagenen Kaupthing-Bank. Die Finanzaufsicht verhängte ein Zahlungsverbot über die Bank. Das Geld der Kunden wird nicht von der Einlagensicherung abgedeckt, da es sich um eine Niederlassung einer isländischen Bank handelt.

10. Oktober:
Der Dax stürzt im Tagesverlauf um fast zwölf Prozent ab und schließt mit einem Minus von sieben Prozent. Der japanische Leitindex Nikkei verliert über 10 Prozent. Weltweit herrscht Krisenstimmung an den Börsen. – In den Niederlanden stellt die Regierung Notkredite im Umfang von 20 Milliarden Euro zur Verfügung. - Steinbrück und Bundesbank-Präsident Axel Weber sprechen sich für ein «umfassendes Maßnahmenpaket» aus. Der Minister gibt bekannt, dass die Pläne «Signalwirkung» haben sollen. Das Banken-Paket werde auch «materiell unterfüttert» sein.

11. Oktober:
Bei einem Treffen in Washington verständigen sich die Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industriestaaten auf einen Fünf-Punkte-Plan mit dem Ziel, die Kreditklemme auf den internationalen Finanzmärkten zu beenden.

12. Oktober:
Die Staats- und Regierungschefs der 15 Euro-Länder beschließen in Paris einen Schutzschirm für ihr gesamtes Bankensystem. Sie einigen sich auf detaillierte Vorgaben für die nationale Unterstützung der Finanzinstitute.

13. Oktober:
Die Börsen reagieren euphorisch auf die am Wochenende geplanten Maßnahmen: Der Dax verzeichnet mit einem Plus von mehr als elf Prozent den höchsten Tagesanstieg seiner Geschichte. Der Dow Jones gewinnt ebenfalls elf Prozent. - In Deutschland beschließt die Regierung das Rettungspaket für die angeschlagene Finanzbranche mit einem Volumen von 470 Milliarden Euro. Die Länder sollen 35 Prozent der möglichen Verluste absichern. Weil die Länder alleine für die Verluste ihrer Landesbanken geradestehen sollen, sehen einige von ihnen eine Beteiligung skeptisch. - Der DGB fordert ein öffentliches Investitionsprogramm in Höhe von mindestens 25 Milliarden gegen die drohende Rezession. - Die britische Regierung steigt bei drei Großbanken des Landes ein.

14. Oktober:
Die US-Regierung steigt mit 250 Milliarden Dollar bei einer Reihe von Banken ein. Die Summe entspricht der ersten Tranche des 700-Milliarden-Pakets. - Der Dax setzt seine Erholung fort, auch in Asien steigen die Kurse. - Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland erwarten für das kommende Jahr ein maximales Wachstum von 0,2 Prozent. - In den Bundesländern kommt Kritik am Rettungspaket auf. - Die New Yorker Börse schließt mit leichten Verlusten.

15. Oktober:
Die Finanzkrise reißt ein Riesenloch in den US-Haushalt: Das Defizit erreichte in dem am 30. September abgeschlossenen Finanzjahr 454,8 Milliarden Dollar. Das ist der höchste Stand aller Zeiten. - Die EU-Kommission will private Spareinlagen in der EU besser schützen. Bei Bankenpleiten sollen Sparer ihr Geld früher ausgezahlt bekommen, zudem sollen die Mitgliedstaaten die Deckungssummen anheben. - Verschärfte Rezessionsängste drücken die Börsen ins Minus.

16. Oktober:
Bund und Länder einigen sich auf das Rettungspaket. - Angesichts der Finanzkrise senkt auch die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 2009 drastisch von 1,2 auf 0,2 Prozent. - Die Industrieproduktion in den USA hat im September den stärksten Rückgang seit 1974 verzeichnet. Sie fiel gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,8 Prozent. - Die Schweiz beschließt Rettungsmaßnahmen: Der Einlegerschutz wird verstärkt, die Großbank UBS wird unterstützt. - Merrill Lynch meldet das fünfte Quartal in Folge einen milliardenschweren Verlust. Auch die Citigroup kommt nicht aus den tiefroten Zahlen.

17. Oktober:
Deutsche-Bank-Chef Ackermann will auf seinen Bonus in diesem Jahr verzichten, «zugunsten verdienter Mitarbeiter, die das Geld nötiger haben als ich». SPD-Fraktionschef Struck kritisiert die Ankündigung als «reine Showveranstaltung». - Bundestag und Bundesrat verabschieden das Rettungspaket, Präsident Horst Köhler unterzeichnet das Gesetz umgehend. - In der SPD wächst der Ruf nach einem Konjunkturprogramm, um dem Abschwung zu begegnen. Die von Wirtschaftsminister Glos angeregten Steuersenkungen stoßen in der SPD auf Kritik. Auch Kanzlerin Merkel spricht sich für konkrete Hilfen aus, etwa für die Autoindustrie und Förderung bei der Gebäudesanierung.

19. Oktober:
Deutsche-Bank-Chef Ackermann sieht keinen Grund für eine Entschuldigung wegen der Krise. Sein Unternehmen habe auch keinen Anlass, das Rettungspaket in Anspruch zu nehmen. Andere Banken wollen dagegen das Paket prüfen. - Die USA und die EU wollen mit einer «Serie» von Weltfinanzgipfeln die internationale Bankenkrise bekämpfen. Der erste Gipfel solle rasch nach den US-Wahlen in den USA stattfinden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von US-Präsident George W. Bush mit dem französischen Staatschefs und EU-Ratsvorsitzenden Nicolas Sarkozy sowie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

20. Oktober:
Die Bundesregierung legt harte Auflagen für Banken fest, die Hilfe aus dem Rettungspaket annehmen. Die krisengeschüttelte BayernLB will als erste Landesbank in Deutschland die Hilfe in Anspruch nehmen. - Die Niederlande stützen den Finanzkonzern ING mit 10 Milliarden Euro. – Ackermann erntet scharfe Kritik aus der Regierung für einen Satz, den der «Spiegel» zitiert: Er würde sich «schämen», wenn er in der Krise Staatsgeld annehmen würde. Am Abend stellt der Manager klar, er unterstütze das Hilfspaket «selbstverständlich», auch wenn seine Bank selbst kein Kapital vom Staat benötige. – US-Notenbankchef Bernanke spricht sich für ein Konjunkturprogramm in den USA aus.

21. Oktober:
Die BayernLB gibt einen Kapitalbedarf von 6,4 Milliarden Euro bekannt. - Frankreichs Staatspräsident Sarkozy schlägt eigene Staatsfonds vor, damit strategisch wichtige Unternehmen bei aktuell niedrigen Aktienkursen nicht von außereuropäischen Staatsfonds aufgekauft werden. Bundeswirtschaftsminister Glos lehnt den Vorschlag ab.

22. Oktober:
Zunehmende Rezessionsängste lassen die Börsen weltweit einbrechen. Der Ölpreis fällt zeitweise unter 68 Dollar. Der Euro sinkt auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren. - Das Bundeskriminalamt ermittelt bei der KfW wegen Untreueverdachts. Es geht um die millionenschweren Pannen-Überweisung an Lehman Brothers am 15. September. - Bayerns Finanzminister Erwin Huber (CSU) übernimmt die politische Verantwortung für das Desaster bei der BayernLB und stellt sein Amt zur Verfügung. Nach der BayernLB erwägt auch HSH Nordbank, das Rettungspaket in Anspruch zu nehmen.

23. Oktober:
Die schwer angeschlagene IKB fordert von ehemaligen Vorständen die Rückzahlung von Tantiemen. - Angesichts der Angst vor einer weltweiten Rezession fällt der Goldpreis um 32,80 Dollar auf 735,20 Dollar je Unze, den niedrigsten Stand seit September 2007. - Bei der BayernLB wächst der Druck auf den gesamten Vorstand: Er stellt dem Verwaltungsrat die Vertrauensfrage. - Island steht vor allem bei deutschen Geldhäusern in der Kreide: Fast die Hälfte der Schuldensumme entfällt auf hiesige Banken.

24. Oktober:
Die Opec beschließt eine Öl-Förderkürzung. Dennoch fällt der Preis für Rohöl weiter. - Schwache Konjunkturdaten belasten den Euro: Er fällt unter 1,26 Dollar. - Im ersten Prozess nach der Lehman-Pleite lehnt die Frankfurter Sparkasse einen Vergleich mit einem Käufer eines Lehman-Zertifikates ab. - Nach längerem Ringen bleibt der Vorstand der BayernLB trotz des Finanzdebakels im Amt. - Der Internationale Währungsfonds (IWF) gewährt Island einen Milliardenkredit. - Der Dax schließt auf dem niedrigsten Stand seit Mai 2005, auch der Dow Jones sinkt spürbar.

25. Oktober:
Finanzminister Steinbrück erwartet, dass die Bankenkrise Deutschland noch mindestens bis Ende des kommenden Jahres belasten wird. Gleichwohl hält der SPD-Politiker am Ziel eines ausgeglichenen Haushalts fest. - Nach der BayernLB wollen auch die HSH Nordbank und die WestLB das Rettungspaket nutzen.

26. Oktober:
Der Autokonzern Daimler will wegen des drastischen Nachfrageeinbruchs ab Mitte Dezember die Produktion fünf Wochen lang ruhen lassen. - Ifo-Chef Hans-Werner Sinn vergleicht die Kritik an Bankmanagern mit der Judenverfolgung der 1930 Jahre. Dafür erntet Sinn heftige Kritik aus der Politik, der Zentralrat der Juden in Deutschland ist empört: «eine Beleidigung der Opfer». - Der IWF vereinbart mit der Ukraine eine Finanzhilfe über 16,5 Milliarden Dollar.

27. Oktober:
Auch das angeschlagene Ungarn erhält Hilfe vom IWF. - Der Nikkei stürzt um 6,4 Prozent auf den tiefsten Stand seit 1982. - Bei der Postbank ist im dritten Quartal ein Vorsteuerverlust von 449 Millionen Euro angefallen. Die Bank muss ihr Kapital um bis zu eine Milliarde Euro erhöhen. - Der Ifo-Geschäftsklima-Index fällt überraschend deutlich von 92,9 Punkten im September auf 90,2 Punkte. - EZB-Chef Trichet stellt eine weitere Zinssenkung Anfang November in Aussicht.

28. Oktober:
Die Deutschen legen mehr Geld beiseite: Die Sparquote stieg im ersten Halbjahr auf 11,3 Prozent. - Die Finanzaufsicht Bafin stellt den Entschädigungsfall für die deutsche Tochter von Lehman Brothers fest. Damit können die Kunden der Lehman Brothers Bankhaus AG in Frankfurt ausgezahlt werden. Für die Besitzer wertlos gewordener Lehman-Zertifikate hat die Entscheidung keine Bedeutung. - In Erwartung weiter sinkender Zinsen legt der Dow Jones um fast elf Prozent zu.

29. Oktober:
Nach den Landesbanken will die Hypo Real Estate als erstes Privatinstitut den Rettungsfonds des Bundes in Anspruch nehmen. - Die dänische Billig-Fluglinie Sterling Airways stellt den Betrieb ein. Die isländischen Eigner waren wegen der Krise nicht mehr imstande, Geld zuzuschießen. - Die Inflation geht wegen der sinkenden Ölpreise zurück. - Angesichts der Finanzmarktkrise ziehen immer mehr Anleger ihr Geld aus offenen Immobilienfonds ab. Mehrere Gesellschaften müssen Fonds schließen. - Die US-Notenbank setzt den Leitzins um 0,5 Punkte auf 1,0 Prozent.

30. Oktober:
Laut Finanzminister Steinbrück wollen weitere große Privatbanken das Hilfspaket nutzen. - Die Deutsche Bank schreibt im dritten Quartal einen Nettogewinn und profitiert dabei von neuen Bilanzierungsregeln. - Zur Stützung der Automobilbranche will die Regierung Käufer von umweltfreundlichen Neuwagen zwei Jahre lang von der Kfz-Steuer befreien.

31. Oktober:
Die japanische Zentralbank senkt den Leitzins auf 0,3 Prozent. Es ist die erste Zinssenkung in Japan seit sieben Jahren. - UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ruft die Industriestaaten dazu auf, trotz der Finanzkrise ihren Verpflichtungen gegenüber den Entwicklungsländern nachzukommen. - Die spanische Wirtschaft ist im dritten Quartal im Vergleich zu den drei Monaten zuvor um 0,2 Prozent geschrumpft.

>>Fortsetzung der Chronologie:

November 2008