Gestrauchelt, gebeutelt, gerettet:
Die Finanzkrise im September 2008
Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle bei Fannie Mae und Freddie Mac. Die Krise von Lehman Brothers wird immer akuter. Auch andere Finanzkonzerne wie die Investmentbank Merrill Lynch, der Versicherungsriese AIG oder die größte US-Sparkasse Washington Mutual sind von einem heftigen Einbruch der Aktienkurse betroffen.
Der «schwarze Montag»: Lehman muss Konkurs anmelden, Merrill Lynch wird für rund 50 Milliarden Dollar von der Bank of America aufgekauft. - Die Aktienkurse brechen weltweit ein. - Zehn internationale Bankhäuser, darunter die Deutsche Bank, statten einen Hilfsfonds für Banken mit 70 Milliarden Dollar aus. - Die Europäische Zentralbank, die Bank of England und die US-Notenbank fluten die Märkte mit Milliarden an frischem Geld, um eine Kreditklemme zu vermeiden.
16. September:
Die weltgrößte Investmentbank Goldman Sachs vermeldet einen Gewinneinbruch im vorigen Quartal um 71 Prozent. Konkurrent Morgan Stanley schneidet dagegen besser ab. - Deutsche Banken versuchen, Kunden und Märkte zu beruhigen: Sie sehen keine größeren Belastungen durch die Finanzkrise auf sich zukommen. - Trotz der zugespitzten Lage belässt die US-Notenbank den Leitzins bei 2,0 Prozent. - Die US-Notenbank gewährt AIG einen Kredit in Höhe von 85 Milliarden Dollar und bekommt dafür faktisch die Kontrolle.
17. September:
Die britische Barclays-Bank sichert sich Kernbereiche der insolventen Investmentbank Lehman Brothers für insgesamt gut 1,2 Milliarden Euro. - In Moskau wird nach massiven Kursrutschen der Handel an der RTS-Börse gestoppt. - In Deutschland muss die staatliche KfW eine peinliche Panne eingestehen: Sie hat Lehman Brothers noch kurz vor deren Zusammenbruch 300 Millionen Euro überwiesen. - Gold wird zur Rettungsstation: Der Preis fürs Edelmetall steigt um mehr als 70 Dollar, das ist der höchste Anstieg in der Geschichte.
18. September:
Die britische Großbank Lloyds übernimmt die größte britische Hypothekenbank Halifax Bank of Scotland (HBOS), die wegen der Krise in Nöten steckt, für rund 15,5 Milliarden Euro. - In Deutschland werden als Konsequenz aus der Millionen-Panne bei der KfW zwei Vorstandsmitglieder vorläufig suspendiert. - Die New Yorker Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf, ob Spekulanten an der Wall Street mit illegalen Mitteln die Aktienkurse verschiedener Unternehmen nach unten getrieben haben. - Der rapide fallende Aktienkurs bringt Morgan Stanley in Bedrängnis. Auch die größte US-Sparkasse Washington Mutual gerät ins Wanken.
19. September:
Die US-Regierung schlägt dem Kongress ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket vor, mit dem der Staat den Banken notleidende Wertpapiere und faule Kredite abkaufen will. Die Hoffnung auf eine Lösung der Krise entfacht an den internationalen Börsen ein Kursfeuerwerk. - Politiker rufen angesichts der teuren KfW-Panne nach einer neuen Struktur der staatlichen Bank. - Die Börsenaufsichten in den USA, Großbritannien und Deutschland verbieten Kurswetten auf fallende Kurse («Leerverkäufe») für rund 800 Titel der Finanzbranche.
21. September:
Angesichts der weltweiten Finanzkrise dringt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf strengere staatliche Kontrolle der Finanzmärkte. Sie macht die US-Regierung mitverantwortlich für die Krise. - Historischer Einschnitt an der Wall Street: Die zwei letzten verbliebenen US-Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley geben ihren rechtlichen Sonderstatus auf. Sie werden zu gewöhnlichen Geschäftsbanken und stehen damit wie andere Banken unter schärferer Kontrolle.
22. September:
Im US-Kongress zeichnen sich Widerstände gegen das 700-Milliarden-Rettungspaket ab. Die Abgeordneten fordern unter anderem eine Beschränkung der Topmanager-Gehälter, Hilfen für Hausbesitzer und eine schärfere Aufsicht.
23. September:
Der gewiefte US-Investor Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, steigt für rund fünf Milliarden Dollar bei der US-Investmentbank Goldman Sachs ein. - Die US-Bundespolizei FBI ermittelt bei 26 Wall-Street-Firmen wegen möglichen Betrugs. Zu den Instituten zählen Fannie Mae, Freddie Mac, die Investmentbank Lehman Brothers und der Versicherer AIG. - Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain unterbricht wegen der Krise seinen Wahlkampf.
24. September:
US-Präsident Bush lädt die beiden Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain zu einem Krisengespräch ins Weiße Haus ein. Ziel sei es, eine schnelle Verabschiedung des Rettungspakets zu erreichen. - In einer TV-Ansprache zeichnet Bush ein düsteres Bild: «Unsere gesamte Wirtschaft ist in Gefahr.» Ohne das Rettungspaket drohe eine Rezession mit kaum absehbaren Folgen.
25. September:
Auch das Krisentreffen im Weißen Haus mit Obama und McCain bringt keinen Durchbruch im Streit um das Rettungspaket. Zwar einigen sich Demokraten und Republikaner in den zuständigen Kongress-Ausschüssen auf eine gemeinsame Vorlage zum Rettungsplan, doch andere Abgeordnete schießen quer.
26. September:
Die einst führende US-Sparkasse Washington Mutual bricht unter den Lasten der Kreditkrise zusammen. WaMu hatte laut der US-Sparkassenaufsicht OTS keine ausreichende Liquidität mehr, wurde zunächst unter staatliche Kontrolle gestellt und anschließend in einem Notverkauf vom Finanzkonzern JP Morgan Chase übernommen.
28. September:
Nach zähem Ringen einigen sich in den USA Demokraten und Republikaner auf die Eckpunkte für das 700-Milliarden-Paket. Finanzminister Paulson muss Zugeständnisse machen: Der Minister erhält die Milliarden nicht auf einmal, sondern in mehreren Schritten.
29. September:
Die angeschlagene britische Hypothekenbank Bradford & Bingley (B&B) wird verstaatlicht; das Filialnetz und das Kleinkundengeschäft gehen an den spanischen Bankriesen Santander. - Bund und Bankenbranche geben dem Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate eine Bürgschaft von 35 Milliarden Euro. Hintergrund ist eine drohende Illiquidität der HRE-Tochter Depfa. - Der Bankkonzern Fortis wird in einer gemeinsamen Aktion von Belgien und den Niederlanden vor dem Zusammenbruch bewahrt. - In den USA muss die kriselnde Bank Wachovia den Großteil ihrer Filialen und Kundengelder an den Wettbewerber Citigroup abtreten. - Das US-Repräsentantenhaus lehnt überraschend das nach tagelangem Ringen ausgehandelte Rettungspaket für die Finanzwirtschaft ab. Der Dow Jones bricht ein.
30. September:
Koalitionspolitiker in Berlin verteidigen die Bürgschaft für die Hypo Real Estate. - Belgien, Frankreich und Luxemburg organisieren eine staatliche Rettungsaktion für den Immobilienfinanzierer Dexia. - In Washington geben sich Demokraten und Republikaner gegenseitig die Schuld für das vorläufige Scheitern des Rettungspakets. Die Regierung kämpft weiter für das Vorhaben.
>>Fortsetzung der Chronik
ab Oktober 2008 .
