13.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Posieren nach dem Krisentreffen: EU-Chefs
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Mit Skepsis betrachten die Kommentatoren von Turin bis Stockholm die Rettungsaktion: Nach dem eilig angelegten Rettungs-«Gips» dauere es, bis der «Patient» genesen sei. «La Stampa»: Gips für die gebrochenen Knochen «Als Therapie für den Notfall ist das gar nicht schlecht. Die sensiblen Punkte des Finanzmarktes werden mit Fäden zusammengenäht, um weitere Blutungen zu vermeiden. Die gebrochenen Knochen der Banken werden sorgfältig eingegipst. Und es wird viel Zeit brauchen (mindestens ein Jahr, heißt es, aber wir können uns ruhig schon mal auf eine längere Zeit einstellen), damit der Patient wieder auf seinen eigenen Beinen laufen kann. Wenn der Patient mithilft (oder besser gesagt: Wenn Sparer und Finanzmakler von heute Morgen an damit aufhören, in Panik alles zu verkaufen), dann könnte sich die Genesungszeit jedoch verkürzen.» «El País»: Der Sozialismus der Reichen «Gesagt hat es der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF): Von nun an müssen die Finanzsysteme, vor allem jene, die die Weltwirtschaft an den Rand des Desasters gebracht haben, stärker reguliert und überwacht werden. Die Steuerzahler in allen betroffenen Ländern haben guten Grund, skeptisch zu sein angesichts dieser Art Sozialismus der Reichen, in den sich die Therapien zur Stützung des globalen Finanzsystems verwandelt haben. Aber es gibt keine andere Medizin, als zu stützen. Die Untätigkeit als Alternative wäre für alle weitaus kostspieliger. Das Wichtige ist nun, die in Paris beschlossene Koordinierung zu stärken und die Rechnung der Rettungsausgaben gut zu verwalten, damit diejenigen bezahlen, die für den Untergang mitverantwortlich sind.» «Dagens Nyheter»: Briten weisen Weg aus der Bankenkrise Großbritannien mit Premierminister Gordon Brown an der Spitze hat den Weg beim Kampf gegen die Bankenkrise gewiesen. Die Briten haben den bisher umfassendsten und treffsichersten Plan zur Rettung der finanziellen Systeme vor einem totalen Zusammenbruch vorgelegt. Brown hat Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy einen Empfehlungsbrief über sein Modell geschrieben. Und wurde deshalb zum Euro-Gipfeltreffen am Sonntag nach Paris eingeladen, obwohl sein Land eigentlich nicht zur Eurofamilie gehört. Der Vorteil des britischen Modells besteht darin, dass es die Liquiditätsprobleme der Banken sowohl mit Blick auf kurzfristige Finanzierung wie auf ihre Solidität mit zu wenig Kapital bei zunehmenden Kreditverlusten angeht. (...) Folgen mehrere Länder dem britischen Beispiel, wächst die Chance, dass die Bankmärkte intern wieder normaler funktionieren.» «Heilbronner Stimme»: Regierungen schlucken viele Kröten «Die Stunde der Wahrheit bedeutet das Ende der Bankenszene wie wir sie kennen. Die Ankündigungen der G-7-Staaten und der IWF zur Rettung des Systems, wenn auch recht vage geäußert, und die Maßnahmen der Europäer sind die einzig richtigen Reaktionen auf das weltweite Banken- und Börsenchaos. Die Regierungen schlucken viele Kröten, um ihre Bürger zu schützen. Auch zum Hilfspaket für angeschlagene deutsche Institute gibt es keine Alternative. Die Unvernunft regiert schon zu lange im Finanzmarkt. Davon sind einige Kommunen nicht ausgenommen, die von der Wasserversorgung bis zum Kanalnetz alles an dubiose Finanzinstitute verscherbelt und dann zurückgemietet haben.» «Berliner Morgenpost»: Das Fenster der Möglichkeiten «Wie immer in Zeiten des globalen Ausnahmezustands steht in diesen Wochen jenes window of opportunity offen, ein Zeitfenster, in dem plötzlich weitreichende Entscheidungen durchsetzbar sind, die sonst im alltäglichen Gezänk zerrieben würden. Ob G7 oder EU-Führer, ob Bundesminister oder Parlament - überall arbeiten die politischen Akteure konzentrierter, verantwortungsvoller und einhelliger als in normalen Zeiten. Schulterschluss, so lautet das Gebot der Stunde. Wie sonst nie bietet sich der Politik die Möglichkeit zum Gestalten, verbunden allerdings mit maximaler Verantwortung. Weise Entscheidungen werden über Jahre hinweg nachwirken, ebenso wie hektische Schnellschüsse. Erst in Krisenzeiten zeigt sich, wer die Kunst der Führung wirklich beherrscht.» «Frankfurter Rundschau»: Finanzmärkte fällen das Urteil «Die wirtschaftspolitische Kehrtwende haben die Finanzmärkte erzwungen, obwohl sich die Politik gerade von ihnen emanzipieren möchte. Merkel und Steinbrück wollten das, was sie jetzt tun, mit allen Mitteln vermeiden. Sie wollten nicht verstaatlichen, doch sie müssen. Ob die Regierung richtig handelt, entscheidet in diesen Tagen weder das Parlament noch das Volk. Das Urteil fällen die Finanzmärkte. Wenn sie sich stabilisieren in den nächsten Wochen, sind Merkel und Steinbrück ihrer Verantwortung gerecht geworden. Geht das Chaos weiter, haben sie versagt. Immerhin stehen die Aussichten für eine gewisse Beruhigung so gut wie nie seit Ausbruch der Finanzkrise. Erstmals beweisen Merkel und Steinbrück jene Entschlossenheit, die sie lange vermissen ließen.» «Süddeutsche Zeitung»: Neue Ordnung nötig «Es wird ein Preis zu zahlen sein für all die vertanen Jahre. Das globale Steuerungssystem für Krisen aller Art hat schon zu lange Schlagseite. Der seit dem Zweiten Weltkrieg von den atlantischen Nationen geprägte Rahmen ist gesprengt, eine neue Ordnung ist nötig. Die Leitidee des Westens verblasst, neue Akteure halten sich in den Kulissen bereit. Die Finanzkrise wandelt sich zu einer Weltordnungskrise, davon zeugen die panischen Konferenz-Bemühungen in Washington und Paris. Schadenfreude ist da ein lächerlich kleines Gefühl.» (dpa)
«La Stampa»: Gips für die gebrochenen Knochen «Als Therapie für den Notfall ist das gar nicht schlecht. Die sensiblen Punkte des Finanzmarktes werden mit Fäden zusammengenäht, um weitere Blutungen zu vermeiden. Die gebrochenen Knochen der Banken werden sorgfältig eingegipst.
Und es wird viel Zeit brauchen (mindestens ein Jahr, heißt es, aber wir können uns ruhig schon mal auf eine längere Zeit einstellen), damit der Patient wieder auf seinen eigenen Beinen laufen kann. Wenn der Patient mithilft (oder besser gesagt: Wenn Sparer und Finanzmakler von heute Morgen an damit aufhören, in Panik alles zu verkaufen), dann könnte sich die Genesungszeit jedoch verkürzen.»
«El País»: Der Sozialismus der Reichen «Gesagt hat es der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF): Von nun an müssen die Finanzsysteme, vor allem jene, die die Weltwirtschaft an den Rand des Desasters gebracht haben, stärker reguliert und überwacht werden. Die Steuerzahler in allen betroffenen Ländern haben guten Grund, skeptisch zu sein angesichts dieser Art Sozialismus der Reichen, in den sich die Therapien zur Stützung des globalen Finanzsystems verwandelt haben.
Aber es gibt keine andere Medizin, als zu stützen. Die Untätigkeit als Alternative wäre für alle weitaus kostspieliger. Das Wichtige ist nun, die in Paris beschlossene Koordinierung zu stärken und die Rechnung der Rettungsausgaben gut zu verwalten, damit diejenigen bezahlen, die für den Untergang mitverantwortlich sind.»
«Dagens Nyheter»: Briten weisen Weg aus der BankenkriseGroßbritannien mit Premierminister Gordon Brown an der Spitze hat den Weg beim Kampf gegen die Bankenkrise gewiesen. Die Briten haben den bisher umfassendsten und treffsichersten Plan zur Rettung der finanziellen Systeme vor einem totalen Zusammenbruch vorgelegt. Brown hat Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy einen Empfehlungsbrief über sein Modell geschrieben. Und wurde deshalb zum Euro-Gipfeltreffen am Sonntag nach Paris eingeladen, obwohl sein Land eigentlich nicht zur Eurofamilie gehört.
Der Vorteil des britischen Modells besteht darin, dass es die Liquiditätsprobleme der Banken sowohl mit Blick auf kurzfristige Finanzierung wie auf ihre Solidität mit zu wenig Kapital bei zunehmenden Kreditverlusten angeht. (...) Folgen mehrere Länder dem britischen Beispiel, wächst die Chance, dass die Bankmärkte intern wieder normaler funktionieren.»
«Heilbronner Stimme»: Regierungen schlucken viele Kröten«Die Stunde der Wahrheit bedeutet das Ende der Bankenszene wie wir sie kennen. Die Ankündigungen der G-7-Staaten und der IWF zur Rettung des Systems, wenn auch recht vage geäußert, und die Maßnahmen der Europäer sind die einzig richtigen Reaktionen auf das weltweite Banken- und Börsenchaos.
Die Regierungen schlucken viele Kröten, um ihre Bürger zu schützen. Auch zum Hilfspaket für angeschlagene deutsche Institute gibt es keine Alternative. Die Unvernunft regiert schon zu lange im Finanzmarkt. Davon sind einige Kommunen nicht ausgenommen, die von der Wasserversorgung bis zum Kanalnetz alles an dubiose Finanzinstitute verscherbelt und dann zurückgemietet haben.»
«Berliner Morgenpost»: Das Fenster der Möglichkeiten«Wie immer in Zeiten des globalen Ausnahmezustands steht in diesen Wochen jenes window of opportunity offen, ein Zeitfenster, in dem plötzlich weitreichende Entscheidungen durchsetzbar sind, die sonst im alltäglichen Gezänk zerrieben würden. Ob G7 oder EU-Führer, ob Bundesminister oder Parlament - überall arbeiten die politischen Akteure konzentrierter, verantwortungsvoller und einhelliger als in normalen Zeiten.
Schulterschluss, so lautet das Gebot der Stunde. Wie sonst nie bietet sich der Politik die Möglichkeit zum Gestalten, verbunden allerdings mit maximaler Verantwortung. Weise Entscheidungen werden über Jahre hinweg nachwirken, ebenso wie hektische Schnellschüsse. Erst in Krisenzeiten zeigt sich, wer die Kunst der Führung wirklich beherrscht.»
«Frankfurter Rundschau»: Finanzmärkte fällen das Urteil«Die wirtschaftspolitische Kehrtwende haben die Finanzmärkte erzwungen, obwohl sich die Politik gerade von ihnen emanzipieren möchte. Merkel und Steinbrück wollten das, was sie jetzt tun, mit allen Mitteln vermeiden. Sie wollten nicht verstaatlichen, doch sie müssen. Ob die Regierung richtig handelt, entscheidet in diesen Tagen weder das Parlament noch das Volk. Das Urteil fällen die Finanzmärkte.
Wenn sie sich stabilisieren in den nächsten Wochen, sind Merkel und Steinbrück ihrer Verantwortung gerecht geworden. Geht das Chaos weiter, haben sie versagt. Immerhin stehen die Aussichten für eine gewisse Beruhigung so gut wie nie seit Ausbruch der Finanzkrise. Erstmals beweisen Merkel und Steinbrück jene Entschlossenheit, die sie lange vermissen ließen.»
«Süddeutsche Zeitung»: Neue Ordnung nötig«Es wird ein Preis zu zahlen sein für all die vertanen Jahre. Das globale Steuerungssystem für Krisen aller Art hat schon zu lange Schlagseite. Der seit dem Zweiten Weltkrieg von den atlantischen Nationen geprägte Rahmen ist gesprengt, eine neue Ordnung ist nötig. Die Leitidee des Westens verblasst, neue Akteure halten sich in den Kulissen bereit. Die Finanzkrise wandelt sich zu einer Weltordnungskrise, davon zeugen die panischen Konferenz-Bemühungen in Washington und Paris. Schadenfreude ist da ein lächerlich kleines Gefühl.» (dpa)