01.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Josef Ackermann hat leider Recht behalten
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Mit dem Abwälzen der Hauptrisiken auf den Staat bestätigen die Banken die schlimmsten Vorurteile über sie, kommentiert Gerold Büchner . Die Bankmanager haben versagt - im Entstehen der Krise und beim Versuch ihrer Bewältigung.
Die Autorennen quer über den amerikanischen Kontinent hießen treffend «Cannonball», Kanonenkugel: Ohne alle Regeln, ohne Limit und ohne Rücksicht auf Verluste ging es in den siebziger Jahren von New York nach Los Angeles. In der Realität war das Gefahr und Geschwindigkeitsrausch pur, in Filmen über das Phänomen eine tödliche Angelegenheit. Jahrzehnte später ahmte die Bankenwelt das Cannonball-Prinzip nach, nur dass es um Profit statt Tempo ging. Das Ergebnis ist die größte Finanzmarktkrise seit 1929.
Die Illusion, dass sich die Folgen dieser Krise weitgehend auf die USA begrenzen ließen und Deutschland oder Europa nur indirekt betroffen wären, ist zerstoben. In der größten staatlichen Rettungsaktion wirft die Bundesregierung mehr als 26 Milliarden Euro Steuergelder in die Waagschale, um den havarierten Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate und mit ihm das deutsche Bankensystem zu stabilisieren. Die Konjunktur wird leiden, Arbeitsplätze verschwinden, und vermutlich sind die Konsolidierungsziele für den Bundeshaushalt Makulatur. Zeit also, dass die Politik Klartext redet - mit den Bankern und für die Bürger.
Die Bankmanager haben versagt, und zwar nicht nur im Entstehen der Krise, sondern auch beim Versuch ihrer Bewältigung. Vor einem halben Jahr erst lieferten sich die Chefs der Deutschen Bank und des deutschen Bankenverbands einen scheinbar akademischen Disput darüber, ob staatliche Hilfsmaßnahmen nötig sind.
Plötzliche ZweifelJosef Ackermann zweifelte plötzlich an den Selbstheilungskräften des Marktes, die bisher zu seinem Credo gehörten. Verbandschef Klaus-Peter Müller dagegen behauptete, es gebe keine «Abwärtsspirale mit systemischen Risiken», die Eingriffe rechtfertigen könnte. Nun ja, Ackermann hat diesmal Recht behalten - zum Schaden der Steuerzahler und zur Schande seiner Zunft.
Mit dem Abwälzen der Hauptrisiken auf den Staat bestätigen die Banken die schlimmsten Vorurteile über sie. Ausgerechnet diejenigen, die möglichst regelfreies Wirtschaften ebenso wie exorbitante Managergehälter stets mit ihrer besonderen Verantwortung rechtfertigten, verweigern diese beim ersten heftigen Windstoß.
Die fünf größten deutschen Banken riskieren zur Rettung ihrer kleinen Schwester gerade mal acht Milliarden Euro - die Hälfte ihres Vorjahresgewinns und einen Bruchteil ihrer Bilanzsummen. Wer so viel Misstrauen in die eigene Kraft offenbart, kann kaum Vertrauen von Partnern und Kunden erwarten. Das geringe Engagement bei der Hypo-Bürgschaft, die die Krise entschärfen soll, dürfte sie mittel- bis langfristig eher schüren.
Nun ist die Regierung am ZugVerantwortung und Vertrauen bedingen einander, und es ist an der Bundesregierung, die Banken auf den Zusammenhang hinzuweisen. So richtig die Risikoabschirmung sein mag - der Staat darf ein solches Wagnis nicht umsonst eingehen. Wenn die Regierung jetzt eingreift, dann muss sie sich zugleich künftige Eingriffsrechte sichern, die weit über die bisherige Bankenaufsicht hinausgehen. Sie muss die Geldinstitute zu viererlei zwingen: Risiken begrenzen, Transparenz verstärken, Haftung verbessern und mehr interne Kontroll- wie Warnmechanismen verankern.
Am besten wäre es, die Europäische Union fände dazu bald einvernehmliche Regeln und wiese so der wankenden, aber weiterhin unverzichtbaren Finanzmacht USA die Richtung.
Das Rennen stoppen!Kurz gesagt: Der Staat muss die Cannonball-Rennen nach immer höherer Rendite stoppen und den Banken verbindliche Regeln vorschreiben - auch in deren Interesse übrigens und im Sinne dessen, was sich als Nachhaltigkeit der Kreditwirtschaft bezeichnen lässt. Auf deren Funktionieren ist eine moderne Gesellschaft existenziell angewiesen.
Eine verschärfte Regulierung der Finanzmärkte nebst wirksamer Aufsicht bedeutet nicht, dass der Staat sich nach dem Crash der privaten Finanzwelt ans Steuer setzt - wie Wirtschaftsliberale befürchten und manche Linke hoffen. Auf den Autobahnen gibt es ja auch Leitplanken, klare Regeln und wo nötig Tempolimits. Sie binden und schützen die Verkehrsteilnehmer, fahren müssen sie selbst.
Gegenüber den Bürgern ist jetzt, da die Finanzkrise und ihre Folgen für Deutschland sich nicht mehr kleinreden lassen, unbedingte Offenheit erforderlich. Lange hat die Regierung zu beschwichtigen versucht, um das angeknackste Vertrauen in die Banken nicht ganz zu brechen. Das war wohl gut gemeint, droht aber ins Gegenteil umzuschlagen. Wenn sich die Banken schon gegenseitig misstrauen und damit den Geldfluss hemmen, fürchten zwangsläufig auch die Bürger um ihre Einlagen und Depots.
Der Finanzminister, besser noch die Kanzlerin sollte daher offenlegen, welche weiteren Risiken für die Staatskasse bestehen und wie sie zu bewältigen sind. Kurzfristig kann das die Sorgen verstärken und bei Einzelnen unvorsichtige Reaktionen auslösen. Eine massenhafte Sparerpanik aber und damit eine Katastrophe sind nur durch Klarheit und Wahrheit abzuwenden.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».