Kommentar zum Finanzmarkt:
Die europäische Krise
07. Okt 2008 10:50
 |  Es brennt lichterloh. Wer ist der Feuerwehrmann? | Foto: AP |
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Es ist die Zeit der brachialen Demonstrationen in der Krisenabwehr, bei denen jähe Richtungswechsel nicht ausgeschlossen sind, kommentiert
Matthias Loke. Nun reiche es nicht mehr aus, nur auf nationaler Ebene zu handeln.
Auf dem globalen Finanzmarkt brennt es an allen Ecken und Enden, und zwar mittlerweile lichterloh. Von einer Beruhigung der Lage ist nach den Rettungsaktionen für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate und der Staatsgarantie für die Spareinlagen der Bürger nichts zu erkennen. Im Gegenteil: Die Nervosität hat nochmals zugenommen, der Übergang zu panischen Aktionen ist fließend.
Siehe die Börsen: An den Aktienmärkten rauschten am Montag die Kurse - wieder einmal - gewaltig in die Tiefe, von Tokio über Frankfurt bis nach New York. Keiner will mehr kalt erwischt werden, niemand will in irgendeinem Risiko stecken, alle rechnen mit der Verschlechterung der weltweiten Wirtschaftslage. Vertrauen hat sich vollständig in Nichts aufgelöst.
Deutlicher geht es nicht
Nach anfänglichem Zögern hat die Bundesregierung begriffen, wie ernst die Lage wirklich geworden ist. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück räumte ein, dass er sich noch vor einer Woche nicht vorstellen konnte, dass Turbulenzen bei isländischen Banken Auswirkungen in Deutschland haben könnten. Schadenfreude oder Krittelei am politischen Gegner aus diesem Grund ist aber völlig fehl am Platz, weil niemand diese Auswirkungen vorhergesagt hat. In aller Offenheit bezeichnete der Krisenmanager der Regierung die Situation an den deutschen Finanzmärkten als weiterhin hoch gefährlich. Nichts sei derzeit auszuschließen.Deutlicher kann ein Minister nicht werden. Denn es geht um nichts anderes als die mögliche Kernschmelze des Systems, die verhindert werden muss. Das vermag allein nur noch der Staat mit massiven Eingriffen in den Markt zu bewerkstelligen. Gerade auch deshalb hat Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Finanzminister den Bürgern die Garantie für ihre Spareinlagen gegeben, um die Angst einzudämmen und einen Ansturm von verunsicherten Kunden auf die Geldhäuser zu verhindern.
Unabsehbare Folgen
Im Fall der Hypo Real Estate hat die Regierung das mögliche und zwingende getan. Sie hat die Scherben des ersten gescheiterten Rettungspakets wieder zusammengekehrt und ein zweites geschnürt. Ein Zusammenbruch der Bank hätte eben nicht nur ein Beben in der Branche ausgelöst, sondern auch unabsehbare Folgen in der gesamten Volkswirtschaft gehabt - einschließlich der Kunden, die auf die absolute Sicherheit von Pfandbriefen vertraut haben. Schon der Umstand, dass ein zweiter Anlauf nötig war, hat erneut für tiefere Verunsicherung gesorgt.Aber das alles wird auf Anhieb nicht ausreichen, um die Nervosität in den Märkten zu senken und den möglichen Kollaps auszuschließen. Es ist nicht mehr die Zeit der kleinen Schritte, sondern der brachialen Demonstrationen in der Krisenabwehr, bei denen jähe Richtungswechsel nicht ausgeschlossen sind. Bis zum Wochenende wurde beispielsweise Irland kritisiert, weil das Land im Alleingang eine Staatsgarantie für alle Einlagen der heimischen Banken abgegeben hatte.
Blan B
Am Sonntagnachmittag war Irland mit dieser Entscheidung jedoch schon nicht mehr allein, dann zog die deutsche Bundesregierung mit ihrer Garantieerklärung nach. Nun folgten Dänemark, Österreich und auch Schweden mit ähnlichen Schritten.Nach dem Rettungspaket für die Hypo Real Estate - Plan A - ist die Regierung nun dabei, einen Plan B für weitere Fälle und die gesamte Branche auszuarbeiten. Das ist zweifellos ein richtiger Schritt. Denn der Staat als einzig verbliebener Retter in der Not kann nicht warten, bis ein möglicher weiterer Absturzkandidat auftaucht und dann das nächste Paket schnüren. Es muss ein Szenario für eine tragfähige Absicherung der gesamten Branche erarbeitet werden. Es wurde in der Vergangenheit zwar oft und ausreichend die Stabilität des dreigliedrigen deutschen Banksystems gerühmt- nur ist das in der globalen Krise nicht viel wert.
Reicht das nationale Agieren aus?
Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob das Agieren auf nationaler Ebene in Europa ausreicht. Die großen Vier in der Europäischen Union - Frankreich, Italien, Großbritannien und Deutschland - hatten sich am Wochenende nach vorangegangenen Zurückweisungen zwar auf eine stärkere Koordinierung ihres Vorgehens geeinigt und dabei immerhin ein Heiligtum des Stabilitätspaktes zumindest zeitweise aufgegeben, nämlich die Defizitgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Aber die Krise grassiert - und es würde gerade in diesem Fall der Europäischen Union, die als vereinter Wirtschaftsraum im globalen Maßstab eine wichtige Rolle spielen will, gut anstehen, mehr Gemeinsamkeiten zu zeigen. Die Krise der Finanzmärkte und der Bankenbranche ist kein Problem, das sich nach nationalen Grenzen richtet - das haben die letzten Tage doch drastisch vor Augen geführt. Wie bei Steinbrücks Plan B werden großflächige Lösungen und Konzepte benötigt, nicht nur punktuelle Reparaturen. Dafür muss die EU alles mobilisieren, was der Staatengemeinschaft zur Verfügung steht.Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung». Matthias Loke leitet das Wirtschaftsressort.