Experten zur Staatsgarantie für Sparer:
Eine «äußerst sinnvolle» Beruhigungspille
06. Okt 2008 15:26, ergänzt 15:56
 |  Sollen unberührt bleiben: Sparschweine und andere Einlagen | Foto: dpa |
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Um Kurzschlussreaktionen bei deutschen Bankkunden zu vermeiden, hat der Bund ihnen die Sicherheit ihrer Einlagen garantiert. Ein in erster Linie symbolisches Versprechen – aus psychologischer Sicht aber schlicht genial.
Von Anfang an hat die Berichterstattung zur Weltfinanzkrise ein zentraler Begriff geprägt: Vertrauensverlust. Angesichts ständig neuer Schlagzeilen über Milliarden-Defizite haben vor allem jene Menschen ihren Glauben in das System verloren, deren Privatkapital ihm überhaupt erst Leben einhaucht: Die Durchschnitts-Sparer.
«Ihnen Sicherheit zu garantieren war das Beste und einzig Richtige, was die Politiker tun konnten», sagte Heinrich Wottawa, Leiter des Studiengangs Wirtschaftspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit der Netzeitung.
Am Sonntag hatte die Bundesregierung eine Art Staatsgarantie für private Spareinlagen in ganz Deutschland ausgesprochen: «Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind», beruhigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). «Nicht einen Euro» müssten sie zu verlieren fürchten, betonte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) – ein klares Signal, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Für die meisten von ihnen sei die Finanzkrise etwas völlig Abstraktes, meint der Wirtschaftspsychologe Wottawa. «Obwohl die realen Konsequenzen für uns gar nicht so schwer wiegen, fühlen viele eine diffuse Bedrohung.» Die konkrete Sorge sei nun, ob die Sparer «nun alles abheben und zuhause unter der Matratze verstecken müssen». Das wäre aber die «totale Katastrophe», denn dann breche das Finanzsystem völlig zusammen.
Abwarten und Kurse beobachten
Eine Gefahr sieht der Wirtschaftspsychologe im möglichen Missverständnis von Merkels Aussage: «Vielleicht wiegen sich ältere Besitzer von Wertpapieren nun in Sicherheit, aber Aktien sind von der Staatsgarantie nicht betroffen». Wer Geld in Unternehmenspapieren oder Fonds anlegte, genießt keinen Schutz. Ist der Aktienkurs am Boden, ist das Geld weg.Trotz dieser Tatsache bewertet auch Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, die Staatsgarantie als «äußerst sinnvoll zur Beruhigung des Volkes». Eine außergewöhnliche Situation wie diese erfordere nun mal außergewöhnliche Maßnahmen – «obwohl ich nicht glaube, dass sie in dieser Höhe wirklich eintritt, sondern symbolisch gemeint war».
Über 1000 Milliarden Euro
Die berechnete Garantiesumme klingt gewaltig: Laut Bundesfinanzministerium liegen auf den Termin-, Spar- und Girokonten deutscher Sparer «deutlich über 1000 Milliarden Euro», wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtete. Durch die gesetzliche Sicherung der Banken ist dieses Geld laut Hocker aber «sowieso schon sicher», die Staatsgarantie würde nur im Extremfall und nur teilweise in Anspruch genommen werden müssen.
Im Fall einer Pleite deckt das bankeneigene Sicherungssystem 90 Prozent des angelegten Kapitals ab – sofern es nicht über 20.000 Euro pro Person hinaus geht. Für den Rest bürgt der Einlagensicherungsfonds der Banken, der im Fall mehrerer Insolvenzen vom Staat ergänzt werden müsste. Mit ihrer Garantie will die Regierung nun Vertrauen stärken. «Die Menschen glauben der freien Wirtschaft immer weniger. Einer Aussage der Regierung messen sie viel mehr Gewicht bei – denn die kann gar nicht pleite gehen», sagte Hocker der Netzeitung. Doch selbst unter Regierungsvertretern gibt es Skepsis: Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) relativierte die frohe Botschaft Merkels: Es handele sich um eine Garantie «ohne jede Rechtsverbindlichkeit», sagte er in der ARD. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sprach hingegen am Montag von einer dauerhaft «belastbaren und entscheidenden politische Aussage».
Die Regierung will um jeden Preis verhindern, dass massenhaft Gelder von den Banken abgezogen werden. Grundvertrauen wird es in Wottawas Augen aber erst wieder geben, wenn die derzeitige Krise verebbt, was sich auch am Aktienmarkt zeigen wird. «Es bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis sich die Kurse erholen». Solange die diffuse Bedrohung da ist, hätten rationale Argumente gar keine Chance – «denn der Mensch kann sich nur an Schlaglichtern orientieren».
Für das Web ediert von Maike Schultz