01.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Peer Steinbrück
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Mit der Bürgschaft für die Hypo Real Estate hat der Bund nun auch einem Privatinstitut unter die Arme gegriffen. Matthias Breitinger erklärt, woran die Banken derzeit leiden und warum die HRE fürs Finanzsystem wichtig ist.
Mit der Liquiditätskrise beim Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) hat die Finanzkrise auch in Deutschland einen Höhepunkt erreicht. Nachdem der Staat schon bei öffentlich-rechtlichen Banken in die Bresche gesprungen war, gibt der Bund nun auch einem Privatinstitut eine Bürgschaft.
Der Staat steht insgesamt für 26,6 Milliarden Euro gerade, das sind knapp zehn Prozent des Bundesetats 2008. Da es sich lediglich um eine Bürgschaft handelt, fließt zunächst kein einziger Steuer-Cent. Allerdings halten Experten die Wahrscheinlichkeit für groß, dass zumindest ein Teil der Summe wird fließen müssen.
Bei der HRE besteht derzeit das Problem, dass ihre Tochter Depfa, die sich auf die Finanzierung der öffentlichen Hand spezialisiert hat, in akuten Liquiditätsnöten steckt. Die Depfa leidet in besonderem Maße unter der Vertrauenskrise, die derzeit im Finanzsektor herrscht: Das Misstrauen der Banken untereinander ist derzeit so groß, dass sie sich nicht mehr, wie sonst üblich, gegenseitig Geld ausleihen vor allem kurzfristiges Kapital, das sie zur Abwicklung ihrer täglichen Geschäfte benötigen.
VertrauensschwundÜblicherweise gibt es dafür den so genanten Interbankenmarkt, auf dem der Geld- und Kreditverkehr zwischen den Banken abläuft. Voraussetzung dafür ist aber eine ausgezeichnete Bonität. Denn wer würde Geld an jemanden verleihen, wenn das Risiko hoch wäre, es nicht zurückzubekommen? Genau das ist derzeit aber das Problem. An den Märkten herrscht eine große Ungewissheit darüber, welche Bank in welchem Umfang faule Kredite und Ramsch-Hypotheken in ihren Bilanzen hat.
Daher ist das Vertrauen so sehr zerrüttet, dass der Interbankenmarkt nahezu brach liegt. Hier springen die Zentralbanken ein und stellen regelmäßig frisches Kapital zur Verfügung. Das geringe Vertrauen spiegelt sich in den relativ hohen Zinsen nieder, die Banken für die Refinanzierung momentan zu zahlen haben. Das spürt übrigens auch der private Verbraucher er wird von Banken derzeit umworben, weil sie um Einlagen buhlen, mit denen sie dann arbeiten können. Deshalb sind Zinsen für Tages- und Festgeld derzeit recht hoch.
Die Depfa ist in besonderem Maße von der Refinanzierung am Interbankenmarkt abhängig, da sie nicht über Kundeneinlagen verfügt. Besonders problematisch war dabei, dass die HRE-Tochter sich für langfristige Projekte, für die sie Geld verliehen hat, sehr kurzfristig refinanziert. Das geht in «normalen» Zeiten, wenn der Geldstrom fließt, gut, doch in der Krise fiel dieses Geschäftsmodell in sich zusammen und nun muss die Mutter HRE einspringen.
Pfandbriefmarkt im BlickDoch warum hat die Bundesregierung HRE und Depfa überhaupt abgesichert? Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sowie Bundesbank und Finanzaufsicht Bafin gehen davon aus, dass die Alternative ein Zusammenbruch viel schlimmer und teurer gewesen wäre. Konkret ging es vor allem um den noch funktionierenden Pfandbriefmarkt, der durch eine Pleite der HRE erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden wäre.
Die Hypo Real Estate ist weltweit der zweitgrößte Anbieter von Pfandbriefen. Diese gelten als sehr sichere Anlage, weil hinter den Pfandbriefen reale Werte stecken, etwa Immobilien oder Kredite an die öffentliche Hand, die praktisch nicht pleite gehen kann. Das Geschäft mit diesen Papieren läuft deshalb derzeit sehr gut: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres setzten die Pfandbriefbanken fast ein Viertel mehr Papiere ab als im gleichen Zeitraum 2007. Diesen Markt hätte eine HRE-Pleite schwer gestört, urteilten Bundesbank und Bafin.
Letztlich dient die Rettung der HRE aber vor allem dazu, einen Dominoeffekt zu verhindern. Das Bankengeschäft basiert auf Vertrauen. So lange dieses im Finanzsektor nicht wieder zurückgekehrt ist, wird die Krise anhalten und sich womöglich verschärfen. Das spürt beispielsweise auch die Aareal Bank, ein auf gewerbliche Immobilien konzentrierter Finanzierer mit Sitz in Wiesbaden. Nach der Krise bei der HRE brach auch der Aktienkurs von Aareal ein, weil am Markt die Sorge aufkam, dass neben der Hypo Real weitere Immobilienfinanzierer bedroht sein könnten. Dies wies Aareal zurück: Man sei «kerngesund» und solide refinanziert, hieß es. Das Unternehmen werde grundlos «in Sippenhaft genommen».
Stockt der Geldstrom, steht die WirtschaftDie Angst vor dem Dominoeffekt herrscht erst recht an der Wall Street in New York. Deshalb hatte US-Finanzminister Henry Paulson ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket angeschoben, das in dieser Woche aber überraschend im Repräsentantenhaus durchfiel. Ziel war es, den strauchelnden US-Banken faule Kredite abzukaufen. Damit hätten sich die Institute ihrer Last entledigt in der Hoffnung, dass damit das Vertrauen zurückkehrt und das stockende Interbankengeschäft wieder anspringt. In Europa wird zwar manchenorts auch über ein ähnliches Rettungspaket gesprochen, doch erscheint es derzeit nicht akut, da hier Banken anders abgesichert sind als in den USA.
Die Forderung Richtung Washington, in den kommenden Tagen doch noch den Hilfsplan abzusegnen, wird vielfach verbunden mit der Warnung, andernfalls drohten unabsehbare Folgen für die gesamte US-Wirtschaft und dann womöglich auch der Weltwirtschaft. Oder, wie es Präsident George Bush im Weißen Haus hinter verschlossenen Türen ausgedrückt haben soll: Ohne rasches Handel könnte Amerika «der ganze Scheiß» um die Ohren fliegen.
Die Sorge ist nicht unberechtigt. Der praktisch zusammengebrochene Geldmarkt könnte durchaus auf die Realwirtschaft durchschlagen. Grob gesagt: Der gesamte Wirtschaftskreislauf kann nur funktionieren, wenn Kapital im Fluss ist. Stockt der Geldstrom, können Unternehmen Investitionen nicht mehr finanzieren, was Wachstum und damit Arbeitsplätze gefährdet. Daher spricht man berechtigt von den Banken als «Schmiermittel der Wirtschaft».